EU stärkt Beziehungen zur Türkei: Sicherheit vor Demokratie?

EU stärkt Beziehungen zur Türkei: Sicherheit vor Demokratie?

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Die Europäische Union strebt eine engere Zusammenarbeit mit der Türkei an, um der russischen Aggression und wachsenden Energiesicherheitsbedenken entgegenzuwirken. Dies geschieht, obwohl die Beziehungen durch Präsident Recep Tayyip Erdogans demokratische Rückschritte und seine zunehmend anti-westliche Haltung belastet sind. Brüssel verfolgt einen pragmatischeren Ansatz, bei dem Sicherheitsinteressen Vorrang vor demokratischen Bedenken haben.

EU sucht pragmatische Partnerschaft mit der Türkei

Die EU hat ihre Herangehensweise an Ankara geändert und priorisiert die Sicherheitskooperation angesichts regionaler Bedrohungen. Analysten zufolge ignoriert Brüssel die demokratischen Rückschritte der Türkei im Austausch für eine engere Sicherheitspartnerschaft. Samuel Doveri Vesterbye, Direktor des in Brüssel ansässigen Think Tanks European Neighborhood Council, erklärte im November gegenüber DW News: "Ich glaube nicht, dass die Frage der Demokratie sehr viel verändert hat. Ich denke, die Frage der Sicherheit hat sich verschoben, weil es diese übergreifende Bedrohung durch Russland gibt."

EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos besuchte die Türkei und traf den türkischen Außenminister Hakan Fidan, um Schritte zum Vertrauensaufbau und zur Stärkung der Beziehungen zu erörtern. Kos betonte, dass der Frieden in der Ukraine die Realitäten in Europa, insbesondere in der Schwarzmeerregion, verändern werde und die Türkei ein sehr wichtiger Partner sei. Trotz dieser Bemühungen gab es jedoch keine Fortschritte bei den seit 2018 ins Stocken geratenen EU-Beitrittsverhandlungen der Türkei.

Türkeis strategische Bedeutung für Europas Sicherheit

Die geografische Lage der Türkei macht sie unverzichtbar für die Abwehr russischer Drohbedrohungen, die Migrationskontrolle und die Sicherung von Energierouten aus dem Kaspischen Meer. Die Türkei dient als Transitroute für Gas und Öl aus dem Kaspischen Meer, was die Abhängigkeit des Blocks von russischer Energie verringern könnte. Mit der zweitgrößten NATO-Armee und der Kontrolle über den Bosporus besitzt Ankara erheblichen Einfluss auf die regionale Sicherheit und spielte eine Schlüsselrolle bei der Aushandlung des Schwarzmeerabkommens im Juli 2022, das die sichere Passage ukrainischer Getreideschiffe gewährleistete.

EU-Beamte sehen Ankara zunehmend als notwendigen Partner zur Abschreckung russischer Aggressionen und zur Stabilisierung der Ostflanke Europas. Die Invasion der Ukraine durch Moskau im Jahr 2022 hat die Befürchtungen europäischer Beamter verstärkt, dass Präsident Wladimir Putin als Nächstes osteuropäische Nationen angreifen könnte, sollte er in der Ukraine erfolgreich sein.

Russische Aggression und die "Drohnenmauer"

Russland wird von EU-Beamten für eine Welle unidentifizierter Lufteinfälle in Nordeuropa im vergangenen Jahr verantwortlich gemacht. Drohnenaktivitäten in Dänemark führten zur Schließung mehrerer Flughäfen und versetzten das Militär des Landes in höchste Alarmbereitschaft. Die dänische Premierministerin Mette Frederiksen bezeichnete die Vorfälle als "den schwerwiegendsten Angriff auf die kritische Infrastruktur Dänemarks in jüngster Zeit".

Als Reaktion darauf haben europäische Beamte die Schaffung einer "Drohnenmauer" vorgeschlagen. Dieser Verteidigungsschild könnte stark auf die schnell wachsende Drohnenindustrie der Türkei angewiesen sein. Die Luftraumverletzungen haben die ohnehin schon angespannten Beziehungen zwischen dem Westen und Russland weiter verschärft und Bedenken hinsichtlich eines umfassenderen hybriden Krieges geweckt.

Türkeis wachsende Drohnenindustrie

Baykar Technology, ein privates Verteidigungs- und Luftfahrtunternehmen, hat seine Drohnenproduktion erhöht, um der schnell wachsenden Nachfrage gerecht zu werden. Baykar exportierte im Jahr 2024 Drohnen im Wert von 1,8 Milliarden US-Dollar, wobei 90 % der Einnahmen aus Auslandsverkäufen stammten. Das Unternehmen hat seine Bayraktar TB2-Drohnen an Polen und die Ukraine geliefert, um russische Drohneneinfälle abzuwehren.

Baykar hat nach eigenen Angaben Exportverträge für seine TB2-Drohne mit 30 Ländern unterzeichnet, darunter die Ukraine, Äthiopien, Libyen und Aserbaidschan, so das Stockholm International Peace Research Institute. Dimitris Tsarouhas, Senior Non-Resident Fellow des ELIAMEP Turkey Programme, schrieb im Oktober, dass türkische Verteidigungsprodukte, insbesondere Drohnen und Raketensysteme, weltweit für ihre Kosteneffizienz, Innovation und ihren operativen Erfolg bekannt seien. Er fügte hinzu, dass die bestehende Expertise der Türkei in der Drohnentechnologie die Bemühungen der EU zur Stärkung ihrer autonomen Verteidigungsfähigkeiten ergänzen könnte.

Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Handelsbeziehungen

Die EU strebt an, die Türkei stärker in Europas Wirtschaftsraum zu verankern. Marta Kos kündigte eine neue, von der EU unterstützte Investitionsstudie an, um den Handel zwischen China, Zentralasien, dem Südkaukasus, der Türkei und dem Schwarzen Meer auszuweiten. Die Europäische Investitionsbank (EIB) und die Türkei unterzeichneten zudem Darlehen in Höhe von 200 Millionen Euro für Projekte im Bereich erneuerbare Energien.

Obwohl Kos und Fidan keine Fortschritte bei den EU-Beitrittsverhandlungen erzielten, bot ihr gemeinsames Kommuniqué eine Verpflichtung zur Verbesserung der Funktionsweise der Zollunion. Die türkische EU-Botschafterin Yaprak Balkan erklärte gegenüber POLITICO, dass die EU-Mitgliedschaft der Türkei "das Leitlicht in unseren Beziehungen sein sollte". Die Türkei wünscht sich eine Aktualisierung des Zollabkommens von 1995, da neue Handelsabkommen der EU mit Indien und dem Mercosur-Block die Türkei benachteiligen könnten.

Energiesicherheit und die Rolle der Türkei

Die Türkei ist eine wichtige Transitroute für Gas und Öl aus dem Kaspischen Meer, was die Abhängigkeit der EU von russischer Energie verringern könnte. Die Energiesicherheit Europas ist ein zentrales Anliegen, insbesondere im Hinblick auf russisches Flüssigerdgas (LNG). Aly Blakeway, Managerin für Atlantic LNG bei S&P Global Energy, warnte, dass ein Verbot für europäische Firmen, russisches LNG zu vermarkten, das Risiko von Force Majeure und Projektausstiegen stark erhöhen könnte. Dies könnte das Angebot im Atlantikbecken verknappen und die Spot-LNG- und europäischen Gaspreise in die Höhe treiben.

TotalEnergies hat die französische Regierung und die EU-Kommission um Klärung eines EU-Verbots für russische LNG-Importe gebeten. CEO Patrick Pouyanne erklärte, dass das Unternehmen, sollte es das Gas aus seinem Yamal-Projekt in Russland nicht vermarkten können, möglicherweise aus dem Projekt aussteigen müsse. Total ist einer der größten Abnehmer von russischem LNG und bezieht jährlich etwa 5 Millionen Tonnen für Kunden in Europa und Asien.

Herausforderungen und politische Divergenzen

Trotz des Drängens der EU auf engere Beziehungen zur Türkei könnten geopolitische Realitäten im Wege stehen. Dazu gehören die Unterstützung der Hamas durch die Türkei, die die EU als Terrororganisation einstuft, sowie unterschiedliche politische Ansichten zu den Unruhen im Iran. Kritiker wie Sinan Ciddi von der Foundation for Defense of Democracies argumentieren, dass die Türkei eine nachsichtige Haltung gegenüber der Unterdrückung von Protesten und den nuklearen Fortschritten des Iran eingenommen hat.

Am 15. Januar beschrieb der türkische Außenminister Fidan die anhaltenden Unruhen im Iran als "Grauzone" und nicht als einen direkten ideologischen Aufstand gegen das islamische Regime. Die EU hat hierzu eine wesentlich stärkere Position bezogen. Gönül Tol vom Middle East Institute merkte an, dass sich "in den wichtigsten Fragen nichts grundlegend geändert" habe und die Beziehung "transaktional" bleibe.

Erwähnte Persönlichkeiten