
Botswanas Diamanten-Dilemma: Wie Labor-Steine eine Wirtschaft erschüttern
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Botswana, einst ein leuchtendes Beispiel für die Nutzung von Naturressourcen, erlebt einen dramatischen wirtschaftlichen Einbruch. Der Aufstieg von im Labor gezüchteten Diamanten bedroht die Lebensgrundlage Tausender und stellt die Zukunft einer ganzen Nation in Frage, die auf den Glanz natürlicher Steine gebaut wurde.
Botswanas Diamanten-Dilemma: Vom Erfolg zur Krise
Für Keorapetse Koko, eine ehemalige Diamantenschleiferin aus Botswana, ist die Realität hart. Nach 17 Jahren in der Diamantenindustrie, die ihr Land von einer der ärmsten Nationen in eine afrikanische Erfolgsgeschichte verwandelte, verlor sie vor einem Jahr ihren Arbeitsplatz. Die Entdeckung von Diamanten im Jahr 1967, ein Jahr nach der Unabhängigkeit, hatte Botswana zum weltweit größten Diamantenproduzenten nach Wert und zum zweitgrößten nach Volumen (nach Russland) gemacht.
Die Steine, die Koko und Tausende andere über Jahrzehnte hinweg schliffen, finanzierten Botswanas Gesundheitswesen, Bildung, Infrastruktur und mehr. Das Land vermied den "Ressourcenfluch", der viele afrikanische Nationen plagt, und baute seine Wirtschaft erfolgreich auf diesem einzigen natürlichen Gut auf. Doch nun bricht der Handel mit natürlichen Diamanten unter dem Druck billigerer, im Labor gezüchteter Steine ein, die hauptsächlich in China und Indien massenproduziert werden.
Keorapetse Koko, Mutter von zwei Kindern, überlebte mit etwa 300 US-Dollar im Monat und war auf die Krankenversicherung ihres Arbeitgebers angewiesen – eine anständige Situation für eine angelernte Arbeitskraft bei einem durchschnittlichen Monatsgehalt von 500 US-Dollar. "Ich habe Schulden und weiß nicht, wie ich sie bezahlen soll", sagt sie. Joseph Tsimako, Präsident der Botswana Mine Workers Union, die etwa 10.000 Arbeiter vertritt, betont: "Diamanten haben unser Land aufgebaut. Jetzt, da sich die Welt ändert, müssen wir einen Weg finden, um sicherzustellen, dass sie nicht das Leben der Menschen zerstören, die es mit aufgebaut haben." Er warnt zudem, dass neue US-Zölle unter der Trump-Regierung die Krise verschärfen könnten, da die USA einen 15%-Zoll auf dort abgebaute, geschliffene und polierte Diamanten erheben.
Der Aufstieg der Labor-Diamanten
Der globale Aufstieg synthetischer Diamanten erfolgte rasant. Siddarth Gothi, Vorsitzender der Botswana Diamond Manufacturers Association, erklärt, sie hätten "insbesondere bei Steinen geringerer Qualität einen harten Wettbewerb geschaffen". Ursprünglich in den 1950er Jahren für industrielle Zwecke entwickelt, erreichten sie in den 1970er Jahren Schmuckqualität.
Heute werden im Labor gezüchtete Steine bis zu 80 % günstiger verkauft als natürliche Diamanten. Ihr Anteil am globalen Verkauf stieg von nur 1 % im Jahr 2015 auf fast 20 %. Glitzernde Social-Media-Videos befeuern die Attraktivität dieser in Wochen unter intensiver Hitze und Druck hergestellten Edelsteine, die als günstigere, konfliktfreie und umweltfreundliche Alternativen vermarktet werden.
Während Umweltgruppen den Abbau natürlicher Diamanten mit Entwaldung, Zerstörung von Lebensräumen, Bodendegradation und Wasserverschmutzung in Verbindung bringen, stehen auch die Umweltansprüche synthetischer Edelsteine unter Beobachtung. Kritiker weisen darauf hin, dass ihre Produktion energieintensiv ist und oft mit fossilen Brennstoffen betrieben wird. Yoram Dvash, Präsident der World Federation of Diamond Bourses, warnte im Juli vor einer "beispiellosen Flut" von Synthetika, die den Wert und die Zukunft natürlicher Diamanten bedroht. Er merkt an, dass im Labor gezüchtete Steine mittlerweile den Großteil der neuen Verlobungsringe in den USA ausmachen. Die Preise für natürliche Diamanten sind seit 2022 um etwa 30 % gefallen, was die Branche an einen "kritischen Punkt" bringt.
Hollywood-Stars wie Billie Eilish und Pamela Anderson sowie Bollywood-Berühmtheiten und Gen Z-Influencer haben die Attraktivität synthetischer Diamanten zusätzlich gesteigert. Ian Furman, Gründer von Naturally Diamonds in Südafrika, berichtet, dass von 100 verkauften Diamanten etwa 95 synthetisch sind, während es vor fünf oder sechs Jahren noch überwiegend natürliche Diamanten waren.
Wirtschaftliche Schockwellen und politische Reaktionen
Die Auswirkungen des Wandels sind in ganz Südafrika spürbar. Sinkende Produktion und Einnahmen aus natürlichen Diamanten führen zu Stellenstreichungen und finanziellen Belastungen. Botswanas Diamantenexporte, die etwa 80 % der Deviseneinnahmen und ein Drittel der Staatseinnahmen ausmachen, sind eingebrochen. Debswana, der größte lokale Diamantenproduzent und ein Joint Venture zwischen der Regierung und dem Bergbaugiganten De Beers, verzeichnete im letzten Jahr eine Halbierung der Einnahmen. Das Unternehmen hat den Betrieb in einigen Minen eingestellt, während Botswana und Angola Gespräche führen, um Mehrheitsbeteiligungen an De Beers' Diamantenabbaueinheit zu übernehmen.
Im September meldete Botswanas nationales Statistikamt einen Rückgang der Diamantenproduktion um 43 % im zweiten Quartal – der stärkste Rückgang in der modernen Bergbaugeschichte des Landes. Die Weltbank erwartet, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um 3 % schrumpfen wird, die zweite aufeinanderfolgende Kontraktion.
Um dem Trend entgegenzuwirken, einigten sich Botswana, Angola, Namibia, Südafrika und der Kongo im Juni darauf, 1 % ihrer jährlichen Diamanteneinnahmen – Millionen von Dollar – in eine globale Marketingkampagne zu investieren. Diese Kampagne, angeführt vom Natural Diamond Council, soll natürliche Steine bewerben. Zu den Mitgliedern der gemeinnützigen Organisation gehören große Bergbauunternehmen wie die De Beers Group und Rio Tinto. Letztes Jahr startete der Rat die Kampagne "Real. Rare. Responsible" mit Schauspielerin Lily James, um natürliche Diamanten als einzigartig und ethisch unbedenklich zu positionieren. Kristina Buckley Kayel, Geschäftsführerin des Rates für Nordamerika, betont, dass die Wiederherstellung der "Begehrlichkeit" natürlicher Diamanten unerlässlich ist, um die Produzentenwirtschaften, insbesondere im südlichen Afrika, zu schützen.
Die Suche nach einer neuen Zukunft
Da die Diamanteneinnahmen nicht mehr gesichert sind, hat die Regierung Botswanas im September einen Staatsfonds eingerichtet, der sich auf Investitionen und die Diversifizierung jenseits des Bergbaus konzentriert. Details zu dessen Wert und Investoren sind jedoch noch spärlich. Plötzlich gewinnen die elefantenreiche Tourismusindustrie des Landes und andere Bergbauoptionen, darunter Gold, Silber und Uran, an Bedeutung.
Für Keorapetse Koko, die entlassene Diamantenarbeiterin, könnte dieser Politikwechsel jedoch zu spät kommen. "Ich war die Hauptverdienerin in einer großen Familie", sagt sie. "Jetzt weiß ich nicht einmal, wie ich meine eigenen Kinder ernähren soll. Einen anderen Job zu finden ist sehr schwierig. Die Fähigkeiten, die ich gelernt habe, sind nur in der Diamantenindustrie relevant." Sie selbst besaß nie einen Diamanten; selbst der kleinste wäre ein Luxus jenseits ihrer Mittel gewesen.