
Amazon FBA: Steigende Kosten und neue Strategien für E-Commerce-Händler
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Die Landschaft des E-Commerce befindet sich im Wandel, und Amazon FBA (Fulfillment by Amazon) steht dabei im Zentrum vieler Diskussionen. Steigende Gebühren, insbesondere für die Lagerung, zwingen Händler dazu, ihre Strategien zu überdenken und nach alternativen Fulfillment-Lösungen Ausschau zu halten. Diese Entwicklung betrifft sowohl etablierte Marken als auch neue Marktteilnehmer, die ihre Margen schützen und die Kontrolle über ihre Bestandsverwaltung behalten wollen.
Die Erfahrung einer E-Commerce-Gründerin
Kathleen Elkins, eine Journalistin, die jahrelang über erfolgreiche Amazon-Verkäufer berichtete, entschied sich 2024, selbst ins E-Commerce-Geschäft einzusteigen. Zusammen mit einem Freund gründete sie ein Unternehmen für Pickleball-Paddel und investierte jeweils 5.000 US-Dollar aus ihren Ersparnissen. Nach der Entwicklung des Produkts bestellten sie Anfang 2025 eine Mindestmenge von 500 Einheiten, wovon 250 Paddel an Amazon und 250 an sie selbst in Los Angeles geschickt wurden.
Der Plan war ein hybrides Modell aus Shopify und Amazon, um die Kundenbasis zu identifizieren. Während Shopify bessere Margen durch weniger Plattformgebühren versprach, sollte Amazon die Sichtbarkeit und den "garantierten Traffic" liefern. Doch nach einem Jahr stellte sich heraus, dass die Lernkurve auf Amazon teuer war. Im Februar 2026 betrug der Kontostand ihres Geschäftskontos nur noch knapp über 6 US-Dollar, nachdem Amazon fast 300 US-Dollar an Servicegebühren abgebucht hatte.
Der Hauptgrund für diese hohen Kosten war der "aged inventory surcharge" – ein Zuschlag für Lagerbestände, die 181 Tage oder länger im Amazon-Fulfillment-Netzwerk lagern. Dieser Zuschlag steigt mit der Lagerdauer: Für Artikel, die 331 bis 365 Tage lagern, fallen 5,90 US-Dollar pro Kubikfuß an. Angesichts der drohenden weiteren Erhöhung auf 7,90 US-Dollar pro Kubikfuß für noch ältere Bestände, entschieden sie sich, den Großteil ihrer Paddel aus Amazon-Lagern abzuziehen.
FBA-Gebühren 2026: Was sich ändert
Amazon hat für 2026 weitere Anpassungen im FBA-Programm vorgenommen, die die Margen, die Bestandsplanung und die Fulfillment-Strategie der Verkäufer direkt beeinflussen. Ab dem 15. Januar 2026 steigen die FBA-Gebühren im Durchschnitt um 0,08 US-Dollar pro Einheit, was weniger als 0,5 % des durchschnittlichen Verkaufspreises eines Artikels ausmacht.
Die tatsächlichen Auswirkungen variieren jedoch stark je nach Produktgröße, Preisklasse und Bestandsverhalten. Für viele Marken bedeuten höhere Kosten für die Einlagerung, Lagergebühren und Bearbeitungsgebühren für Retouren, dass sie ihre Abhängigkeit von FBA überdenken und hybride Fulfillment-Modelle in Betracht ziehen müssen.
Zu den wichtigsten FBA-Gebührenänderungen im Jahr 2026 gehören:
- Inbound Placement Fees: Amazon berechnet weiterhin Gebühren für die Verteilung des Inventars über sein Fulfillment-Netzwerk. Marken, die Bestände an weniger Standorte versenden oder große Nachlieferungen tätigen, sehen höhere Logistikkosten.
- Storage Fees: Die monatlichen Lagergebühren bleiben erhöht, insbesondere während der Hochsaison. Langzeitlagerstrafen machen langsam verkaufende und saisonale Bestände in Amazon-Lagern teurer.
- Fulfillment Fees: Die Kosten pro Einheit für Kommissionierung, Verpackung und Versand sind für viele Produktkategorien gestiegen. Größere und schwerere Artikel sind von den größten Erhöhungen betroffen.
- Returns Processing Fees: Erweiterte Bearbeitungsgebühren für Retouren gelten nun für zusätzliche Kategorien, was den Kostendruck für Bekleidung, Schuhe und andere Produkte mit hoher Retourenquote erhöht.
Zusätzlich dazu bietet Amazon ab dem 1. Januar 2026 in den USA keine Vorbereitungs- und Etikettierungsdienste mehr für FBA-Sendungen an. Dies bedeutet, dass Verkäufer nun vollständig dafür verantwortlich sind, dass jedes Produkt verkaufsfertig ist, bevor es die Amazon-Fulfillment-Zentren erreicht.
Warum Amazon die Gebühren erhöht
Amazon begründet die Gebührenerhöhungen mit den steigenden Betriebskosten in seinem gesamten Fulfillment-Netzwerk. Dazu gehören höhere Arbeitskosten, Engpässe bei Lagerflächen und die wachsende Nachfrage nach schnelleren Lieferungen. Gleichzeitig investiert Amazon stark in die Infrastruktur, um die Erwartungen an den Prime-Service aufrechtzuerhalten.
Durch die Verlagerung eines größeren Teils dieser Kosten auf die Verkäufer schützt Amazon seine Margen und kann gleichzeitig den Kunden weiterhin Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit bieten. Dies signalisiert eine Verschiebung hin zu einer strengeren Bestandsverwaltung und höheren Betriebskosten für Verkäufer in nahezu jeder Kategorie.
Alternativen zu Amazon FBA: Mehr Kontrolle und Branding
Die steigenden Kosten und die zunehmende Komplexität von FBA veranlassen viele Händler, über Alternativen nachzudenken. Amazon FBA bietet zwar Komfort und Prime-Berechtigung, doch es gibt auch Nachteile, die über die reinen Gebühren hinausgehen.
- FBA-Kapazitätsgrenzen: Seit März 2023 begrenzt Amazon die Menge an Inventar, die an seine Fulfillment-Zentren gesendet werden kann, in der Regel auf etwa drei Monate, basierend auf dem Inventory Performance Index (IPI)-Score. Dies kann restriktiv sein, wenn Händler für einen Produktlaunch aufstocken oder beliebte Artikel vorrätig halten möchten.
- Branding-Kontrolle: FBA bedeutet, dass Produkte in Amazon-gebrandeten Verpackungen versendet werden. Für Marken, die eine eigene Identität aufbauen wollen, ist dies ein Nachteil.
- Kundenkontakt: Amazon bietet keinen direkten Kontakt zu den eigenen Kunden, was die Markenbindung erschwert.
- Kundensupport: Der Amazon Seller Support kann oft als labyrinthartig empfunden werden, mit langen Wartezeiten und standardisierten Antworten.
Angesichts dieser Herausforderungen suchen Händler nach Fulfillment-Partnern, die folgende Merkmale bieten:
- Transparente Preisstruktur: Klare Aufschlüsselung von Lagergebühren, Pick-and-Pack-Kosten, Versandtarifen und zusätzlichen Gebühren.
- Bestandskontrolle und operative Flexibilität: Mehr Kontrolle über Lagermethoden, Verpackungsverfahren und Versandprotokolle sowie Anpassung an saisonale Schwankungen.
- Individuelle Branding-Möglichkeiten: Die Nutzung eigener Verpackungen, Logos und Markenbeilagen für ein einzigartiges Unboxing-Erlebnis.
- Reaktionsschneller Kundensupport: Ein fester Ansprechpartner, der das Konto kennt und Probleme schnell lösen kann.
Die direkteste Alternative ist Fulfillment by Merchant (FBM), bei dem der Händler die Lagerung, Kommissionierung, Verpackung und den Versand selbst übernimmt. Dies kann die kostengünstigste Option sein, wenn der Platz und die Logistikkenntnisse vorhanden sind. Eine weitere Möglichkeit sind Third-Party Logistics (3PL)-Anbieter, die Fulfillment-Dienstleistungen anbieten und oft wettbewerbsfähige Versandtarife sowie individuelle Branding-Optionen ermöglichen.
Amazon im Wandel: Logistik, KI und Effizienz
Die Entwicklungen bei Amazon spiegeln einen breiteren Trend wider. Der Konzern strafft seine Logistik und setzt verstärkt auf Effizienz und künstliche Intelligenz (KI). Im Januar 2026 kündigte Amazon den Abbau von 16.000 Unternehmensstellen an, um Bürokratie abzubauen und sich auf KI und operative Effizienz zu konzentrieren.
Gleichzeitig schließt Amazon alle 72 Amazon Fresh- und Amazon Go-Filialen, um sich auf die Expansion von Whole Foods und die schnelle Same-Day-Lieferung von Lebensmitteln zu konzentrieren. Diese Schritte unterstreichen Amazons Fokus auf Liefergeschwindigkeit und Logistikinfrastruktur, was sich auf alle Produktkategorien auswirken könnte.
Für E-Commerce-Händler bedeutet dies, dass KI-gestützte Tools für Preisgestaltung, Werbung, Prognosen und Kundenbindung schnell zum Standard werden. Wer die Einführung verzögert, riskiert, gegenüber datengesteuerten Wettbewerbern ins Hintertreffen zu geraten. Die Notwendigkeit flexibler Fulfillment-Setups und einer Multi-Plattform-Risikoplanung wird angesichts dieser Veränderungen immer wichtiger.