SAP Aktie: Profit-Riese im freien Fall? Die Cloud-Wette nach den Q3-Zahlen (2025)
Dominik Fischer
Gründer und Chefredakteur von finomenal.de
Die Aktie der SAP SE präsentiert sich im November 2025 als ein tiefes Paradoxon. Die jüngsten Q3-Zahlen vom 22. Oktober waren fundamental stark: Der Cloud-Auftragsbestand (Current Cloud Backlog, CCB) – also bereits verkaufte, aber noch nicht abgerechnete Abos – wuchs währungsbereinigt um 27 % auf 18,8 Mrd. €. Das Wachstum der Kern-Software, der Cloud-ERP-Suite, stieg währungsbereinigt sogar um 31 %. Gleichzeitig erhöhte sich der operative Gewinn (Non-IFRS) um 19 %, und das Management hob die Prognose für den Free Cash Flow (FCF) 2025 auf 8,0 bis 8,2 Mrd. € an.
Trotz dieser starken Ergebnisse fiel die Aktie nach den Zahlen und notiert nahe ihrem 52-Wochen-Tief. Der Auslöser: Das Management stellte klar, dass der Cloud-Umsatz 2025 am unteren Ende der bisherigen Spanne liegen dürfte – ein Signal für verlangsamtes Wachstum.
Dieser Konflikt offenbart das zentrale Investitionsthema bei SAP. Das Unternehmen befindet sich in einer erzwungenen Großtransformation. Die Wartung für das alte Kernprodukt ECC, das noch bei Tausenden von Unternehmen läuft, endet 2027. Diese Kunden müssen auf die neue S/4HANA-Cloud-Plattform migrieren. SAP setzt dabei auf zwei Hebel: die Deadline als Druckmittel und die neue Business-AI-Plattform Joule als Anreiz, da KI-Funktionen nur in der Cloud verfügbar sind.
Der Übergang ist jedoch riskant. Daten deuten darauf hin, dass bis 2027 nur etwa 57 % der Altkunden migriert sein werden. Aggressive Konkurrenten nutzen diese Trägheit aus. Oracle hat SAP beim reinen ERP-Umsatz bereits überholt und positioniert das eigene Angebot als „Cloud-Native“, während SAP als „Legacy“ dargestellt wird.
Eine Investition in SAP ist daher weniger eine Wette auf das Produkt als vielmehr eine Wette auf die Exekutionsfähigkeit von CEO Christian Klein. Gelingt es ihm, die größte B2B-Kundenbasis der Welt rechtzeitig in ein hochprofitables Cloud-Abo-Modell zu überführen?
Management/CEO Track Record Analysis (Die „Klein-Wette“)
Christian Klein, seit April 2020 alleiniger CEO und seit 1999 im Unternehmen, verantwortet diese Transformation. Er folgte auf Bill McDermott, der SAP durch zahlreiche Zukäufe in die Cloud drängte. Klein musste anschließend die fragmentierte Struktur integrieren und das Kernprodukt selbst in die Cloud heben.
Sein Start war holprig. 2020 opferte er bewusst kurzfristige Margen, um die Cloud-Transformation zu beschleunigen, was zu einem massiven Kurssturz führte. Seine Glaubwürdigkeit wurde stark belastet.
Fünf Jahre später beginnt sich diese Strategie auszuzahlen. „RISE with SAP“ ist etabliert, das Cloud-Wachstum robust, und die Profitabilität kehrt kräftig zurück. Die Q3-Zahlen liefern die bisher stärkste Bestätigung, dass Kleins Ansatz funktioniert – wenn auch langsamer, als der Markt es erwartet.
Überblick zum Unternehmen/Asset
SAP ist das wertvollste Technologieunternehmen Europas und der globale Marktführer für Enterprise-Resource-Planning-Software (ERP). SAP fungiert als das digitale Betriebssystem eines Unternehmens und steuert zentrale Prozesse wie Finanzen, Personal, Logistik und Produktion in Echtzeit.
Historisch dominierte SAP durch Einmal-Lizenzen (ECC) und hochprofitable Wartungsverträge. Dieses Modell ist jedoch überholt. Die Zukunft liegt in der S/4HANA-Cloud-Plattform, verkauft im Rahmen von „RISE with SAP“ als skalierbares Abonnement.
Kernfrage oder Investment-These
SAPs Burggraben basierte jahrzehntelang auf enormen Wechselkosten. Ein Unternehmen, das seine gesamte Wertschöpfung über SAP abwickelt, kann nicht leicht wechseln. Die entscheidende Frage lautet: Sind diese Wechselkosten im Cloud-Zeitalter noch hoch genug, um die Zwangsmigration der ECC-Kunden sicherzustellen?
Oder droht SAP zur „Value Trap“ zu werden – ein träges Altprodukt mit hoher Kundenbasis, die von agilen Cloud-Konkurrenten wie Oracle, Microsoft oder Workday schrittweise abgetragen wird?
Ziel dieser Analyse ist es, die Q3-Zahlen zu zerlegen, die Migrationsgeschwindigkeit realistisch zu bewerten, die Wettbewerbssituation zu analysieren und mit einem Discounted-Cash-Flow-Modell einen fairen Wert der Aktie zu bestimmen.