
Automatisierte Ladeinfrastruktur: Schlüssel zum Robotaxi-Erfolg?
ℹKeine Anlageberatung • Nur zu Informationszwecken
Während Robotaxis darauf abzielen, den Menschen aus dem Fahrersitz zu entfernen, bleibt ein oft übersehener Bereich des autonomen Geschäfts stark von menschlicher Arbeit abhängig: das Laden und Warten der Fahrzeuge. Crijn Bouman, CEO und Mitbegründer von Rocsys, argumentiert, dass Robotaxi-Unternehmen automatisierte Ladelösungen benötigen, um ihre Flotten erfolgreich zu skalieren. Ohne diese Automatisierung sei der Geschäftsfall gefährdet.
Das Problem der menschlichen Abhängigkeit
Bouman hat die Zahlen analysiert und festgestellt, dass in Depots sowohl in China als auch in den USA ein Verhältnis von etwa 1:12 bis 1:14 zwischen Personal und Fahrzeugen besteht. Dies bedeutet, dass für eine Flotte von 10.000 Fahrzeugen in einer Stadt wie Los Angeles oder der San Francisco Bay Area 800 bis 1.000 Mitarbeiter allein für den Betrieb benötigt würden. Diese manuelle Arbeit, die das Einstecken, Abstecken und einfache Wartungsaufgaben umfasst, ist laut Bouman "verrückt" in ihrer Ineffizienz.
Ein weiteres Beispiel für die menschliche Abhängigkeit liefert Waymo: Wenn Robotaxis in Los Angeles, San Francisco oder anderen Städten nach einer Fahrt eine offene Tür haben, bleiben sie stehen und rufen um Hilfe. Menschen wie Don Adkins oder Cesar Marenco werden über Apps wie Honk bezahlt, um Türen zu schließen oder Fahrzeuge abzuschleppen, die es nicht rechtzeitig zur Ladestation geschafft haben. Marenco schätzt, dass er bis zu drei solcher Einsätze pro Woche für Waymo absolviert, was die anhaltende Notwendigkeit menschlicher Eingriffe verdeutlicht.
Rocsys' Vision: Automatisierung der Ladeinfrastruktur
Rocsys, 2019 mitbegründet, hat es sich zum Ziel gesetzt, jede Ladestation in einen "Robocharger" zu verwandeln. Dies geschieht durch die Integration eines Roboterarms und entsprechender Software in die bestehende Infrastruktur. Die Idee entstand 2017, als Bouman bei ABB erfuhr, dass Cruise, ein Unternehmen für selbstfahrende Autos, viele Schnellladegeräte kaufte, aber Menschen benötigte, um die Fahrzeuge anzuschließen. Dies zeigte Bouman, dass die Schnittstelle zur gebauten Welt – wie Laden, Parken oder Waschen – für menschliche Fahrer konzipiert ist und für autonome Fahrzeuge "gebrochen" ist.
Die manuelle Ladung ist laut Rocsys fehleranfällig, zeitaufwendig und teuer. Durch die Automatisierung des Ladevorgangs können diese Probleme gelöst werden. Die Analyse der Depotabläufe zeigt, dass das Einstecken, Inspizieren und Reinigen eines Fahrzeugs zwischen 300 und 400 Sekunden dauert, oft unterbrochen durch die Priorität des Ladens.
Massive Effizienz- und Kostenvorteile
Die Automatisierung des Ladevorgangs kann den Personalbestand in Depots um etwa die Hälfte reduzieren. Wenn Reinigung und Inspektion weiterhin manuell erfolgen, verdoppelt sich die Anzahl der pro Person betreuten Fahrzeuge. Rocsys arbeitet zudem an der Automatisierung dieser weiteren Prozesse und hat bereits einen Proof of Concept für die automatisierte Inspektion sowie ein funktionierendes System für die automatisierte Innenreinigung entwickelt.
Die Kosteneinsparungen durch den Einsatz von Rocsys-Produkten liegen im ersten Jahr zwischen 30 % und 70 %, abhängig von der Dynamik des jeweiligen Depots. Dies ist ein erheblicher Vorteil für Robotaxi-Betreiber, die so keine "parallele Organisation" von Gig-Workern aufbauen müssen, was eine Ablenkung vom Kerngeschäft darstellt.
Robotaxi-Ladeinfrastruktur: Eine Parallelwelt
Bouman betont, dass die Ladeinfrastruktur für Robotaxis eine "Parallelwelt" zur öffentlichen Ladeinfrastruktur darstellt. Robotaxi-Betreiber bauen ihre Flotten und gleichzeitig die Ladeinfrastruktur mit Partnern oder eigenständig auf. Diese Hubs sind dediziert für einen Betreiber, wie Waymo oder Zoox, und unterscheiden sich von öffentlichen Ladestationen. Es gibt keinen Grund, ein Problem vor dem anderen zu lösen.
Auch wenn Tesla vor einigen Jahren einen Roboterlader präsentierte, der von Elon Musk wiederbelebt werden könnte, sind die aktuellen Robotaxi-Flotten nicht für induktives (kabelloses) Laden ausgelegt. Ein "Captive Model" für Tesla wäre jedoch logisch, um Millionen von Teslas zu autonom fahrenden Robotaxis aufzurüsten.
Der "Land-Grab" im Robotaxi-Markt
Der Markt für Robotaxis skaliert schnell genug, um ein tragfähiges Geschäft für automatisierte Ladelösungen zu schaffen. Robotaxis sind zwar begrenzte Flotten, werden aber extrem intensiv genutzt – 24/7, drei bis vier Mal pro Tag. Für 6.000 Fahrzeuge werden etwa 1.000 Ladebuchten benötigt.
Aktuell sind schätzungsweise 3.000 bis 4.000 Robotaxis von Waymo, Zoox und anderen auf US-Straßen unterwegs, was bereits einen Markt von mehreren tausend Ladebuchten darstellt. Ankündigungen wie die von Uber und Nuro für eine 20.000 Fahrzeuge umfassende Robotaxi-Flotte zeigen das enorme Wachstumspotenzial. Bouman beschreibt die aktuelle Dynamik als "Land-Grab" in den nächsten zwei Jahren, mit Akteuren wie Waymo, Zoox, Tesla, Nuro, Uber und Wayve aus Großbritannien. Rocsys befindet sich im Gespräch mit allen großen Playern und erwartet, im nächsten Jahr den ersten großen Robotaxi-Kunden bekannt geben zu können.