
Genetische Optimierung: Das Versprechen von "Designer-Babys" und die Kontroverse
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Wissenschaftliche Fortschritte haben eine einst undenkbare Frage in den Bereich des Möglichen gerückt: Würden Sie Ihr ungeborenes Kind "designen"? Das Start-up Nucleus Genomics aus dem Silicon Valley, gegründet vom 25-jährigen Kian Sadeghi, bietet genau das an – die "genetische Optimierung" von Embryonen, um gewünschte Merkmale auszuwählen und Krankheitsrisiken zu minimieren. Diese Entwicklung wirft jedoch weitreichende ethische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Fragen auf.
Die Vision von Nucleus Genomics: "Genetische Optimierung"
Kian Sadeghi, Gründer und CEO von Nucleus Genomics, startete sein Unternehmen 2021, inspiriert durch den Tod eines Cousins an einer seltenen genetischen Krankheit. Er ist überzeugt, dass Eltern das Recht haben, Eigenschaften ihrer zukünftigen Kinder – von Größe über Gewicht bis hin zu Intelligenz – auszuwählen. Sadeghi bezeichnet dies als "genetische Optimierung" und sieht es als Teil eines Silicon Valley-Trends zur Züchtung von "Super-Babys".
Das Unternehmen, das von Investoren und prominenten Tech-Unternehmern wie Peter Thiel und Alexis Ohanian unterstützt wird, behauptet, bereits Tausenden von Familien geholfen zu haben. Sadeghi betont: "Es ist das Recht der Eltern, Bescheid zu wissen." Er argumentiert, dass Eltern nicht nur ein gesundes Kind wünschen, sondern auch eines, das im Leben erfolgreich ist, gute Schulen besucht und sportlich aktiv ist.
Das Angebot: IVF+ und Nucleus Embryo
Nucleus Genomics bietet ein Programm namens IVF+ an, das für 30.000 US-Dollar erhältlich ist. Dieses Programm umfasst vollständige DNA-Scans beider Elternteile und von bis zu 20 durch In-vitro-Fertilisation (IVF) gezeugten Embryonen. Die Ergebnisse werden in einem benutzerfreundlichen Menü präsentiert.
Das Unternehmen screen Embryonenproben auf über 2.000 Merkmale und Bedingungen. Dazu gehören Augen- und Haarfarbe, Intelligenz und sogar Akne. Es kann auch die genetische Prädisposition für medizinische Zustände wie Depressionen, Autismus und bipolare Störungen abschätzen. Mit der "Nucleus Embryo"-Plattform bietet das Unternehmen zudem einen Service für 5.999 US-Dollar an, der die Optimierung von Merkmalen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebsresistenz, Intelligenz, Langlebigkeit, Body-Mass-Index, Glatze und Linkshändigkeit verspricht.
Die Technologie hinter der Auswahl
Die "genetische Optimierung" von Nucleus Genomics basiert auf sogenannten polygenen Scoring-Methoden. Diese Scores versuchen, komplexe Merkmale wie Intelligenz oder Angstresistenz vorherzusagen, indem sie Hunderte oder Tausende von genetischen Varianten analysieren.
Eltern können genetische Daten von bis zu 20 Embryonen hochladen. Diese werden dann basierend auf den prognostizierten Merkmalen eingestuft. Die polygenen Risikoscores sollen die Wahrscheinlichkeit abschätzen, dass zukünftige Kinder Krankheiten wie Alzheimer oder Diabetes entwickeln oder Merkmale wie einen hohen IQ, einen niedrigen BMI oder eine bestimmte Augenfarbe besitzen.
Die Kontroverse: Eugenik-Vergleiche und ethische Bedenken
Die Praktiken von Nucleus Genomics haben eine heftige Debatte ausgelöst und Vergleiche mit dem Begriff "Eugenik" hervorgerufen. Sadeghi weist diese Kritik entschieden zurück: "Es ist in keiner Weise Eugenik, denn es geht im Grunde darum, Menschen mit Informationen zu versorgen, die sie nutzen können, um ihrem Kind den bestmöglichen Start ins Leben zu ermöglichen." Er fügt hinzu, dass es absolut in Ordnung sei, wenn Eltern ein paar Zentimeter mehr Größe oder ein paar IQ-Punkte Unterschied für ihr Kind wünschen.
Medizinische Experten äußern jedoch erhebliche ethische Bedenken. Ein im Oktober in der "MIT Technology Review" veröffentlichter Artikel argumentierte, dass der Wettlauf um das "perfekte Baby" ein "ethisches Chaos" verursache. Das American College of Medical Genetics and Genomics erklärte letztes Jahr, dass die Praxis der genetischen Screenings und die Verwendung polygener Risikoscores für die Embryonenselektion "zu schnell und mit zu wenig Beweisen" vorangetrieben wurde.
Wissenschaftliche Skepsis und Kritik
Neben den ethischen Fragen gibt es auch erhebliche wissenschaftliche Zweifel an der Validität und Aussagekraft der polygenen Scoring-Methoden. Die wissenschaftliche Gemeinschaft stellt die Genauigkeit dieser Tests infrage. Laut dem National Human Genome Research Institute berechnen polygene Scores lediglich Wahrscheinlichkeiten für bestimmte komplexe Merkmale oder Krankheiten.
Kritiker argumentieren, dass die Vorhersagekraft dieser Modelle für menschliche Merkmale in den meisten Fällen gering und fehleranfällig ist. Es sei unklar, was tatsächlich erreicht werden kann, und die beworbene "genetische Optimierung" könnte die tatsächlichen Möglichkeiten überschätzen. Zudem besteht die Gefahr, dass die Selektion für ein gewünschtes Merkmal unbeabsichtigt das Risiko für andere, möglicherweise problematische psychiatrische oder Verhaltensmerkmale erhöht, da die Genetik des Gehirns hoch polygen und pleiotrop ist.
Weitere Vorwürfe gegen Nucleus Genomics
Nucleus Genomics sieht sich nicht nur mit wissenschaftlicher und ethischer Kritik konfrontiert, sondern auch mit weiteren schwerwiegenden Vorwürfen. Dazu gehören:
- **Gefälschte/KI-generierte Bewertungen:** Es gibt Behauptungen über die Verwendung von künstlicher Intelligenz zur Erstellung von Kundenrezensionen und unrealistischen Zeitplänen für die Geburt von Embryo-selektierten Babys.
- Vorwürfe des Diebstahls geistigen Eigentums: Das Unternehmen wurde mit Anschuldigungen konfrontiert, geistiges Eigentum gestohlen zu haben.
- Fälschung von Leistungsmetriken: Es gibt dokumentierte Fälle, in denen Nucleus Genomics angeblich Leistungsmetriken gefälscht hat.
- Regulatorische Bedenken: Das Unternehmen schaltet Anzeigen in New York City, obwohl seine Nutzungsbedingungen New Yorkern die Nutzung des Produkts wahrscheinlich aus regulatorischen Gründen ausdrücklich verbieten.
Obwohl Nucleus Genomics versucht hat, auf einige dieser Kritikpunkte zu reagieren, sehen Kritiker viele der schwerwiegenderen Vorwürfe als unbeantwortet an. Kian Sadeghi bleibt jedoch zuversichtlich in seine Daten und betont, dass "DNA nicht das Schicksal ist", da Faktoren wie Erziehung, Bildung und Zufall immer eine Rolle spielen werden.