
Europas kritische Woche: Zwischen Trumps Kritik, EZB-Stabilität und Wirtschaftsausblick 2025
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Europa steht vor einer kritischen Periode, die von externer Kritik und internen Herausforderungen geprägt ist. Ein bevorstehender Gipfel in Brüssel und die letzte EZB-Sitzung des Jahres stehen im Fokus, während die Region mit geopolitischen Spannungen, Handelskonflikten und einer verhaltenen Wirtschaftslage ringt.
Europa unter Druck: Geopolitische Herausforderungen und Trumps Kritik
Die Kritik von Präsident Donald Trump, der Europa in einem Politico-Interview als "verfallende" Gruppe von Nationen unter "schwacher" Führung bezeichnete, fällt in eine ohnehin schwierige Zeit für den Block. In den letzten Wochen des Jahres stehen europäische Führungskräfte vor vielschichtigen Herausforderungen. Die kommende Woche wird voraussichtlich entscheidend, mit einem hochrangigen Gipfel in Brüssel und der letzten geldpolitischen Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) in diesem Jahr.
Beim Gipfel in Brüssel, der am Donnerstag beginnt und sich möglicherweise bis Freitag erstreckt, werden die europäischen Staats- und Regierungschefs voraussichtlich die drängendste Herausforderung angehen: die Stärkung der militärischen Fähigkeiten und die Unterstützung der Kriegsfinanzierung in der Ukraine. Ein zentraler Punkt ist die Einigung über die Nutzung von Milliarden eingefrorener russischer Vermögenswerte, um ein Darlehen von 210 Milliarden Euro (246 Milliarden US-Dollar) an Kiew zu untermauern. Die Verteidigung der ukrainischen Grenzen als Teil eines möglichen Friedensabkommens bleibt ebenfalls entscheidend, wobei Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Abstimmung oder ein Referendum innerhalb der Ukraine vorschlägt, ob Teile der Donbas-Region im Rahmen des US-Friedensplans an Russland abgetreten werden sollen. Die Spannungen zwischen dem Weißen Haus und Europa nach Trumps Äußerungen werden diesen Prozess zusätzlich erschweren. NATO-Generalsekretär Mark Rutte warnte diese Woche eindringlich: "Wir [Europa] sind Russlands nächstes Ziel, und wir sind bereits in Gefahr."
Spannungen im Tech-Sektor und Handelsbeziehungen
Eine weitere Bruchlinie für Europa ist der Bereich der Big Tech-Unternehmen. Der Block wurde von der Trump-Administration scharf kritisiert, weil er amerikanische Tech-Giganten ins Visier nimmt. Der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer äußerte sich "enttäuscht" über die Anwendung des Digital Services Act (DSA) durch die EU, obwohl im Juli ein Handelsabkommen über die "faire Behandlung" von US-Digitalriesen vereinbart wurde.
Die EU hat bereits Maßnahmen ergriffen:
- X wurde wegen Verstößen gegen Content-Moderationsgesetze mit Geldstrafen belegt.
- Google wurde wegen der Nutzung von Inhalten zur Information seiner KI-Modelle einer kartellrechtlichen Untersuchung unterzogen.
- Meta hat angeboten, Änderungen an seinen Facebook- und Instagram-Diensten vorzunehmen, um weitere Untersuchungen und Geldstrafen der EU zu vermeiden.
EZB-Geldpolitik: Stabilität trotz Unsicherheiten
Es gibt jedoch auch einen Lichtblick für Europa in dieser Woche. Die Europäische Zentralbank (EZB) trifft sich am Donnerstag zu ihrer letzten geldpolitischen Sitzung des Jahres. EZB-Präsidentin Christine Lagarde erklärte gegenüber der Financial Times, dass die Zentralbank ihre Wachstumsprognosen im Dezember voraussichtlich erneut anheben werde, nachdem sie ihre Prognose für das jährliche BIP-Wachstum im September bereits auf 1,2 % erhöht hatte.
Ein breiter Konsens besteht darin, dass dieser verbesserte Ausblick auch die Entscheidung der Zentralbank stützen wird, die Zinsen für einen weiteren Monat bei 2 % zu belassen. Im Dezember haben die EZB-Ratsmitglieder diese Botschaft selbst verstärkt:
- Isabel Schnabel: Zinssätze werden sich wahrscheinlich nicht so schnell ändern.
- Francois Villeroy de Galhau: Kein Grund, die Zinssätze bald anzuheben.
- Gediminas Simkus: Keine Notwendigkeit für eine Änderung der Zinssätze.
- Joachim Nagel: Die Zinssätze sind derzeit an einem guten Punkt.
Europas Wirtschaftsausblick 2025: Moderate Erholung mit Risiken
Während Europa in das Jahr 2025 eintritt, steht die Region vor einer gemischten Wirtschaftslage. Es wird eine moderate Erholung prognostiziert, aber auch erhebliche Risiken. Der jüngste EY "European Economic Outlook" zeigt eine umfassende Analyse der Wirtschaftsleistung Europas in der zweiten Hälfte des Jahres 2024 und einen Ausblick für 2025-2026.
Die zweite Hälfte des Jahres 2024 war von einem langsamen Wirtschaftswachstum in ganz Europa geprägt. Der Konsum zeigte einen leichten Anstieg, da die Realeinkommen stiegen, aber die Exporte litten unter einer schwachen Industrieproduktion. Gleichzeitig blieben die Investitionen gedämpft, behindert durch eine straffe Geldpolitik, geringe externe Nachfrage und Pessimismus im Unternehmenssektor. Staatsausgaben milderten einige dieser Herausforderungen, aber die gesamte Fiskalpolitik belastete das Wachstum.
Unter den europäischen Volkswirtschaften stach Malta als starker Performer hervor und meldete im dritten Quartal 2024 ein reales BIP-Wachstum von 5,4 % im Jahresvergleich. Malta ist auch eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften seit 2019. Insgesamt liegt die Wirtschaft des Euroraums 4,6 % über dem Niveau vor der Pandemie, mit bemerkenswerten Unterschieden zwischen den Mitgliedstaaten.
Laut dem World Economic Forum erwarten 56 % der führenden Chefökonomen weltweit schwächere globale Wirtschaftsbedingungen im Jahr 2025, während nur 17 % eine Verbesserung erwarten. Europa verzeichnete das dritte Jahr in Folge den schwächsten regionalen Wachstumsausblick, wobei fast drei Viertel (74 %) ein schwaches oder sehr schwaches Wachstum erwarten.
Das Jahr 2024 war für den Euroraum ein weiteres Jahr mit schleppendem Wachstum (rund 0,8 % nach 0,4 % im Jahr 2023). Angesichts der geldpolitischen Straffung und geopolitischer Unsicherheiten kann eine Expansion jedoch als Zeichen wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit gewertet werden. Sektorale Divergenzen wurden deutlich: Höhere Zinsen und erhöhte wirtschaftliche Unsicherheit betrafen kapitalintensive Industrien stark, insbesondere Investitionen in Maschinen, Ausrüstung und Bauwesen fielen. Der Dienstleistungssektor hingegen, der stärker arbeits- als kapitalabhängig ist, expandierte moderat. Länder mit höheren Fertigungsanteilen wie Deutschland, Österreich und Finnland hatten tendenziell mehr zu kämpfen, während stärker dienstleistungsorientierte Volkswirtschaften wie Spanien ein höheres Wachstum verzeichneten.
Die Erholung des privaten Konsums im Jahr 2024 war weniger dynamisch und setzte später ein als erwartet. Dies liegt an erhöhten Sparabsichten und einer kontinuierlich gestiegenen Sparquote – das Konsumwachstum war also geringer als das Einkommenswachstum. Im zweiten Quartal 2024 lag die Sparquote des Euroraums bei 15,7 %, deutlich höher als das Vor-Pandemie-Niveau von etwa 12,5 %. Obwohl das Verbrauchervertrauen sich erholte, führten erhöhte Unsicherheit und höhere Zinsen zu erhöhten Sparabsichten. Die Investitionen gingen 2024 zurück, während die Staatsausgaben – etwa für inflationsmindernde Maßnahmen und höhere Verteidigungsausgaben – die Wirtschaftstätigkeit unterstützten. Auch die Nettoexporte trugen positiv zum BIP-Wachstum bei.
Geopolitische Unsicherheiten und ihre wirtschaftlichen Folgen
Geopolitische Konflikte wurden bereits im Dezember 2023 im Artikel "European Economic Outlook 2024" als größtes wirtschaftliches Risiko für 2024 identifiziert. Diese Risikofaktoren haben leider nicht abgenommen. Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und seine politischen Pläne bringen zusätzliche Unsicherheit mit sich.
Das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) der EU-27 zeigte zwischen 2019 und 2024 (Schätzwert) ein schwächeres Wachstum als beispielsweise die Gesamtheit der großen Industrienationen, einschließlich der G7-Länder und der USA. Das schleppende EU-Wachstum lässt sich teilweise durch die geringe Wirtschaftsdynamik Deutschlands, der größten Volkswirtschaft Europas, erklären.
Geopolitische Spannungen haben negative Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum und Beschäftigung. Zu den wichtigsten Effekten gehören:
- Der Verlust einzelner Länder als Lieferanten von Rohstoffen, Komponenten und Endprodukten kann zu Lieferengpässen in den Importländern führen, was Produktionsausfälle und im schlimmsten Fall ein Schrumpfen des BIP verursachen kann.
- Die Störung von Transportwegen, etwa durch militärische Konflikte, kann zu einem Ausfall wesentlicher Importe führen.
- Wenn ein Importland seine eigenen wesentlichen Güter selbst produziert, um kritische Importabhängigkeiten zu vermeiden, hat diese Sicherheit ihren Preis. Das Land muss knappe Produktionsressourcen für neue Produktionskapazitäten einsetzen, die dann für die Herstellung anderer Produkte fehlen. Aus Effizienzperspektive ist der Aufbau dieser Kapazitäten nicht sinnvoll, wenn im Ausland bereits ausreichende Kapazitäten vorhanden sind.
- Geopolitische Spannungen erhöhen die Unsicherheit – und Unsicherheit ist Gift für Investitionen. Es ist ein allgemeiner Rückgang der Investitionen zu erwarten, der das langfristige Produktionspotenzial schwächt.
Klimawandel als zusätzliches Risiko
Die globale Erwärmung und der menschengemachte Klimawandel werden zunehmend zu einem wirtschaftlichen Risiko. Extreme Wetterereignisse wie Überschwemmungen und Waldbrände können Produktionsanlagen zerstören. Infolgedessen werden globale Lieferketten weiter gestört, mit den bereits genannten negativen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Darüber hinaus können niedrige Wasserstände in Flüssen, beispielsweise während Hitzewellen, zu Engpässen bei Kühlwasser führen und Produktionskürzungen verursachen. Selbst wenn Produktionsanlagen unversehrt bleiben, können Wetterextreme die effiziente Lieferung von Importen beeinträchtigen.
Ausblick 2025: Konsumgetriebene Erholung und politische Weichenstellungen
Was kann der Euroraum für das Jahr 2025 erwarten, angesichts anhaltender Zinssenkungen inmitten erhöhter wirtschaftlicher Unsicherheiten? Die Antwort ist eine fortgesetzte Erholung, angetrieben durch private Ausgaben. Eine sich erholende Kaufkraft, hohe Ersparnisse, niedrigere Inflation und robuste Arbeitsmärkte werden die Konsumausgaben ankurbeln. Dies erfordert jedoch auch eine Verschiebung der Konsumabsichten vom Sparen hin zum Ausgeben.
Insgesamt wird das Zusammenspiel von Geld- und Fiskalpolitik im Jahr 2025 relevant sein. Einerseits dürfte eine weniger restriktive Geldpolitik die Wirtschaftstätigkeit durch geringere Sparanreize und erleichterte Finanzierungsbedingungen für Investitionen stärken. Andererseits wird der fiskalische Impuls voraussichtlich geringer ausfallen, da die meisten Volkswirtschaften des Euroraums ihre öffentlichen Finanzen konsolidieren und unterstützende Maßnahmen zur Minderung der Auswirkungen hoher Inflation zurückziehen. Daher wird erwartet, dass die Staatsausgaben weniger zum BIP-Wachstum beitragen.
Dennoch sollen Mittel aus dem Next Generation EU-Programm die Investitionstätigkeit zusätzlich zu niedrigeren Zinsen unterstützen. Die erwarteten Effekte werden jedoch voraussichtlich je nach Land erheblich variieren. Trotz zunehmender Bedenken hinsichtlich protektionistischer Maßnahmen erwarten 48 % der Chefökonomen weiterhin einen Anstieg des globalen Handelsvolumens. Die globale Integration steht jedoch unter wachsendem Druck, wobei 94 % der Befragten eine weitere Fragmentierung prognostizieren.