
Autonome Verteidigung: Hype, Realität und der Punkt ohne Wiederkehr
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Die Rolle autonomer Systeme in der modernen Kriegsführung wird intensiv diskutiert. Während die Technologie als entscheidend für zukünftige Konflikte gilt, zeigt die Realität an der Front, dass menschliche Beteiligung oft noch unerlässlich ist. Dennoch sind Experten und Unternehmen überzeugt, dass der "Point of No Return" bereits überschritten ist und die Entwicklung unaufhaltsam voranschreitet.
Hype versus Realität an der Frontlinie
Der CEO des ukrainischen Rüstungsherstellers Ark Robotics, der unter dem Pseudonym Achi sprach, äußerte gegenüber Business Insider, dass "Autonomie in der Verteidigung stark überbewertet wird". Er betonte, dass vieles, was als autonom bezeichnet wird, dies nicht sei. "Wenn wir über den tatsächlichen Einsatz an der Frontlinie sprechen, reden wir von weniger als 1 %, wo Autonomie vorhanden ist", so Achi.
Es bestehe eine Lücke zwischen dem Hype um Autonomie und dem, was heute an der Front tatsächlich funktioniert. Verteidigungskräfte "wollen hundertprozentige Zuverlässigkeit, und die KI ist einfach noch nicht so weit", erklärte Achi. Künstliche Intelligenz allein reiche derzeit nicht aus, menschliche Aufsicht sei weiterhin dringend erforderlich.
Autonome Systeme auf dem Vormarsch
Trotz der Skepsis hinsichtlich des aktuellen Autonomiegrads sind autonome Systeme in der Ukraine immer häufiger im Einsatz. Sie helfen, die größere Truppenstärke Russlands auszugleichen, entlasten Bediener und halten Drohnenpiloten weiter von der Gefahr fern. Diese Systeme können Entscheidungen schneller treffen als Menschen und bestimmte Routineaufgaben auf dem Schlachtfeld übernehmen, wodurch Truppen sich auf komplexere Aufgaben konzentrieren können.
Das Problem liegt oft in der Definition: Autonomie kann von grundlegender Navigation bis hin zu einem System reichen, das ein Ziel ohne Anweisung identifiziert, klassifiziert und darauf reagiert. Kateryna Bondar, eine KI- und Verteidigungsexpertin am Center for Strategic and International Studies, stellte fest, dass "vollständig autonome Kriegsführung ein Wunschtraum bleibt", aber "erhebliche Fortschritte" in der teilweisen Autonomie, insbesondere bei Drohnentechnologie, erzielt wurden.
Zwei Ebenen der Autonomie
Ark Robotics, ein Unternehmen, das autonome Systeme herstellt und seinen Hauptsitz in Estland hat, verfolgt Autonomie auf zwei Ebenen:
- Edge Autonomy: Hier treffen Systeme eigenständig Entscheidungen ohne Anweisungen eines Bedieners oder einer Kommandozentrale. Ein Beispiel ist eine Aufklärungsdrohne, die ein Gebiet absucht, auf ein Ziel wartet und eigenständig handeln kann.
- Orchestration Layer: Diese Ebene, an der Ark Robotics stärker interessiert ist, ermöglicht die Koordination mehrerer Drohnen oder Roboter und die Zuweisung von Aufgaben. Hier kann dem System eine "abstrakte Aufgabe" wie der Schutz eines Perimeters gegeben werden, woraufhin es "alles Notwendige orchestrieren" kann, beispielsweise den Einsatz von Kampfdrohnen. Menschen können bei Bedarf eingreifen.
Achi bezeichnet die zweite Ebene als "am schwierigsten zu lösen", da sie eine gute Edge-Grundlage erfordert. Das KI-gestützte System Frontier von Ark Robotics ist darauf ausgelegt, Tausende von unbemannten Systemen zu koordinieren, den Bedarf an Bedienern drastisch zu reduzieren und Menschen viel weiter vom Kampfgeschehen fernzuhalten.
KI-Unterstützung für Präzision und Reichweite
Ukrainische Drohneneinheiten setzen zunehmend auf KI-Systeme, um die Genauigkeit zu verbessern und starke elektronische Störungen zu überwinden. Ein Drohnenpilot mit dem Rufzeichen Mex, der bei der 58. Separaten Schützenbrigade dient, beschrieb einen erfolgreichen Langstreckenangriff, der ohne die Unterstützung eines Bordführungssystems, das das Zielbild verfolgen und halten konnte, unmöglich gewesen wäre.
Moderne Angriffe finden oft außerhalb der Reichweite statt, in der eine direkte Verbindung zwischen Operator und Drohne aufrechterhalten werden kann. Jamming-Geräte beider Seiten haben die Signalstörungen intensiviert. Als Reaktion darauf integrierten Entwickler KI-basierte visuelle Verfolgungssysteme, die Drohnen eine autonome Navigation ermöglichen, sobald der Kontakt zum Piloten verloren geht. Diese Systeme ermöglichen es Drohnen, sich auf ein durch ihre Bordkameras gesehenes Ziel zu fixieren und trotz Signalstörungen darauf zuzusteuern.
Herausforderungen und Rückschläge
Trotz der Fortschritte gibt es auch Rückschläge. Das Verteidigungs-Startup Anduril Industries, gegründet von Palmer Luckey, sah sich nach einer Reihe von Ausfällen bei Militärtests und im Kampfeinsatz in der Ukraine mit Fragen zu seiner autonomen Waffentechnologie konfrontiert. Berichte des Wall Street Journal enthüllten:
- Mehr als ein Dutzend autonome Drohnenboote von Anduril fielen im Mai bei Marineübungen aus, was zu Sicherheitswarnungen von Seeleuten führte.
- Ein unbemanntes Kampfflugzeug namens Fury erlitt bei Bodentests im Sommer einen mechanischen Defekt.
- Ein Test des Anvil-Gegendrohnen-Systems im August führte zu einem 22 Hektar großen Brand in Oregon.
- Ukrainische SBU-Sicherheitskräfte stellten fest, dass die Altius-Loitering-Drohnen von Anduril wiederholt abstürzten und ihre Ziele verfehlten. Die Leistung war so schlecht, dass die ukrainischen Streitkräfte sie 2024 vollständig außer Dienst stellten.
Diese Vorfälle unterstreichen die Komplexität und die hohen Anforderungen an autonome Systeme im realen Einsatz. Anduril hatte im Juni 2,5 Milliarden US-Dollar bei einer Bewertung von 30,5 Milliarden US-Dollar eingesammelt.
Der Weg nach vorn: Ein Punkt ohne Wiederkehr
Die Entwicklung von KI-gestützten Systemen wirft auch ethische und sicherheitstechnische Bedenken auf. Experten weisen darauf hin, dass weltweit verbindliche Richtlinien und Standards für KI-gestützte Waffen begrenzt sind. Ukrainische Beamte betonen, dass die endgültigen Angriffsentscheidungen unter menschlicher Kontrolle bleiben und KI-Eingaben nur als Hilfsmittel für Piloten dienen.
Westliche Militärs und Unternehmen, aber auch Rivalen wie Russland und China, drängen auf mehr autonome Systeme. Die NATO priorisiert autonome Technologie, insbesondere bei Drohnen zur Bedrohungserkennung. Programme wie die Replicator-Initiative des US-Verteidigungsministeriums und die Investition Großbritanniens von über 5 Milliarden US-Dollar in unbemannte autonome Systeme in diesem Jahr zeigen das Engagement.
Achi von Ark Robotics ist überzeugt, dass es kein Zurück mehr gibt. Er erwartet, dass alle Militärs autonome Systeme in irgendeiner Form nutzen werden. Autonomie sei "eine Art Voraussetzung, um in der totalen Drohnenkriegsführung, die auf uns alle zukommt, erfolgreich zu sein". Er fügte hinzu: "Man kann all diese schicken Drohnen haben, aber was nützen sie, wenn man sie nicht in großem Maßstab einsetzen kann?"