
Amerikas Kapitalismus im Wandel: Der Staat wird zum Aktionär
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Die Vereinigten Staaten erleben derzeit eine bemerkenswerte Verschiebung ihrer Wirtschaftspolitik. Nach Jahrzehnten eines weitgehend auf Laissez-faire basierenden Kapitalismus, bei dem der Staat die Regeln setzte, aber nicht aktiv am Marktgeschehen teilnahm, greift die US-Regierung nun zunehmend direkt in private Unternehmen ein. Diese Entwicklung, die sich im ersten Jahr der zweiten Amtszeit von Präsident Trump manifestiert, markiert den Beginn einer interventionistischeren Ära.
Der Staat als Aktionär: Eine neue Strategie
In den letzten Monaten hat die US-Regierung Anteile an fast einem Dutzend Unternehmen erworben, und die Liste wächst weiter. Dies ist ein deutliches Zeichen für eine Abkehr von der bisherigen Philosophie, dass Märkte Gewinner und Verlierer bestimmen, nicht Washington.
Zu den prominentesten Beispielen dieser neuen Strategie gehören:
- **Intel:** Im August erwarb die US-Regierung eine Beteiligung von fast 10 % an Intel für 8,9 Milliarden US-Dollar. Ziel ist die Stärkung der heimischen Halbleiterindustrie.
- Kritische Mineralien: Es wurden Investitionen in mehrere Unternehmen getätigt, die kritische Mineralien fördern, darunter MP Materials, Lithium Americas und Trilogy Metals.
- Westinghouse: Auch in das Nuklearenergieunternehmen Westinghouse wurde investiert.
- US Steel: Im Juni erwarb die Regierung eine "goldene Aktie" an US Steel. Dies geschah im Gegenzug für die Genehmigung der Übernahme durch das japanische Unternehmen Nippon Steel und verleiht der Regierung ein vetorechtähnliches Mitspracherecht bei Entscheidungen wie der Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland oder der Schließung von Werken.
Diese Art von direkten staatlichen Beteiligungen ist außerhalb der USA nicht ungewöhnlich; Länder wie China, Frankreich, Italien und das Vereinigte Königreich praktizieren dies seit Langem. Auch die USA haben in der Vergangenheit in Krisenzeiten, wie während der Finanzkrise 2008, in Unternehmen investiert, um einen breiteren wirtschaftlichen Zusammenbruch zu verhindern.
Ein Paradigmenwechsel ohne akute Krise
Der aktuelle Ansatz unterscheidet sich jedoch grundlegend: Die Regierung greift ein, ohne dass eine offensichtliche akute Notwendigkeit besteht. Beobachter kritisieren, dass die Kriterien für die Auswahl der Unternehmen unklar sind, obwohl die betroffenen Sektoren als strategisch wichtig gelten. Nathan Lane, Assistenzprofessor für Wirtschaftsentwicklung an der London School of Economics and Political Policy, merkt an: "Bei der Industriepolitik steckt der Teufel im Detail, und hier sind die Details wirklich verschleiert, und wo sie definiert sind, sind sie eher ad hoc."
Diese Entwicklung deutet auf eine neue Form des amerikanischen Staatskapitalismus hin, bei der das Weiße Haus aktiv Einfluss nimmt – sei es durch Kapitalzufuhr, die Einmischung in Fusionen oder die Einführung rechtlich fragwürdiger Zölle. Kritiker äußern Bedenken hinsichtlich potenziell politisch motivierter Entscheidungen, des Anscheins von Vetternwirtschaft und möglicher Marktverzerrungen. Aaron Bartnick, ehemaliger Wirtschaftsbeamter des Weißen Hauses, betont, dass diese neuen Instrumente wahrscheinlich auch von zukünftigen Regierungen genutzt werden.
Historischer Kontext und politische Kontinuität
Dieser Wandel kommt nicht aus dem Nichts. Die USA haben sich in den letzten zehn Jahren zunehmend mit Industriepolitik angefreundet. Schon unter Trump 1.0 gab es protektionistische Maßnahmen wie Zölle auf Stahl- und Aluminiumimporte und einen Handelskrieg mit China. Die Biden-Regierung setzte diese Richtung fort, indem sie viele der Trump-Zölle beibehielt und mit dem CHIPS Act zur Förderung der Halbleiterindustrie sowie dem Inflation Reduction Act (IRA) staatlich gelenkte Impulse setzte.
Dennoch kritisiert Scott Lincicome vom libertären Cato Institute die aktuelle Kehrtwende als "ziemlich große Heuchelei", da die USA jahrzehntelang andere Länder für staatliche Eingriffe kritisiert hätten.
Die Motivation: Nationale Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit
Die Regierung begründet ihre direkten Beteiligungen mit der Notwendigkeit, strategisch wichtige Sektoren zu stärken, in denen die USA im Rückstand sind. Ein zentrales Motiv ist die Verringerung der Abhängigkeit von ausländischen Anbietern, insbesondere im Kontext des Wettbewerbs mit China. Im Fall von Intel soll beispielsweise die Abhängigkeit von taiwanesischen Halbleiterunternehmen wie TSMC reduziert werden, da Taiwan als anfällig für China gilt. Ähnliches gilt für kritische Mineralien, die für Technologien von Smartphones bis zur Verteidigung entscheidend sind.
Ein Beamter des Weißen Hauses erklärte, dass die Beteiligungen ein "sehr mächtiges Werkzeug" seien, das "sehr umsichtig in sehr spezifischen Sektoren aus sehr spezifischen Gründen" eingesetzt werde. Der Verlust von Intel wäre beispielsweise ein "asymmetrischer Schlag" für die nationale und wirtschaftliche Sicherheit Amerikas. Die Regierung räumt ein, dass der freie Markt in diesen kritischen Sektoren versagt habe.
Unklare Ausführung und potenzielle Risiken
Trotz der nachvollziehbaren Motivation sind die Ausführung und die potenziellen Konsequenzen dieser Strategie unklar. Aaron Bartnick merkt an, dass wenig über die mit diesen Deals verbundenen Rechte bekannt sei. Es ist ungewiss, wie die Regierung ihre Macht ausüben wird, wie sich die Beteiligungen auf die Rechte bestehender Aktionäre auswirken und was passiert, wenn die Interessen der Regierung von denen anderer Aktionäre abweichen.
Obwohl die Intel-Investition der Bundesregierung passiv sein soll – ohne Stimmrecht im Vorstand oder andere Governance-Rechte, mit der Vereinbarung, mit dem Vorstand des Unternehmens abzustimmen (mit begrenzten Ausnahmen) – können solche Beteiligungen den Markt verzerren. Der Kapitalfluss könnte nicht mehr primär zu den effizientesten Unternehmen geleitet werden, sondern zu jenen, die von der Regierung ausgewählt werden.
Kritiker wie Owen Zidar, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Princeton University, befürchten, dass Unternehmen sich stärker darauf konzentrieren könnten, die Gunst des Präsidenten zu gewinnen, anstatt innovative Produkte zu entwickeln. Dies könnte zu einer "Vetternwirtschaft" führen, bei der der Wettbewerb nicht um Kunden oder Marktanteile, sondern um die Zuneigung der Regierung stattfindet. Scott Kennedy vom Center for Strategic and International Studies warnt, dass dies die Entscheidungsfindung von Unternehmen beeinflussen und sie dazu bringen könnte, Geschäfte so zu gestalten, dass sie der aktuellen Regierung nützen, anstatt dem Unternehmen oder dem nationalen Interesse der USA.
Ein Blick in die Zukunft
Nahezu alle befragten Analysten, Ökonomen und Akademiker sind sich einig, dass Trumps Version des amerikanischen Staatskapitalismus eher ein Spiegelbild der zukünftigen als der vergangenen Entwicklung der USA ist. Es ist kein Sozialismus und nicht identisch mit Chinas Modell, aber es ist ein unkonventioneller Schritt auf einem Weg, den die USA bereits seit einiger Zeit beschreiten.
Die Unzufriedenheit mit dem Kapitalismus, insbesondere unter jungen Menschen, wächst, da viele Amerikaner das System als Ursache für Ungleichheit, Arbeitsplatzverlagerungen und eine prekäre Wirtschaft sehen. Die Pandemie hat zudem die Anfälligkeit globaler Lieferketten offengelegt. Es ist daher verständlich, dass politische Führer über eine stärkere staatliche Rolle bei der Sicherung wichtiger Industrien nachdenken.
Die Regierung hat angedeutet, dass weitere Eigenkapitalinvestitionen wahrscheinlich sind, doch die Auswahlkriterien bleiben eine Blackbox. Robert Atkinson, Gründer der Information Technology and Innovation Foundation, bedauert das Fehlen einer "einheitlichen Feldtheorie" für diese Politik.
Die langfristigen Auswirkungen, einschließlich der Ausstiegsstrategien und der finanziellen Erträge, sind unklar. Die finanziellen Erträge dürften im Kontext des riesigen Bundeshaushalts minimal sein. Dieser Kurs stößt die Weltwirtschaft in neues Terrain und könnte dazu führen, dass andere Länder, einschließlich Verbündeter und Gegner, ähnliche Strategien verfolgen, wie Aaron Bartnick befürchtet.