
Creator Economy: Wachstum, Messprobleme und die globale Steuerdebatte
ℹKeine Anlageberatung • Nur zu Informationszwecken
Die Creator Economy, oft als Nebenverdienst oder "Side Hustle" unterschätzt, entwickelt sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor, dessen wahres Ausmaß und Einfluss auf die globale Werbebranche und Konsumausgaben zunehmend erkannt wird. Gleichzeitig stehen Finanzbehörden weltweit vor der wachsenden Herausforderung, diese dynamische und schwer messbare Wirtschaftsform adäquat zu besteuern.
Die unterschätzte Macht der Creator Economy
Laut Paul Donovan, Chefökonom bei UBS Global Wealth Management, haben Finanzbehörden und Statistiker lange Zeit verschiedene Arten wirtschaftlicher Aktivitäten, einschließlich der "Side Hustles", unterschätzt. Eine Analyse von WPP Media prognostiziert, dass im Jahr 2025 durch Creator generierte Inhalte den gleichen Anteil an den globalen Werbeeinnahmen erzielen werden wie die Radio- und Zeitungsbranche zusammen. Donovan merkt an: „Werbeeinnahmen fließen nicht zu traditionellen Plattformen. Um in der modernen Welt eine Botschaft zu vermitteln, braucht man einen 15-Jährigen mit einem Smartphone und ein paar netten Tanzbewegungen.“
Während einige Influencer ihren Lebensunterhalt ausschließlich mit Online-Inhalten bestreiten können, erzielen die meisten Creator eher ein Zusatzeinkommen. Die digitale Landschaft ermöglicht es jedoch einem breiteren Personenkreis, in dieses Geschäft einzusteigen. Beispielsweise können Musiker ihre Musik über Streaming-Dienste veröffentlichen und so traditionelle Plattenlabels als Gatekeeper umgehen. Donovan erklärt zudem: „Online-Marktplätze gibt es in Hülle und Fülle, die es jedem, der glaubt, etwas verkaufen zu können, ermöglichen, einen Kunden zu finden, ohne die Kosten für die Anmietung eines physischen Geschäfts zu haben.“
Messprobleme und die unsichtbare Wertschöpfung
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Creator Economy sind jedoch schwer zu messen, da "Social Media Influencer" keine Berufsbezeichnung ist, die in Arbeitskräfteerhebungen erfasst wird. Dies führt dazu, dass das Wachstum teilweise unterschätzt wird, da die Erfassung bestimmter Wirtschaftsleistungen fehlschlägt. Die Dominanz des E-Commerce bedeutet für "Side Hustler" einen riesigen potenziellen Markt bei minimalen Fixkosten. Datenanalysten, die sich auf große Geschäfte konzentrieren, unterschätzen jedoch oft die gesamten Konsumausgaben, die durch kleine Online-Verkäufer generiert werden.
Paul Donovan betont: „Der Side Hustle hat wirtschaftlichen Wert, aber die Arbeit wird selten anerkannt.“ Die Messung der Arbeitsstunden, die ein Creator aufwendet, könnte sogar noch schwieriger sein als die Erfassung ihrer Verkäufe, was die Produktivitätsdaten verzerren könnte. Diese Herausforderungen bei der Datenerfassung erschweren ein umfassendes Verständnis der tatsächlichen Größe und des Beitrags der Creator Economy.
Die Herausforderung der Besteuerung von Side Hustles
Die Besteuerung von Einnahmen aus "Side Hustles" ist ein wachsendes Problem für viele Finanzbehörden. Der Aufwand, jedes kleine Geschäft zu besteuern, kann die generierten Einnahmen übersteigen, weshalb Einzelunternehmen oft Steuerbefreiungen für einen Teil ihres Einkommens in Anspruch nehmen können. Donovan warnt jedoch: „Wie bei der Neubewertung von Zollbefreiungen für Kleinpakete könnten Finanzbehörden die steuerfreien Freibeträge für Side Hustles neu bewerten müssen.“
In Florida wurde dieses Thema kürzlich aktuell, als ein republikanischer Kandidat für das Gouverneursamt eine 50-prozentige "Sündensteuer" auf OnlyFans-Creator vorschlug. Ziel sei es, "kulturelle Degeneration" zu bekämpfen und junge Frauen vom Verkauf von Nacktfotos abzuhalten. Die Content Creatorin Sophie Rain äußerte sich dazu gegenüber dem People Magazine und nannte es „das Dümmste, was ich je gehört habe.“ Sie fügte hinzu: „Niemand hat mich jemals gezwungen, OnlyFans zu starten, es war MEINE Entscheidung, also brauche ich keinen 31-jährigen Mann, der mir sagt, ich könne meinen Körper nicht online verkaufen.“
Globale Perspektiven: Indien, USA und Äthiopien
Weltweit suchen Regierungen nach Wegen, die Creator Economy zu regulieren und zu besteuern.
- Indien: Im Vorfeld des Unionshaushalts 2026 fordern Branchenvertreter eine klarere Politik für Indiens Creator Economy. Dazu gehören eindeutige Besteuerungs- und GST-Regelungen für digitale Content-Dienste, Steueranreize für Content-to-Commerce-Modelle und Creator-Tech-Plattformen, vereinfachte Compliance für Creator-geführte Kleinstunternehmen sowie soziale Sicherungssysteme für Gig-Creator. KlugKlug und Mad Influence betonen, dass die Creator Economy als strukturierte digitale Industrie behandelt werden sollte. Aktuelle Schätzungen zeigen, dass Indien rund 2 bis 2,5 Millionen aktive Creator beheimatet, die Konsumausgaben von über 350 Milliarden US-Dollar jährlich beeinflussen. Bis 2030 wird ein Anstieg auf über 1 Billion US-Dollar prognostiziert. Die indische Regierung schätzt die direkten Einnahmen aus dem Creator-Ökosystem derzeit auf 20 bis 25 Milliarden US-Dollar, mit einer Expansion auf 100 bis 125 Milliarden US-Dollar bis zum Ende des Jahrzehnts. Creator beeinflussen über 30 % der Konsumentscheidungen. Trotzdem monetarisieren laut Mad Influence nur 8 bis 10 % der Creator effektiv. Die Advertising Standards Council of India (ASCI) hat Richtlinien für Influencer zur Offenlegung und Transparenz in Marken-Inhalten herausgegeben. Im Jahr 2025 kündigte die Regierung einen Fonds von 1 Milliarde US-Dollar an, um die Creator Economy zu fördern.
- USA: Der "One Big Beautiful Bill" (OBBB), auch bekannt als "Working Families Tax Cut", macht viele der Steuerrechtsänderungen des "Tax Cut and Jobs Act" (TCJA) von 2017 dauerhaft und fügt einige temporäre und dauerhafte Änderungen hinzu. Die meisten Änderungen treten am 1. Januar 2026 in Kraft, einige sind jedoch rückwirkend für die Steuererklärung 2025 relevant. Zu den Änderungen gehören unter anderem die Steuerfreiheit für Trinkgelder (Abzug bis zu 25.000 US-Dollar pro Steuerzahler mit Phasenregelung) und Überstunden (Abzug bis zu 12.500 US-Dollar pro Steuerzahler mit Phasenregelung), ein erhöhter Kinderfreibetrag von 2.000 auf 2.200 US-Dollar sowie ein zusätzlicher Abzug von 6.000 US-Dollar für Steuerzahler ab 65 Jahren (bis 2028).
- Äthiopien: Die Bundesregierung bereitet die Formalisierung der Besteuerung einer aufstrebenden digitalen Content Economy vor, die Influencer und Content-Produzenten auf Plattformen wie TikTok, YouTube und Instagram ins Visier nimmt. Ein Entwurf des Finanzministeriums sieht einen umfassenden Rahmen vor, der Content-Creator zur Registrierung, Führung von Buchhaltungsunterlagen und vierteljährlichen Einkommensteuerzahlungen verpflichtet. Creator, die mindestens 100.000 Br jährlich verdienen, müssen sich bei der Steuerbehörde registrieren, eine Steueridentifikationsnummer (TIN) erhalten und die Einkommensteuergesetze vollständig einhalten. Einnahmen aus digitaler Content-Erstellung werden als Geschäftseinkommen klassifiziert. Bei einem jährlichen Bruttoeinkommen von über zwei Millionen Birr gelten die Regeln für die Geschäftseinkommensteuer, und Creator sind verpflichtet, Buchhaltungsunterlagen zu führen und Ausgaben abzuziehen. Das Ministerium hat bei der Ausarbeitung der Verordnung digitale Steuersysteme in Ländern wie Kenia und Südafrika geprüft.