
ASML und der Wandel: Managementabbau in der Chipindustrie
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ASML, das wertvollste Unternehmen Europas und ein Eckpfeiler der globalen Chipindustrie, plant eine umfassende Umstrukturierung, die den Abbau zahlreicher Managementpositionen vorsieht. Diese Maßnahme spiegelt einen breiteren Trend in der Tech-Branche wider, wo Unternehmen zunehmend auf schlankere Strukturen und die Integration von Künstlicher Intelligenz setzen, um Effizienz zu steigern und Kosten zu senken.
ASML strafft Managementstrukturen
Interne Dokumente, die Business Insider vorliegen, zeigen, wie ASML – ein Unternehmen mit einer entscheidenden Rolle in der globalen Halbleiterindustrie – eine breite Palette von Managementpositionen abbauen will. Bereits im Januar kündigte ASML an, 1.700 Stellen zu streichen und seine Organisationsstruktur neu zu gestalten, um Managementebenen zu reduzieren und den Fokus auf das Ingenieurwesen zu legen. Dies geschieht als Reaktion auf Beschwerden von Mitarbeitern und Kunden über die zunehmende Komplexität und Ineffizienz des Unternehmens.
Eine Präsentation, die den Mitarbeitern im Februar bei einem All-Hands-Meeting gezeigt wurde, skizzierte eine Reihe von Managementrollen, die in der neuen Struktur nicht mehr existieren sollen. Dazu gehören unter anderem:
- Department Manager
- Group Leader
- Team Leader
- Project Lead
- Chief Product Owner
- Product Owner
- Scrum Masters
- Main Delivery Owner
- Release Train Engineers
- Program Manager
- Project Cluster Manager
Zudem sollen die Anzahl der Architekten, die für die Koordination von Projekten zuständigen technischen Führungskräfte, reduziert und deren Verantwortlichkeiten klarer definiert werden.
Ein kritischer Akteur der Chipindustrie im Wandel
ASML ist das weltweit einzige Unternehmen, das Extreme Ultraviolett (EUV)-Lithographiemaschinen in großem Maßstab herstellt. Diese Maschinen sind entscheidend für die Produktion von Chips, die in Smartphones, Computern und KI-Rechenzentren zum Einsatz kommen. Die Nachfrage nach ASMLs Maschinen, die bis zu 400 Millionen US-Dollar kosten können und von Chipherstellern wie TSMC und Intel gekauft werden, ist durch den KI-Boom stark gestiegen.
Trotz des Stellenabbaus plant ASML, rund 1.400 neue Ingenieurpositionen im Rahmen der Reorganisation zu schaffen. CEO Christophe Fouquet schrieb in einem Brief an die Mitarbeiter im Februar, dass das Unternehmen weiterhin schnell wachsen werde und Personal im operativen Bereich benötige, um dieses Wachstum zu erreichen. Ein ASML-Sprecher bestätigte, dass die boomende Nachfrage nach Lithographiemaschinen die Eröffnung "mehrerer hundert" neuer Positionen in Bereichen wie KI, Fertigung und Kundensupport erwarten lässt, wobei Mitarbeiter, die von Entlassungen betroffen sind, bevorzugt behandelt werden sollen. Die Pläne sind noch nicht final, und ASML befindet sich in Verhandlungen mit Gewerkschaften und dem Betriebsrat.
Der breitere Trend in der Tech-Branche
ASML reiht sich in eine Reihe von Big-Tech-Unternehmen ein, die in den letzten Jahren Managementpositionen abgebaut haben, um Teams schlanker und effizienter zu gestalten. Unternehmen wie Microsoft, Amazon, Google und Meta haben ähnliche Schritte unternommen. Die Entlassungswellen in der Tech-Branche haben sich 2025 von einer Korrektur der Überbesetzung während der COVID-19-Pandemie hin zu einer Anpassung an makroökonomische Zwänge und die zunehmende Einführung von Künstlicher Intelligenz (KI) verschoben.
Global wurden 2025 fast 245.000 Tech-Jobs abgebaut, wovon etwa 70 % auf US-amerikanische Unternehmen entfielen. Im ersten Quartal 2026 (Januar bis April) wurden weitere 78.557 Tech-Mitarbeiter entlassen, wobei über 76 % der betroffenen Positionen in den USA angesiedelt waren. Seit dem 1. Januar 2026 haben über 1.621 Unternehmen Massenentlassungen angekündigt.
KI als Treiber und "Sündenbock" für Stellenabbau
Künstliche Intelligenz wird zunehmend als ein Hauptgrund für den Stellenabbau genannt. Im Jahr 2025 waren in den USA fast 55.000 Entlassungen auf KI zurückzuführen. Im Jahr 2026 erwarten 44 % der von Resume.org befragten 1.000 US-Einstellungsmanager, dass KI ein Haupttreiber für Entlassungen sein wird. Von den im ersten Quartal 2026 erfolgten Kürzungen wurden 37.638 oder 47,9 % auf den reduzierten Bedarf an menschlichen Arbeitskräften aufgrund von KI und Workflow-Automatisierung zurückgeführt.
Ein Beispiel ist Snap, das im April 2026 16 % seiner Belegschaft (1.000 Stellen) abbaute. CEO Evan Spiegel erklärte, dass Fortschritte in der KI "repetitive Arbeit" reduzieren und die Fähigkeit des Unternehmens verbessern, seine Community, Partner und Werbetreibenden zu unterstützen. Snap erwartet durch die Entlassungen jährliche Kosteneinsparungen von rund 500 Millionen US-Dollar bis zur zweiten Hälfte des Jahres 2026.
Die Debatte um die Auswirkungen von KI auf Arbeitsplätze
Trotz der genannten Zahlen gibt es unterschiedliche Meinungen über den direkten Einfluss von KI auf den aktuellen Stellenabbau. Babak Hodjat, Chief AI Officer bei Cognizant, äußerte gegenüber Nikkei Asia, dass es noch über ein Jahr dauern werde, bis die vollen Auswirkungen moderner KI-Technologien auf die Arbeitswelt sichtbar werden. Er merkte an: „Manchmal wird KI aus finanzieller Sicht zum Sündenbock, etwa wenn ein Unternehmen zu viele Mitarbeiter eingestellt hat oder sich verkleinern möchte, und es wird der KI angelastet.“
Andere Experten, wie OpenAI CEO Sam Altman, sprechen von "AI washing", bei dem Unternehmen KI für Entlassungen verantwortlich machen, die sie ohnehin vorgenommen hätten. Dennoch besteht ein Konsens, dass die Technologie einen erheblichen Einfluss auf Arbeitsplätze haben wird und eine Umstellung bevorsteht. Studien von Stanford und eine MIT-Simulation zeigen, dass insbesondere Einstiegsjobs im Bereich Coding und Kundenservice betroffen sein könnten und KI potenziell fast 12 % der US-Arbeitskräfte ersetzen könnte.
Lichtblicke und neue Chancen
Es gibt jedoch auch Unternehmen, die dem Trend entgegenwirken. IBM hat Berichten zufolge seine Einstellungen für Einstiegspositionen im Jahr 2026 verdreifacht. Das Unternehmen argumentiert, dass KI zwar viele Einstiegsaufgaben übernehmen kann, aber immer noch eine menschliche Note benötigt wird. Das Streichen von Einstiegsjobs birgt zudem das Risiko, die Pipeline für die Ausbildung zukünftiger erfahrener Mitarbeiter und mittlerer Führungskräfte zu unterbrechen. Daten aus der EU stützen diese Ansicht und zeigen, dass Unternehmen, die in KI investieren und diese einsetzen, tendenziell mehr Personal einstellen. Die Transformation der Arbeitswelt durch KI ist somit ein komplexer Prozess, der sowohl Herausforderungen als auch neue Möglichkeiten mit sich bringt.