
Anthropic Überholt OpenAI: Der neue Favorit im KI-Rennen des Silicon Valley
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Die diesjährige HumanX Konferenz in San Francisco markierte einen deutlichen Stimmungswandel im Silicon Valley: Anthropic hat sich als neuer Favorit im KI-Sektor etabliert und scheint OpenAI den Rang abzulaufen. Während im Vorjahr noch OpenAI als klarer Gewinner galt, dominierte dieses Jahr die Begeisterung für Anthropic, dessen Produkte und strategische Entscheidungen überzeugen.
Anthropic erobert die Spitze im KI-Rennen
Auf der HumanX Konferenz, einer der größten KI-Veranstaltungen des Jahres, war der Konsens unter Venture-Kapitalgebern (VCs) und Gründern eindeutig: Anthropic ist der neue Liebling im Silicon Valley. Dieser Stimmungsumschwung steht im starken Kontrast zur ersten HumanX Konferenz im letzten Jahr in Las Vegas, wo die meisten VCs auf OpenAI setzten. Roseanne Winsek von Renegade Partners bemerkte: "In Vegas letztes Jahr fühlte es sich an, als wäre OpenAI der klare Gewinner, und jetzt scheint Anthropic meilenweit voraus zu sein."
Ein Hauptgrund für diesen Wandel ist die Produktentwicklung von Anthropic. Im letzten Jahr hatte das Unternehmen Claude Code oder Claude 4 noch nicht breit veröffentlicht. Heute ist Claude Code ein Phänomen. Jared Quincy Davis, Gründer und CEO von Mithril, einer KI-Cloud-Plattform, lobte Anthropic: "Es ist ziemlich klar, dass der Fokus, den sie auf Unternehmen, auf Spitzenfähigkeiten, auf Codierung und auf bewusste Entscheidungen, nicht in bestimmte Verbraucheranwendungsfälle zu gehen, großartige Entscheidungen waren."
Beeindruckendes Wachstum und strategische Partnerschaften
Anthropic bereitet sich auf einen Börsengang vor und veröffentlicht Modelle, die in der Branche beneidet werden. Das Unternehmen wird mit 380 Milliarden US-Dollar bewertet, was einige VCs im Vergleich zur 852 Milliarden US-Dollar Bewertung von OpenAI als besseres Geschäft ansehen. Anthropic gab diese Woche bekannt, dass der annualisierte Umsatz (Run-Rate Revenue) 30 Milliarden US-Dollar übertroffen hat, ein deutlicher Anstieg von 9 Milliarden US-Dollar Ende 2025. Dies entspricht einer Verdreifachung des Umsatzes in den letzten drei Monaten.
Um diesem Wachstum gerecht zu werden, hat Anthropic eine neue Vereinbarung mit Google und Broadcom für mehrere Gigawatt an TPU-Kapazität der nächsten Generation unterzeichnet, die ab 2027 online gehen soll. Diese erhebliche Erweiterung der Recheninfrastruktur soll die Claude-Modelle der Spitzenklasse antreiben und die außergewöhnliche Kundennachfrage weltweit bedienen. Krishna Rao, CFO von Anthropic, betonte: "Wir tätigen unser bisher größtes Rechen-Engagement, um mit unserem beispiellosen Wachstum Schritt zu halten." Die Nachfrage von Claude-Kunden hat sich 2026 beschleunigt; die Zahl der Geschäftskunden, die jährlich über 1 Million US-Dollar ausgeben, hat sich in weniger als zwei Monaten auf über 1.000 verdoppelt.
Anthropic trainiert und betreibt Claude auf einer Reihe von KI-Hardware, darunter AWS Trainium, Google TPUs und NVIDIA GPUs. Diese Vielfalt der Plattformen führt zu besserer Leistung und größerer Ausfallsicherheit für Kunden, die für kritische Arbeiten auf Claude angewiesen sind. Amazon bleibt der primäre Cloud-Anbieter und Trainingspartner, und Claude ist das einzige Frontier-KI-Modell, das Kunden auf allen drei größten Cloud-Plattformen der Welt zur Verfügung steht: Amazon Web Services (Bedrock), Google Cloud (Vertex AI) und Microsoft Azure (Foundry).
OpenAI unter Druck und Kritik
Während Anthropic universelles Lob erhielt, war es schwierig, positive Meinungen über OpenAI zu finden. Die Gründe reichten von Verwirrung über die jüngste Übernahme der Internet-Talkshow TBPN bis hin zu Fragen bezüglich CEO Sam Altmans Deal mit dem Pentagon. Die meisten Gründer und VCs zögerten jedoch, OpenAI öffentlich zu kritisieren. Andy Chen, ein ehemaliger Partner bei Coatue und Kleiner Perkins, erwartet einen "Brain Drain" von Talenten bei OpenAI und merkte an: "Es gibt ziemlich viele Leute, die mit Sam und dem, was er getan hat, nicht einverstanden waren."
Mythos: Ein Modell mit beispielloser Macht und Risiko
Mitten in der Konferenz kündigte Anthropic sein neuestes Modell, Mythos, an. Das Unternehmen erklärte, Mythos sei so leistungsstark, dass es aufgrund des Risikos von Cyberangriffen noch nicht der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden könne. Tomasz Tunguz, Gründer und General Partner von Theory Ventures, bezeichnete das Mythos-Modell als "riesige Sache" und sprach von "enormer Begeisterung".
Mythos, auch bekannt als Claude Mythos Preview, hat laut Anthropic Schwachstellen in jedem großen Browser und Betriebssystem gefunden. Es soll in der Lage sein, Hacker bei der Störung wichtiger Software weltweit zu unterstützen. Experten wie Anthony Grieco von Cisco und Lee Klarich von Palo Alto Networks äußerten ernste Bedenken. Klarich warnte: "Jeder muss sich auf KI-gestützte Angreifer vorbereiten." Mythos hat bereits einen 27 Jahre alten Fehler in OpenBSD und mehrere Schwachstellen im Linux-Kernel entdeckt.
Um den potenziellen Gefahren entgegenzuwirken, hat Anthropic "Project Glasswing" ins Leben gerufen. Im Rahmen dieser Initiative erhalten über 40 der weltweit größten Technologieunternehmen, darunter Apple, Google und Microsoft, frühen Zugang zu Mythos. Ziel ist es, Sicherheitslücken in ihren Systemen zu finden und zu schließen, bevor böswillige Akteure ähnliche Fähigkeiten erlangen. Anthropic stellt den Teilnehmern 100 Millionen US-Dollar an Nutzungsguthaben für Mythos zur Verfügung und spendet weitere 4 Millionen US-Dollar für Open-Source-Sicherheitsbemühungen.
Die HumanX Konferenz: Menschliche Interaktion im Vordergrund
Die diesjährige HumanX Konferenz war mit rund 6.700 Teilnehmern doppelt so groß wie im Vorjahr. Die Ticketpreise lagen bei über 4.000 US-Dollar, um die Möglichkeit zu haben, Branchengrößen wie Lovable-Mitbegründer Anton Osika oder den Milliardär Vinod Khosla zu treffen. Trotz der Fokussierung auf KI zeigte die Konferenz, dass Menschen immer noch die Interaktion mit anderen Menschen gegenüber KI-Agenten bevorzugen.
Auf der riesigen Ausstellungsfläche verteilten Startups, die an KI-Agenten, Sicherheitslösungen und autonomen Workflows arbeiten, gebrandete Artikel. Roboter-Humanoiden und Roboterhunde streiften über das Gelände, doch der "HumanX Dog Park" mit echten Hunden erwies sich als weitaus beliebter. Eine "Retro Lounge" mit Flipper und Jukebox, ein nachgebauter New Yorker Bodega und eine Wellness-Lounge mit Massagen boten nicht-KI-bezogene Attraktionen, die offenbar dazu dienten, die Nerven der besorgten Teilnehmer zu beruhigen. Stefan Weitz, Mitbegründer und CEO von HumanX, fasste die Stimmung zusammen: "Die Stimmung, die ich fühle, ist Überschwang und existenzielle Angst. Ich kann die beiden nicht in Einklang bringen."
Die rasante Entwicklung der KI-Branche
Der schnelle Stimmungswechsel innerhalb eines Jahres spiegelt das schwindelerregende Tempo des KI-Fortschritts wider, das selbst erfahrene VCs erschöpft. Tomasz Tunguz bemerkte: "Jeden Tag wacht man auf und etwas hat sich bedeutsam verändert." Die Branche befindet sich in einem Wettlauf, da sich alles so schnell entwickelt.
Trotz des aktuellen Hypes um Anthropic ist niemand bereit, OpenAI abzuschreiben. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich Modelle weiterentwickeln, könnte sich der Favorit bereits ändern, wenn die HumanX Konferenz nächstes Jahr nach Las Vegas zurückkehrt. Roseanne Winsek fasste es zusammen: "Diese Dinge ändern sich so schnell. OpenAI wird wahrscheinlich zurückkommen."