
Arbeitsmarkt und Fed: Warum schlechte Nachrichten gut sein könnten
ℹKeine Anlageberatung • Nur zu Informationszwecken
Die Finanzmärkte blicken gespannt auf die bevorstehenden US-Arbeitsmarktdaten. Eine moderate Abkühlung des Arbeitsmarktes könnte die Wahrscheinlichkeit weiterer Leitzinssenkungen durch die Federal Reserve erhöhen, was von vielen Investoren als positives Signal für zukünftiges Gewinnwachstum gewertet wird und bullisches Verhalten am Aktienmarkt fördern könnte. Doch nicht alle teilen diese optimistische Sicht auf schwächere Zahlen.
Das 'Gut ist schlecht, schlecht ist gut'-Regime
Laut Michael Wilson, Chief U.S. Equity Strategist und Chief Investment Officer bei Morgan Stanley, befinden wir uns "fest im Regime 'Gut ist schlecht/schlecht ist gut'". Diese Einschätzung kommt vor dem Hintergrund, dass eine nachlassende Dynamik am Arbeitsmarkt die Federal Reserve dazu bewegen könnte, ihre Geldpolitik weiter zu lockern.
Die jüngste viertelprozentige Leitzinssenkung der Fed, die dritte in ebenso vielen Sitzungen, basierte auf konsistenten Daten, die eine Abschwächung des Arbeitsmarktes zeigten. Dazu gehörten ein dreimonatiger Anstieg der Arbeitslosigkeit bis September und der Verlust von 32.000 Arbeitsplätzen im privaten Sektor im letzten Monat, wie aus dem ADP-Bericht für November hervorgeht.
Powells Sicht auf den Arbeitsmarkt und die Inflation
Fed-Chef Jerome Powell erklärte, die Zinssenkung sei defensiv gewesen, um einen Absturz des Arbeitsmarktes zu verhindern. Obwohl die Inflation mit etwa 2,8 % über dem bevorzugten Ziel der Fed von 2 % liegt, erwartet Powell, dass die Inflation Anfang nächsten Jahres ihren Höhepunkt erreichen wird, sofern keine zusätzlichen Zölle erhoben werden.
Powell wies zudem darauf hin, dass die monatlichen Arbeitsmarktdaten aufgrund von Datenerfassungsfehlern um etwa 60.000 überzählt worden sein könnten und die Lohnzuwächse tatsächlich stagnieren oder sogar negativ sein könnten. Er betonte die Notwendigkeit, eine Welt mit negativer Arbeitsplatzschaffung "sehr sorgfältig zu beobachten". Michael Wilson deutet an, dass Powells Betonung der Arbeitsmarktdaten und die geringere Gewichtung zollbedingter Inflation den Arbeitsmarkt zu einem entscheidenden Faktor für die Geldpolitik bis 2026 machen.
Erwartungen an den Arbeitsmarktbericht
Aufgrund einer Regierungsabschaltung wird der Arbeitsmarktbericht des Arbeitsministeriums, der Daten für Oktober und November enthält, erst am Dienstag veröffentlicht. Es wird ein moderater Zuwachs von 50.000 Arbeitsplätzen im November erwartet, wobei die Arbeitslosenquote von 4,4 % auf etwa 4,5 % ansteigen soll. Dies würde den Trend eines sich verlangsamenden, aber nicht plötzlich abstürzenden Arbeitsmarktes bestätigen.
Die Theorie der 'rollierenden Erholung'
Der Morgan Stanley-Stratege Michael Wilson vertrat bereits die Ansicht, dass schwache Lohnzahlen tatsächlich ein Zeichen für eine "rollierende Erholung" sind. Er sieht die Wirtschaft in den frühen Phasen eines Aufschwungs, der sich langsam durch jeden Sektor arbeitet. Dies folge auf drei Jahre einer "rollierenden Rezession", die die Wirtschaft schwächer gehalten habe, als es die Beschäftigungs- und BIP-Zahlen vermuten ließen.
In Wilsons Augen ist der Tiefpunkt des Arbeitsmarktzyklus, da Arbeitsmarktdaten ein nachlaufender Indikator sind, bereits im Frühjahr erreicht worden, zeitgleich mit massiven DOGE-Entlassungen und "Liberation Day"-Zöllen. Für eine genauere Darstellung der Wirtschaftslage plädiert Wilson dafür, stattdessen die Märkte zu betrachten. Der S&P 500 beispielsweise ist in den letzten sechs Monaten um fast 13 % gestiegen. Wilson merkt an, dass die Fed, obwohl Morgan Stanley den Arbeitsmarkt nicht in Gefahr sieht, möglicherweise noch Spielraum für weitere Zinssenkungen sieht, da Powell seine politischen Entscheidungen auf Daten wie die Arbeitsmarktzahlen stützt.
Kontroverse um die Interpretation der Daten
Die Möglichkeit weiterer magerer Arbeitsmarktzahlen wird jedoch nicht von allen Ökonomen gleichermaßen positiv bewertet. Claudia Sahm, Chefökonomin bei New Century Advisors und ehemalige Fed-Ökonomin, stimmt zu, dass Arbeitsmarktdaten ein nachlaufender Wirtschaftsindikator sind. Sie warnt jedoch, dass sie eine beginnende Rezession signalisieren könnten und nicht, dass die Gefahr bereits gebannt ist. Besonders besorgniserregend sei für sie, dass nachlaufende Arbeitsmarktdaten noch schlechtere Nachrichten bedeuten könnten, da die Entlassungen trotz schrumpfender Stellenangebote noch nicht zugenommen haben.
Sahm äußerte sich vor der Fed-Entscheidung dahingehend, dass zusätzliche Zinssenkungen keine willkommene Nachricht wären, sondern ein Zeichen dafür, dass die Fed zu spät gehandelt hätte, um einen angeschlagenen Arbeitsmarkt zu korrigieren. Sie fasste zusammen: "Wenn die Powell-Fed am Ende noch viele weitere Senkungen vornimmt, dann haben wir wahrscheinlich keine gute Wirtschaft. Seien Sie vorsichtig, was Sie sich wünschen."