
Europas digitale Abhängigkeit: Eine strategische Herausforderung
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Die digitale Infrastruktur Europas ist stark von US-amerikanischen Technologieunternehmen abhängig, was angesichts wachsender geopolitischer Spannungen zunehmend als strategische Schwachstelle betrachtet wird. Trotz politischer Bestrebungen zur digitalen Autonomie dominieren US-Anbieter weiterhin den europäischen Cloud- und Softwaremarkt, was Bedenken hinsichtlich Datensicherheit und technologischer Souveränität aufwirft.
Europas digitale Abhängigkeit: Eine strategische Herausforderung
Die Rückkehr von US-Präsident Donald Trump ins Weiße Haus im vergangenen Jahr hat die geopolitischen Spannungen zwischen der EU und den USA verschärft. Trumps Politik, darunter die Verhängung von Zöllen und seine anfängliche Weigerung, militärische Schritte zur Übernahme Grönlands auszuschließen, hat in Europa Besorgnis ausgelöst und die Unsicherheit der transatlantischen Allianz verdeutlicht. In diesem Kontext streben europäische Regierungen verstärkt nach digitaler Autonomie.
Kritiker der europäischen Abhängigkeit von US-Unternehmen für digitale Infrastruktur warnen vor dem US Cloud Act von 2018. Dieses Gesetz ermöglicht es US-Strafverfolgungsbehörden, Nutzerdaten von amerikanischen Unternehmen anzufordern, unabhängig davon, wo diese Daten gespeichert sind. Dies birgt Risiken für die Datensicherheit und die Souveränität Europas. Ein Beispiel für die potenziellen Auswirkungen war ein Ausfall von Amazon Web Services im Oktober, der Apps und digitale Dienste in ganz Europa, einschließlich Systemen der Europäischen Kommission, lahmlegte.
Die Dominanz der US-Cloud-Anbieter
Europäische Cloud-Anbieter haben in den letzten neun Jahren stetig Marktanteile an US-Rivalen verloren und hielten 2025 weniger als 15 % des Marktes, so Daten der Marktanalysefirma Synergy Research Group. US-Unternehmen kontrollieren demnach über 85 % des europäischen Cloud-Marktes. Amazon, Microsoft und Google beherrschen zusammen mehr als 70 % des europäischen Cloud-Marktes. Die größten europäischen Unternehmen in diesem Segment sind das deutsche Duo SAP und Deutsche Telekom mit jeweils 2 %.
John Dinsdale, Chefanalyst der Synergy Research Group, äußerte sich gegenüber CNBC skeptisch: "Es wird für europäische Cloud-Anbieter unglaublich schwierig sein, den Markttrend bedeutsam umzukehren." Er betonte, dass dies ein Spiel der Größe sei, das kontinuierliche hohe Investitionen in Forschung, Serviceentwicklung, technische Infrastruktur, Kundensupport und Partner erfordere. Amazon habe durch sein frühes Handeln einen enormen Startvorteil erzielt, gefolgt von Microsoft und Google.
Software-Markt und die Rufe nach Souveränität
Auch im Bereich der Unternehmenssoftware ist Europa stark von US-Anbietern abhängig. Laut einem Bericht des Europäischen Parlaments vom Dezember halten US-Unternehmen mindestens 59 % des europäischen Enterprise-Software-Marktes, wobei Oracle 18 % und Microsoft 10 % kontrollieren. SAP hält zwar den größten Anteil am europäischen Enterprise-Software-Markt, doch die Gesamtbilanz zeigt eine klare Dominanz der USA.
Christian Klein, CEO von SAP, erklärte gegenüber CNBC, dass viele politische Führer Technologie nun als Mittel zur Erlangung von Souveränität betrachten. Dies betreffe nicht nur die Speicherung und Verwaltung von Daten, sondern auch die Souveränität auf der Softwareseite. Die Stärkung der "monetären und digitalen Souveränität" ist Teil einer breiteren EU-Strategie, um die Abhängigkeit von den USA in Technologie, Finanzen, Handel und Verteidigung zu reduzieren.
Künstliche Intelligenz: Eine weitere Achillesferse
Europa hinkt im globalen KI-Wettlauf sowohl den USA als auch China deutlich hinterher, was nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern auch langfristige Sicherheitsvorteile gefährdet. Laut einem Bericht von Rand und dem Centre for Future Generations vom Dezember beherbergt die EU lediglich 5 % der globalen Computerinfrastruktur und erhält nur etwa 6 % der weltweiten Risikokapitalfinanzierung im Bereich Künstliche Intelligenz.
Daan Juijn, Senior Advanced AI Researcher am Centre for Future Generations, stellte fest, dass Europa bei der Entwicklung von Modellen, der Bereitstellung von Computerinfrastruktur und der Anziehung von Risikokapital und Talenten "erheblich zurückliegt". Ein Beispiel hierfür ist die Nutzung von KI-Chatbots: Im Januar 2026 nutzten über 80 % der europäischen KI-Chatbot-Nutzer OpenAI's ChatGPT. Giorgos Verdi vom European Council on Foreign Relations skizzierte ein hypothetisches Szenario, in dem Washington die Abhängigkeit Europas durch die Einschränkung von Chip-Exporten, den Zugang zu KI-Modellen oder die Kappung von Cloud-Kapazitäten als Waffe einsetzen könnte.
Europas Antwort: Investitionen in die digitale Souveränität
Angesichts dieser Bedenken wird erwartet, dass die europäischen Ausgaben für souveräne Cloud-Infrastrukturdienste von 2025 bis 2027 um mehr als das Dreifache steigen werden, so Gartner. Die weltweiten Ausgaben für souveräne Cloud-Dienste werden 2026 voraussichtlich 80 Milliarden US-Dollar erreichen, ein Anstieg von 35,6 % gegenüber 2025. Europa, definiert als Westeuropa einschließlich des Vereinigten Königreichs, wird dabei von einer bereits höheren Basis aus wachsen und 2025 voraussichtlich 6,9 Milliarden US-Dollar investieren.
Rene Buest, Senior Director Analyst bei Gartner, bestätigte, dass Geopolitik seit Januar letzten Jahres ein entscheidender Faktor für europäische Entscheidungen im Bereich souveräner Clouds ist. Die dadurch entstehende Unsicherheit zwingt Unternehmen, ihre digitalen Infrastrukturstrategien zu überdenken. Die Schwarz Gruppe, Eigentümerin des Supermarktriesen Lidl, hat bereits 11 Milliarden Euro in ihren regionalen Cloud-Anbieter STACKIT investiert, und der französische Anbieter OVHcloud hat ähnliche Investitionen getätigt.
Ein konkretes Beispiel für die Auswirkungen der Abhängigkeit ist der Fall des Chefanklägers des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC), Karim Khan, dem nach US-Sanktionen vorübergehend der Zugang zu Microsoft-Diensten verwehrt wurde. Obwohl Microsoft erklärte, die Dienste des ICC nicht als Ganzes eingestellt zu haben, führte der Vorfall dazu, dass der Gerichtshof OpenDesk, eine Open-Source-Office-Suite des Deutschen Zentrums für Digitale Souveränität (ZenDiS), einführte. Diese Entwicklungen unterstreichen die Notwendigkeit einer "EuroStack"-Vision, um Europas digitale Lieferkette neu aufzubauen und Kerntechnologien unabhängig von US-Firmen betreiben zu können. Auch die beschleunigte Einführung eines digitalen Euro wird als Teil dieser Strategie diskutiert.