
EU warnt USA vor Zollchaos: Transatlantische Handelsdeals in Gefahr
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Nachdem der US Supreme Court am Freitag die globale Zollpolitik von Präsident Donald Trump für ungültig erklärt hatte, reagierte dieser umgehend mit der Einführung neuer, globaler Importzölle von 15%. Diese Maßnahme hat in Europa und London Besorgnis ausgelöst und wirft Fragen zur Zukunft bestehender Handelsabkommen mit den Vereinigten Staaten auf.
Trumps neue Zollpolitik und die europäische Reaktion
Präsident Trump kündigte zunächst einen neuen universellen Zoll von 10% an, erhöhte diesen jedoch kurz darauf auf 15% – das gesetzliche Maximum, das für 150 Tage ohne Zustimmung des Kongresses in Kraft sein kann. Die neuen Importzölle sind laut Trumps Truth Social Post vom Samstag "sofort wirksam". Diese Entwicklung hat bei europäischen Beamten und in London Alarm ausgelöst, da sie befürchten, dass die im letzten Jahr unterzeichneten Handelsabkommen mit den USA nun gefährdet sein könnten.
Bernd Lange, Vorsitzender des Ausschusses für internationalen Handel des Europäischen Parlaments, bezeichnete die Situation am Sonntag als "reines Zollchaos der US-Regierung". Er schrieb auf der Social-Media-Plattform X: "Niemand kann mehr einen Sinn darin erkennen – nur offene Fragen und wachsende Unsicherheit für die EU und andere US-Handelspartner." Lange kündigte an, eine Notfallsitzung des Handelsausschusses des Europäischen Parlaments für Montag einzuberufen und vorzuschlagen, die Umsetzung des US-EU-Handelsabkommens auszusetzen, bis die EU eine "umfassende rechtliche Bewertung und klare Zusagen der USA" zu den jüngsten Zöllen erhalten hat.
Forderungen nach Klarheit und Einhaltung von Abkommen
Die Europäische Kommission forderte am Sonntag, dass die Vereinigten Staaten die Bedingungen eines im letzten Jahr geschlossenen EU-US-Handelsabkommens einhalten müssen. Sie betonte, dass die aktuelle Situation nicht förderlich für einen "fairen, ausgewogenen und für beide Seiten vorteilhaften" transatlantischen Handel und Investitionen sei, wie im gemeinsamen Statement zur Festlegung der Bedingungen des Handelsabkommens vom August 2025 vereinbart. "Ein Deal ist ein Deal", so die Kommission.
EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič hat die Angelegenheit bereits am Samstag mit dem US-Handelsbeauftragten Jamieson Greer und Handelsminister Howard Lutnick besprochen. Die EU-Kommission verlangt "volle Klarheit" von Washington über die beabsichtigten Schritte nach dem Gerichtsurteil und betont, dass EU-Produkte weiterhin von der wettbewerbsfähigsten Behandlung profitieren müssen, ohne Zollerhöhungen über die zuvor vereinbarte Obergrenze hinaus.
Die Perspektive der Mitgliedstaaten und der USA
Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte gegenüber dem deutschen Sender ARD, dass es vor seinem Besuch im Weißen Haus Anfang März "eine sehr klare europäische Position dazu" geben werde. Er verwies jedoch auf die Europäische Kommission in Brüssel bezüglich der konkreten Reaktion der EU auf die Zölle. Der französische Handelsminister Nicolas Forissier schlug vor, dass Brüssel Vergeltungsmaßnahmen gegen Washington ergreifen könnte, und forderte die EU-Mitglieder auf, "nicht naiv zu sein" und einen geeinten Ansatz zu verfolgen.
Auch das Vereinigte Königreich hinterfragte die Auswirkungen der neuen Zollpolitik auf sein Handelsabkommen mit den USA. Ein Sprecher der britischen Regierung äußerte sich am Wochenende: "Unter jedem Szenario erwarten wir, dass unsere privilegierte Handelsposition mit den USA bestehen bleibt, und werden mit der Regierung zusammenarbeiten, um zu verstehen, wie das Urteil die Zölle für das Vereinigte Königreich und den Rest der Welt beeinflussen wird."
US-Handelsbeauftragter Jamieson Greer verteidigte Trumps Zollhaltung am Sonntag und erklärte gegenüber CBS' Face the Nation, dass sich die Handelspolitik des Präsidenten nicht grundlegend geändert habe und die Handelsabkommen weiterhin Bestand hätten. "Die Politik des Präsidenten sollte fortgesetzt werden. Deshalb haben sie diese Abkommen unterzeichnet, auch während das Gerichtsverfahren lief", sagte Greer und fügte hinzu: "Ich habe noch niemanden gehört, der zu mir gekommen ist und gesagt hat: 'Der Deal ist geplatzt.' Sie wollen sehen, wie sich das entwickelt."
Das Turnberry-Abkommen und seine Implikationen
Das im Juli 2025 auf Trumps Golfplatz in Turnberry, Schottland, ausgehandelte Abkommen zwischen der damaligen Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, und Präsident Trump sah eine Obergrenze von 15% für US-Zölle auf die meisten EU-Waren vor – eine Reduzierung von zuvor angedrohten 30%. Im Gegenzug verpflichtete sich die EU zu Investitionen in den USA, dem Kauf von durchschnittlich etwa 250 Milliarden US-Dollar pro Jahr an US-Flüssigerdgas (LNG) und Nullzöllen auf bestimmte US-Importe nach Europa.
Ausgenommen waren Stahl und Aluminium, die mit höheren Zöllen von 50% belegt wurden, was bis Anfang 2026 zu einem Rückgang der EU-Stahlexporte in die USA um 30% führte. Das Turnberry-Abkommen, von Trump als "größter Deal aller Zeiten" und von von der Leyen als "entscheidende Stabilität" gefeiert, stieß jedoch auch auf Kritik, da es als zugunsten der USA verzerrt und informell ausgehandelt galt.
Wirtschaftliche Auswirkungen und Unsicherheit
Der Handel mit Waren und Dienstleistungen zwischen der EU und den USA belief sich im Jahr 2024 laut Eurostat auf 1,7 Billionen Euro (2 Billionen US-Dollar), was durchschnittlich 4,6 Milliarden Euro pro Tag entspricht. Zu den wichtigsten europäischen Exporten in die USA gehören Pharmazeutika, Autos, Flugzeuge, Chemikalien, medizinische Instrumente sowie Wein und Spirituosen. Wichtige amerikanische Exporte in die EU umfassen professionelle und wissenschaftliche Dienstleistungen, Öl und Gas, Pharmazeutika, Luft- und Raumfahrtprodukte sowie Fahrzeuge.
Die Europäische Zentralbank (EZB)-Präsidentin Christine Lagarde äußerte die Hoffnung, dass neue Zollmaßnahmen "ausreichend durchdacht" seien, damit Unternehmen wissen, was sie erwartet. Unvorhersehbare Zölle sind laut der Europäischen Kommission störend, untergraben das Vertrauen und die Stabilität auf den globalen Märkten und schaffen weitere Unsicherheit in internationalen Lieferketten. Die EU behält sich zudem die Option vor, ihr Anti-Zwangs-Instrument einzusetzen, das Vergeltungsmaßnahmen gegen Länder ermöglicht, die Druck ausüben.