
EV-Interieurs im Wandel: Der Comeback der physischen Bedienelemente
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Die Automobilindustrie, insbesondere im Bereich der Elektrofahrzeuge (EVs), erlebt derzeit eine bemerkenswerte Design-Kehrtwende. Nachdem digitale Schnittstellen und große Touchscreens jahrelang das Interieur dominierten, kehren physische Knöpfe und taktile Bedienelemente in die Fahrerkabinen zurück. Dieser Trend ist eine direkte Reaktion auf Kundenfeedback, Sicherheitsbedenken und regulatorischen Druck.
Der digitale Wandel und seine Folgen
Mit dem Aufkommen der Elektroautos gingen viele Hersteller einen Schritt in Richtung eines schlankeren, digitaleren Designs. Klimaanlagenregler verschwanden, Türgriffe wurden bündig in die Karosserie integriert und Lautstärkeregler wichen haptischen Schiebereglern. Tesla war hierbei ein Vorreiter: Das Model S, Teslas erstes eigenständiges Design, integrierte einen Großteil seiner Funktionen in einen 17-Zoll-Touchscreen.
Sam Abuelsamid, Co-Moderator des Wheel Bearings Podcasts, erklärte, dass dies den Fahrzeugen ein "High-Tech-Aussehen und -Gefühl" verlieh und zudem Kosten senkte, da die Entwicklung und Validierung physischer Bedienelemente teuer ist. Als Teslas Verkaufszahlen stiegen, versuchte die gesamte Branche, diesen schlanken Stil zu imitieren. Beispiele hierfür sind der Volkswagen ID.4 ohne Klimaregler, Rivians elektronisch versenkbare Türgriffe und Fords große Tablets im Mustang Mach-E und F-150 Lightning. Selbst Tesla ging noch einen Schritt weiter und entfernte die physischen Blinkerhebel aus dem Model 3, bevor sie später wieder eingeführt wurden.
Anfangs fand dieser technikorientierte Ansatz bei der Zielgruppe Anklang. Eleftheria Kontou, Assistenzprofessorin an der University of Illinois, bemerkte, dass Umweltaktivisten und technikaffine Käufer die häufigsten EV-Käufer waren, die ein neues Tech-Gadget suchten.
Kritik und Sicherheitsbedenken
Mit der Verbreitung von Elektroautos über die frühen Tech-Enthusiasten hinaus wurden die Nachteile der bildschirmlastigen Innenräume jedoch immer offensichtlicher. Spencer Penn, ehemaliger Tesla Model 3 Ingenieur, betonte, dass das zentrale Sicherheitsrisiko nicht die mechanische Zuverlässigkeit, sondern die Ablenkung sei. Touchscreens erfordern visuelle Aufmerksamkeit und bieten kein haptisches Feedback, was die ergonomische und psychologische Unmittelbarkeit physischer Bedienelemente vermissen lässt.
Jony Ive, der Schöpfer des iPhones, kritisierte Automobil-Touchscreens scharf als "Technologie, die für Fahrschnittstellen ungeeignet ist". Er argumentiert, dass Touchpanels als universelles Werkzeug für viele Aufgaben entwickelt wurden, diese Logik aber im Auto versagt. Um mit einem Bildschirm zu interagieren, muss ein Fahrer von der Straße wegschauen, was die Sicherheit direkt beeinträchtigt. Bei einer Geschwindigkeit von 120 km/h bedeutet selbst ein kurzer Blick auf einen Bildschirm Dutzende Meter "Blindfahrt".
Diese Usability-Probleme haben auch regulatorische Aufmerksamkeit erregt. China hat kürzlich bestimmte bündige und versteckte Türgriffdesigns aus Sicherheitsgründen verboten. In den USA hat die National Highway Traffic Safety Administration Beschwerden über elektronische Türmechanismen untersucht. Und 2024 erklärte der Europäische Verkehrssicherheitsrat, dass er Fahrzeugen mit zu vielen Bildschirmen keine Fünf-Sterne-Sicherheitsbewertung mehr erteilen werde.
Die Kehrtwende: Taktile Bedienelemente kehren zurück
Angesichts dieser Kritik und des Kundenfeedbacks vollziehen einige der größten Namen der Branche eine Kehrtwende und führen physische Knöpfe wieder ein. Andreas Mindt, Designchef von Volkswagen, erklärte gegenüber AutoCar: "Wir werden diesen Fehler nie, nie wieder machen. Ehrlich gesagt, es ist ein Auto. Es ist kein Telefon: Es ist ein Auto."
Audi verspricht für seine kommenden 2027er e-tron Updates ein "taktileres" Interieur-Erlebnis. Das vertraute Scrollrad kehrt zurück und ersetzt die bisherige berührungsempfindliche Schnittstelle zur Lautstärkeregelung und MMI-Menüauswahl. Auch Ferraris erstes Elektroauto, das in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Apple-Designchef Jony Ive entworfen wurde, ist mit physischen Bedienelementen ausgestattet. Selbst Tesla überarbeitet seine bündigen Türgriffe.
Ferrari Luce: Ein Beispiel für den neuen Ansatz
Ferrari hat das Interieur und die Schnittstelle seines ersten vollelektrischen Sportwagens, des Ferrari Luce, enthüllt. Der Name "Luce" bedeutet im Italienischen "Licht" und soll "Elektrifizierung als Mittel, nicht als Zweck" repräsentieren. Das Design des Luce-Interieurs, das in Zusammenarbeit mit Jony Ives Designkollektiv LoveFrom entstand, konzentriert sich auf Klarheit, Benutzerfreundlichkeit und Fahrerfokus.
Anstatt traditionelle Bedienelemente durch Touchscreens zu ersetzen, betont Ferrari die taktile Interaktion. Physische Knöpfe, Drehregler und Metallschalter bleiben zentral im Kabinenlayout, ergänzt durch digitale Displays, die wesentliche Informationen liefern, ohne den Fahrer zu überfordern. Die Bedienelemente sind so positioniert, dass Ablenkungen minimiert und visuelle Unordnung reduziert werden.
Zu den Highlights des Luce-Interieurs gehören:
- Lenkrad: Ein vereinfachtes Dreispeichen-Design, inspiriert von ikonischen Nardi-Holzlenkrädern der 1950er/60er Jahre. Es besteht aus 19 CNC-gefrästen Teilen aus 100 % recyceltem Aluminium und wiegt 400 Gramm weniger als ein Standard-Ferrari-Lenkrad.
- Schlüssel und Startritual: Der Schlüssel besteht aus Corning Fusion5 Glas mit einem E Ink Display – eine Premiere im Automobilbereich. Beim Einstecken wechselt das Display von Gelb zu Schwarz, während die Kabinenbeleuchtung in einer "sorgfältig choreografierten Sequenz" aufleuchtet.
- Instrumententafel: Bewegt sich mit dem Lenkrad für optimale Sicht. Verfügt über zwei überlappende Samsung OLED-Displays mit drei Aussparungen, die ein zweites Display dahinter enthüllen – eine weitere Weltneuheit.
- Bedienfeld: Auf einem Kugelgelenk montiert, sodass es zum Fahrer oder Beifahrer ausgerichtet werden kann. Es enthält einen "Multigraphen" mit drei unabhängigen Motoren, der Uhr-, Chronographen-, Kompass- und Launch-Control-Modi bietet.
- Materialien: Umfassende Verwendung von präzisionsgefrästem Aluminium aus vollständig recycelter Legierung und gehärtetem Glas für Displays.
Der Ferrari Luce wird voraussichtlich über 500.000 Euro kosten.
Die Zukunft der Fahrzeugbedienung
Die Vision, dass Autos wie Smartphones funktionieren – ständig aktualisiert, endlos konfigurierbar und zunehmend softwaregesteuert – verschwindet nicht vollständig. Touchscreens werden weiterhin eine Rolle spielen, beispielsweise für Navigation, Medien und Ambientebeleuchtung. General Motors baut Abonnement-Einnahmen um digitale Funktionen auf, Tesla treibt weiterhin neue Full Self-Driving Updates voran, und Fords nächste Generation von EVs wird stark auf cloud-verbundene Systeme setzen.
Doch die Hersteller stellen fest, dass Fahrer etwas erwarten, was Smartphones nicht erfordern: die Fähigkeit, die Straße entlangzufahren, ohne auf einen Bildschirm schauen zu müssen. Daher werden physische Bedienelemente für häufig genutzte oder sicherheitskritische Funktionen wie Lautstärke, Klimaanlage, Warnblinkanlage und Scheibenwischer wiederhergestellt. Spencer Penn fasst es zusammen: "Es ist weniger teuer, wenn man Dutzende von Schaltern durch ein einziges Bildschirmfeld ersetzt. Es ist jedoch teurer, wenn man sich nicht an die Stimme des Kunden anpasst."