
BBC vor Mammutaufgaben: Brittin übernimmt in Zeiten von Trump-Klage und Digitalwandel
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Matt Brittin, ein ehemaliger Google-Manager, übernimmt das Ruder der BBC in einer Zeit beispielloser Herausforderungen. Als 18. Generaldirektor in 104 Jahren steht er vor einer $10 Milliarden schweren Verleumdungsklage von Donald Trump, entscheidenden Verhandlungen über das Finanzierungsmodell und einer tiefgreifenden digitalen Transformation. Seine Aufgabe ist es, die BBC, einen der wichtigsten kulturellen Exporte Großbritanniens, durch eine komplexe und sich schnell verändernde Medienlandschaft zu steuern.
Ein neuer Generaldirektor in stürmischen Zeiten
Matt Brittin, 57, wurde kürzlich zum neuen Generaldirektor der BBC ernannt und tritt sein Amt am 18. Mai an. Er bringt einen Hintergrund aus der Tech-Branche mit, nachdem er fast zwei Jahrzehnte bei Google als Präsident für Europa, den Nahen Osten und Afrika tätig war und zuvor als Berater bei McKinsey arbeitete. Brittin war zudem ein internationaler Ruderer.
Samir Shah, der Vorsitzende des BBC-Verwaltungsrats, betonte, Brittin bringe "tiefe Erfahrung in der Führung einer hochkarätigen und hochkomplexen Organisation durch Transformation" mit. Brittin selbst bezeichnete die 104 Jahre alte BBC als "ein außergewöhnliches, einzigartig britisches Gut" und sieht die aktuelle Situation als "einen Moment echten Risikos, aber auch echter Chance".
Die $10-Milliarden-Klage von Donald Trump
Eine der drängendsten Aufgaben für Brittin ist die Abwehr einer $10 Milliarden schweren Verleumdungsklage von US-Präsident Donald Trump. Die Klage bezieht sich auf eine Panorama-Dokumentation, die zwei Auszüge einer Rede Trumps vom 6. Januar 2021 so zusammengeschnitten haben soll, dass der Eindruck entstand, er habe zur Gewalt im Kapitol angestiftet.
Die BBC hat sich persönlich bei Trump für den 12-Sekunden-Clip entschuldigt, da er "unbeabsichtigt den irrtümlichen Eindruck erweckte, Präsident Trump habe direkt zu gewalttätigen Aktionen aufgerufen". Dennoch weist die BBC die Verleumdungsvorwürfe zurück und hat das Gericht in Florida gebeten, die Klage abzuweisen. Sie argumentiert, die Dokumentation sei nicht in den USA ausgestrahlt worden, wodurch Trumps Ruf nicht geschädigt worden sei und das Gericht keine Zuständigkeit habe. Die BBC warnt zudem vor einem "abschreckenden Effekt" auf die Berichterstattung über Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Der Fall soll nächstes Jahr vor Gericht kommen und hatte bereits Brittins Vorgänger Tim Davie sowie Nachrichtenleiterin Deborah Turness zum Rücktritt bewogen.
Zukunftsweisende Verhandlungen über die Finanzierung
Parallel zur Klage muss Brittin mit der Regierung über die Erneuerung der Königlichen Charta verhandeln, die Ende 2027 ausläuft und alle zehn Jahre erneuert wird. Die Regierung erwägt, den Erneuerungsprozess abzuschaffen und der BBC eine dauerhafte Charta zu gewähren, um mehr Planungssicherheit zu schaffen. Kulturministerin Lisa Nandy hat bereits ihre Absicht bekundet, der BBC zusätzlichen politischen Schutz zu gewähren.
Diese Verhandlungen werden jedoch auch unangenehme Fragen zum Finanzierungsmodell aufwerfen. Die BBC wird derzeit durch eine TV-Lizenzgebühr finanziert, die im April auf £180 ($238) steigt. Dieses Modell wird zunehmend als anachronistisch angesehen, da immer weniger Menschen die Inhalte der BBC konsumieren – insbesondere jüngere Briten – und stattdessen Plattformen wie Netflix oder YouTube nutzen. Der Rückgang der Lizenzgebührenzahler hat die BBC in den letzten Jahren zu Kostensenkungen in Milliardenhöhe gezwungen. Jüngste Kürzungen betreffen unter anderem die Auflösung des preisgekrönten Teams von BBC Studios Events, das für die Live-Berichterstattung von Ereignissen wie königlichen Hochzeiten verantwortlich war. Eine mögliche Alternative ist die Einführung einer Haushaltsabgabe, ähnlich dem deutschen Rundfunkbeitrag.
Digitale Transformation und interne Herausforderungen
Brittins Tech-Hintergrund wird als großer Vorteil in der sich wandelnden Medienlandschaft gesehen. In den nächsten zehn Jahren wird Großbritannien voraussichtlich seine TV-Sender abschalten, wodurch die BBC de facto zu einem reinen Online-Streamer wird. Der Aufstieg von YouTube, das im letzten Jahr zum zweitmeistgesehenen Mediendienst in Großbritannien aufstieg, sowie der Trend zu Kurzvideos stellen die BBC vor große strategische Fragen.
Intern muss Brittin ebenfalls große Herausforderungen meistern. Dazu gehören ein umfassendes Sparprogramm mit Kürzungen von 10 % in allen Abteilungen, was Einsparungen in Milliardenhöhe und voraussichtlich Personal- und Programmkürzungen bedeutet. Eine weitere unmittelbare Priorität ist die Zusammenstellung eines neuen Top-Teams, einschließlich eines Stellvertreters und eines neuen Leiters der BBC News, insbesondere angesichts des Mangels an redaktioneller Erfahrung Brittins.
Kritik und potenzielle Interessenkonflikte
Trotz seiner beeindruckenden Managementerfahrung wurde Brittins mangelnde journalistische Erfahrung kritisiert, obwohl mehrere frühere Generaldirektoren, darunter der erste und von manchen als beste bezeichnete John Reith, ebenfalls keinen solchen Hintergrund hatten. Zudem wurden Bedenken hinsichtlich eines potenziellen Interessenkonflikts geäußert, da die BBC nicht offengelegt hat, wie viele Aktien Brittin an Googles Muttergesellschaft Alphabet besitzt.
Ironischerweise wurden viele der an Brittin gerichteten Kritiken auch an Michelle Guthrie gerichtet, einer weiteren ehemaligen Google-Managerin, die 2016 Geschäftsführerin der Australian Broadcasting Corporation (ABC) wurde und zwei Jahre später entlassen wurde. Beobachter erwarten jedoch, dass Brittin, ein versierter Manager und Kommunikator, der im Umgang mit Politikern erfahren ist, besser abschneiden wird. Er könnte die beste Hoffnung der BBC sein, diese tückische neue Medienlandschaft erfolgreich zu navigieren.