
Deutsche Wirtschaft: Wachstumsprognose gesenkt durch Iran-Krieg und Energiepreisschock
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Experten haben die Wachstumsprognosen für die deutsche Wirtschaft, Europas größte Volkswirtschaft, für die Jahre 2026 und 2027 deutlich nach unten korrigiert. Regierungen in ganz Europa führen derweil Maßnahmen ein, um die Preiswirkungen des Iran-Krieges abzufedern, der eine neue Hürde für das Wirtschaftswachstum darstellt.
Wirtschaftsprognose für Deutschland deutlich gesenkt
Eine Gruppe von fünf Wirtschaftsinstituten prognostiziert für das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) ein Wachstum von 0,6 Prozent für das Jahr 2026. Dies ist weniger als die Hälfte der im September prognostizierten 1,3 Prozent. Für 2027 wird ein Wachstum von 0,9 Prozent erwartet, eine Reduzierung von den zuvor angenommenen 1,4 Prozent. Diese wirtschaftliche Einschätzung liegt unter der eigenen Regierungsprognose von vor zwei Monaten, die 1 Prozent bzw. 1,3 Prozent Wachstum für die jeweiligen Jahre vorsah. Im vergangenen Jahr wuchs die deutsche Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent, nachdem sie in den beiden Vorjahren geschrumpft war.
Iran-Krieg treibt Energiepreise und Inflation
Der Iran-Krieg hat ein unerwünschtes neues Wachstumshindernis für ganz Europa geschaffen. Die jährliche Inflationsrate im Euroraum (21 Nationen) beschleunigte sich im März auf 2,5 Prozent, verglichen mit 1,9 Prozent im Vormonat. Dies wurde maßgeblich durch einen Anstieg der Energiepreise um 4,9 Prozent angetrieben, da der Krieg und die Blockade der Straße von Hormus die Kraftstoffkosten in die Höhe trieben. Auch Schäden an der Öl- und Gasinfrastruktur in der Region tragen zu den hohen Energiepreisen bei.
Timo Wollmershäuser, Experte des Münchner Ifo Instituts, das an der Gemeinschaftsprognose beteiligt war, kommentierte: „Dieser Energiepreisschock trifft eine deutsche Wirtschaft, in der sich im vergangenen Jahr nach einem mehrjährigen Abschwung eine Erholung eingestellt hatte.“ Er fügte hinzu, dass dies die Erholung in Deutschland „dämpfen, aber nicht vollständig stoppen sollte“, und verwies auf geplante Staatsausgaben für Verteidigung und Infrastruktur als stabilisierenden Faktor. Die Internationale Energieagentur (IEA) warnte, dass es viele Monate dauern könnte, bis die Öl- und Gasflüsse aus dem Golf nach Beendigung der Feindseligkeiten wiederhergestellt sind. IEA-Chef Fatih Birol sprach von der möglicherweise schwersten Energiekrise der Geschichte.
Europäische Reaktionen auf den Preisschock
Die Europäische Kommission fordert ihre Mitgliedstaaten auf, „Maßnahmen zur Nachfrageeinsparung in Betracht zu ziehen“ und „von Maßnahmen abzusehen, die den Kraftstoffverbrauch erhöhen könnten“. Dennoch haben einige europäische Länder bereits weitreichendere Schritte unternommen:
- Polen hat diese Woche temporäre Maßnahmen eingeführt, darunter täglich von den Behörden festgelegte Höchstpreise für Kraftstoffe. Bei Verstößen drohen Unternehmen Bußgelder von bis zu 1 Million Zloty (268.000 US-Dollar). Zudem werden die Kraftstoffsteuern vorübergehend gesenkt.
- Österreich hat am Mittwoch Steuersenkungen auf Kraftstoffe in Kraft gesetzt, um die Preise an den Zapfsäulen zu reduzieren.
- Schwedens Regierung schlägt ab dem 1. Mai niedrigere Steuern auf Benzin und Diesel vor. Zudem wurde die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel und Getränke in Geschäften oder zum Mitnehmen von Restaurants von 12 Prozent auf 6 Prozent halbiert.
- Lettland und Litauen planen, die Zölle auf Diesel zu senken.
- Das Nicht-EU-Land Norwegen hat am Mittwoch temporäre Kürzungen der Kraftstoffsteuer umgesetzt, die das Parlament in der vergangenen Woche erzwungen hatte.
Deutschlands vorsichtige Maßnahmen und strukturelle Herausforderungen
Deutschlands Reaktion war bisher vergleichsweise vorsichtig. Am Mittwoch trat eine Gesetzgebung in Kraft, die Tankstellen erlaubt, Preise nur einmal täglich, mittags, zu erhöhen. Dies ist ein Versuch, Preisschwankungen an der Zapfsäule zu beenden. Zudem erhält das nationale Kartellamt mehr Befugnisse, um gegen überhöhte Kraftstoffpreise vorzugehen.
Timo Wollmershäuser sprach sich gegen „kurzfristigen Aktivismus“ aus, insbesondere gegen eine staatlich verordnete Senkung der Kraftstoffpreise. Er argumentierte, dies wäre „kostspielig, würde vielen Menschen zugutekommen, die keine Entlastung benötigen, das Knappheitssignal des Preises verzerren und die Nachfrage nach Rohöl aufrechterhalten.“ Steffen Bilger, Leiter der CDU-Bundestagsfraktion, äußerte gegenüber ntv, dass weitere Maßnahmen wie eine Erhöhung der Pendlerpauschale eingeführt werden könnten, falls der Krieg andauert und die Preise hoch bleiben. Er fügte jedoch hinzu: „Dies wird aber nicht dazu beitragen, die Preise an der Zapfsäule wieder auf ein Niveau zu bringen, das wir gewohnt sind.“
Unsicherheiten und langfristige Perspektiven
Die deutsche Wachstumsprognose basiert auf der Annahme, dass die Straße von Hormus im zweiten Quartal wieder passierbar sein wird und die Energiepreise ab dem Sommer sinken, „aber ohne das Vorkriegsniveau zu erreichen.“ Die Ökonomen betonen jedoch erhebliche Unsicherheiten hinsichtlich der Entwicklung der Krise und ihrer Auswirkungen auf Energiepreise, Lieferketten und die Gesamtwirtschaft.
Die aktuelle Störung trifft die Regierungskoalition von Kanzler Friedrich Merz, während sie weitreichende Reformen zur Überwindung tiefer liegender Probleme Deutschlands erwägt. Dazu gehören hohe Produktionskosten, rückläufige private Investitionen sowie zunehmend kostspielige Gesundheits- und Rentensysteme, um das langfristige Wachstum anzukurbeln. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche erklärte, die Botschaft der jüngsten Wachstumsprognose sei klar: „Der Konflikt im Nahen Osten erhöht den Druck auf die deutschen Politiker, Strukturreformen entschlossen anzugehen.“ Deutschland ist aufgrund seiner starken Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen besonders anfällig für Energiepreisschocks, eine Schwachstelle, die bereits durch die Gaskrise 2022 nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine deutlich wurde.