
Esther Wojcicki: Die "Godmother" prägt Silicon Valley und Tech-Führungskräfte
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Es mag unwahrscheinlich erscheinen, dass das Silicon Valley, ein Ort, an dem Ingenieure mit ihren KI-Tokens und ihrem Schlafmangel prahlen, maßgeblich von einer Journalismuslehrerin an einer öffentlichen High School beeinflusst wurde und nicht etwa von einem Informatiklehrer. Doch genau diese Botschaft vermittelt der neue Dokumentarfilm "The Godmother of Silicon Valley", der den Einfluss von Esther Wojcicki, 85, feiert. Von ihren Schülern der Palo Alto High School liebevoll "Woj" genannt, prägte sie die frühe Tech-Szene und formte Generationen von Innovatoren.
Die "Godmother" von Silicon Valley
Der Dokumentarfilm, der am Donnerstag im Presidio Theatre in San Francisco Premiere feierte, beleuchtet, wie Esther Wojcicki die Tech-Szene in Palo Alto transformierte. Dies geschah sowohl durch ihren Journalismusunterricht, den sie von 1984 bis 2020 leitete, als auch durch ihre Töchter: die ehemalige YouTube-CEO Susan Wojcicki und die 23andMe-Mitbegründerin Anne Wojcicki. Wojcicki wird als legendäre Mentorin für Tech-Titanen beschrieben, darunter die Gründer von Google, die ehemalige CEO von YouTube, die Mitbegründerin von 23andMe und sogar die Tochter von Steve Jobs.
Eine Philosophie, die Regeln bricht
Wojcickis Philosophie würde vielen Gründern im Silicon Valley vertraut klingen: Regeln brechen, schwierige Fragen stellen, Scheitern akzeptieren und Technologie frühzeitig adaptieren. Diese Denkweise wurde durch ihre Lebenserfahrung geformt, wie sie im Dokumentarfilm erklärt. "Wenn man alle Regeln befolgt, verpasst man die ganze Innovation", sagte Wojcicki bei der Premiere.
Pädagogik der Unabhängigkeit und des Scheiterns
Als sie mit dem Unterrichten begann, hielt sich Wojcicki zunächst an traditionelle Lehrpläne. Doch als die Schüler nicht aufmerksam waren, änderte sie ihren Ansatz grundlegend. Sie baute eine direkte Bindung zu ihnen auf, indem sie sie am ersten Schultag mit in ein Einkaufszentrum nahm und sie das Schulmagazin selbst leiten ließ. Zudem lehrte sie, dass Scheitern in Ordnung sei, indem sie den Schülern erlaubte, Tests so oft zu wiederholen, bis sie eine "A"-Note erreichten. Ihr Medienprogramm wuchs von 18 Schülern zum größten des Landes, was ihr 2002 die Auszeichnung als "California Teacher of the Year" einbrachte.
Verbindungen zu Tech-Giganten
Esther Wojcicki pflegte in den 1980er Jahren eine enge Freundschaft mit Apple-Mitbegründer Steve Jobs, was ihre Leidenschaft für Technologie unterstreicht. Sie überzeugte ihn sogar, Macintoshes für ihr Klassenzimmer zur Verfügung zu stellen. Die einzige Bedingung von Jobs war: "Erzähl niemandem, woher du die Computer hast, denn sonst wird mich jeder um kostenlose Computer bitten." Einige dieser Maschinen wurden später zu Bänken umfunktioniert, die heute im Medienkunstzentrum der High School stehen.
Ihre Verbindung zur Tech-Welt reichte bis zu den Anfängen von Google. Ihre Tochter Susan Wojcicki war eine der ersten Google-Mitarbeiterinnen und ihr Haus wurde sogar zum ersten Hauptquartier von Google. Dort, so erinnert sich die ältere Wojcicki im Dokumentarfilm, stahlen die Mitbegründer Larry Page und Sergey Brin Essen aus dem Kühlschrank und nutzten unerlaubt den Whirlpool. Susan Wojcicki verstarb 2024 im Alter von 56 Jahren an Lungenkrebs.
Ein Erbe erfolgreicher Töchter
Während Wojcickis Unterricht sie in Palo Alto berühmt machte, machten ihre Töchter sie zu einer Berühmtheit im Silicon Valley:
- Susan Wojcicki war eine der ersten Google-Mitarbeiterinnen und wurde CEO von YouTube.
- Anne Wojcicki gründete das DNA-Testunternehmen 23andMe.
- Janet Wojcicki wurde eine renommierte Kinderärztin.
Die TRICK-Philosophie für Eltern und Führungskräfte
Esther Wojcicki ist auch bekannt für die Erziehung ihrer erfolgreichen Kinder und hat ein Buch zu diesem Thema verfasst. Ähnlich wie in ihren Journalismusklassen ermutigt sie Eltern, ihren Kindern zu erlauben, Scheitern zu akzeptieren und unabhängig zu sein. Im Dokumentarfilm erläutert sie ihre TRICK-Philosophie:
- Trust (Vertrauen)
- Respect (Respekt)
- Independence (Unabhängigkeit)
- Collaboration (Zusammenarbeit)
- Kindness (Freundlichkeit)
"Jeder möchte respektiert werden", sagt sie im Film. "Menschen arbeiten wirklich gut, wenn sie sich vertraut und respektiert fühlen." Die Parenting Trick App, die das TRICK-Akronym nutzt, soll Eltern dabei helfen, den Druck auf Kinder zu mindern und die nächste Generation von Führungskräften zu erziehen. Die App wird derzeit von einer gemeinnützigen Organisation betrieben und bietet jungen Praktikanten die Möglichkeit, an Promotion und Marketing mit weltweit angesehenen weiblichen Vordenkern zu arbeiten.
Kritik an der modernen Tech-Kultur
Wojcicki äußerte bei der Premiere auch Kritik an der aktuellen Kultur des Silicon Valley. Ihrer Meinung nach übernehme diese das Motto von Meta-CEO Mark Zuckerberg, "move fast and break things", ohne ausreichend über die langfristigen Konsequenzen nachzudenken. Das Hinterfragen von Autoritäten sei wichtig, aber ebenso die Freundlichkeit – und das Überarbeiten statt des Zerstörens von allem. Zuckerberg habe es "ein bisschen falsch verstanden", sagte sie unter Gelächter des Publikums.
Frühe Prägung und aktuelle Projekte
Ein Kindheitstrauma, der tragische Tod ihres jüngsten Bruders aufgrund mangelnder medizinischer Versorgung, prägte Esther Wojcickis Engagement für Selbstvertretung und ihre Verpflichtung, anderen beizubringen, sich für ihre Rechte einzusetzen. Dieses Ereignis lehrte sie, dass Schweigen tödlich sein kann, und beeinflusste ihren Lebensweg trotz anfänglichen familiären Widerstands gegen ihre Berufswahl.
Neben ihrer Arbeit an der Parenting Trick App ist Esther Wojcicki auch in den Stanford-Andreessen Horowitz BioTech-Investitionen involviert. Ihre anhaltenden Bemühungen zeigen, dass ihre Philosophie weiterhin relevant ist, um die nächste Generation von Führungskräften und Innovatoren zu formen.