Globale Medikamentenversorgung: Hormusstraße-Konflikt bedroht Generika-Lieferketten

Globale Medikamentenversorgung: Hormusstraße-Konflikt bedroht Generika-Lieferketten

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Der anhaltende Konflikt im Nahen Osten und die damit verbundenen Störungen der Schifffahrtsrouten, insbesondere der Hormusstraße, bedrohen die globalen Lieferketten für Medikamente. Experten warnen, dass dies zu Engpässen und Preissteigerungen bei Generika in den USA führen könnte, da diese stark von Importen aus Indien und China abhängen und enge Gewinnmargen aufweisen.

Die Hormusstraße: Ein kritischer Engpass für globale Lieferketten

Die Hormusstraße, eine der weltweit wichtigsten Wasserstraßen, ist durch den aktuellen Konflikt zwischen den USA, Israel und Iran massiv gestört. Diese militärische Strategie Irans hat weitreichende Folgen für die Weltwirtschaft, die über steigende Ölpreise hinausgehen und auch Metalle, Fertigung, Landwirtschaft und Lebensmittelpreise betreffen. Die Wasserstraße ist nicht nur ein Korridor für einen erheblichen Teil der globalen Öllieferungen, sondern auch für Fracht, die pharmazeutische Inhaltsstoffe und chemische Vorprodukte für die Medikamentenproduktion transportiert.

Die anhaltenden Spannungen haben dazu geführt, dass Schiffsversicherungen storniert und Schiffe das Gebiet aufgrund von Raketen- und Drohnenbedrohungen meiden. Dies treibt Logistikkosten und Lieferzeiten bereits in die Höhe. Laut Clarksons Research sind etwa 3.200 Schiffe, was rund 4 Prozent der globalen Schiffstonnage entspricht, im Persischen Golf untätig, während weitere 500 Schiffe außerhalb des Golfs warten. Patrick Penfield, Professor für Supply Chain Practice an der Syracuse University, warnt: "Dies verursacht wirklich erhebliche Auswirkungen innerhalb der globalen Lieferkette. Wenn dieser Konflikt weiter fortschreitet, werden Sie Engpässe und erhebliche Preissteigerungen sehen."

Generika: Hohe Abhängigkeit, dünne Margen

Besonders anfällig für diese Störungen sind Generika, die in den USA 90 Prozent der ausgefüllten Rezepte ausmachen, aber nur geringe Gewinnmargen für die Hersteller abwerfen. Dr. William Feldman von der David Geffen School of Medicine an der UCLA äußert sich besorgt: "Ich mache mir Sorgen um Generika im Besonderen, die 90% der in den USA ausgefüllten Rezepte ausmachen und den Herstellern dünne Gewinnmargen liefern." Indien und China sind die größten Lieferanten von Generika für die USA. Ein langanhaltender oder sich ausweitender Konflikt könnte die Kosten für Generika-Firmen erhöhen, was zu höheren Preisen und/oder Engpässen für Patienten führen könnte.

Die USA beziehen fast die Hälfte ihrer Generika-Rezepte – etwa 47 Prozent nach Volumen – aus Indien, wie Rohit Tripathi von RELEX Solutions berichtet. Indien wiederum ist für rund 40 Prozent seiner Rohölimporte auf die Hormusstraße angewiesen. Dieses Öl fließt letztendlich in petrochemische Inputs, die in der gesamten pharmazeutischen Fertigung verwendet werden. Mark Hahn, ehemaliger Dekan der medizinischen Fakultät der University of Las Vegas, weist darauf hin, dass Inhaltsstoffe wie Glycerin und Phenol, die für Medikamente wie Paracetamol verwendet werden, petroleumbasiert sind und somit direkt betroffen sein könnten.

Komplexe Lieferketten und steigende Frachtkosten

Die Lieferketten für pharmazeutische Produkte sind komplex und stark miteinander verknüpft. Viele zur Herstellung von Medikamenten in Indien benötigte Inhaltsstoffe durchlaufen oft zuerst Logistikzentren am Golf. Chemische Inputs aus China werden häufig von Distributoren in Dubai und den VAE konsolidiert, bevor sie an indische Arzneimittelhersteller versandt werden. Steve Blough, Chief Supply Chain Strategist bei Infios, erklärt: "Selbst wenn Inhaltsstoffe direkt von China nach Indien gelangen, ist die Produktion immer noch stark von petrochemischen Lieferungen aus dem Golf abhängig." Er warnt, dass Störungen um die Hormusstraße schnell globale pharmazeutische Lieferketten beeinflussen und sich als Engpässe für kritische Medikamente in den USA und höhere Kosten manifestieren könnten.

Frühe Anzeichen dieser Störungen zeigen sich bereits auf den Frachtmärkten. Rohit Tripathi berichtet von steigenden Luftfrachtraten aus Indien. Steve Blough ergänzt, dass die Luftfrachtraten aus Indien für einige Routen um 200 bis 350 Prozent gestiegen sind. Vikas Nim, ein Spezialist der Pharmaindustrie, informiert, dass Reedereien Zuschläge von 3.500 bis 8.000 USD pro Container verhängt haben und die Gesamtfrachtraten sich verdoppelt haben, was die Logistikkosten um 30% bis 50% erhöhen könnte. Dies führt zu höheren Produktionskosten, Lagerengpässen und potenziellen Preiserhöhungen für essentielle Medikamente.

Herausforderungen bei Kühlketten und Lagerbeständen

Die meisten Apotheken und Großhändler arbeiten mit einem Just-in-Time-Inventarmodell für Generika. Steve Blough warnt, dass anhaltende Störungen sich innerhalb von vier bis sechs Wochen bei den Verbrauchern bemerkbar machen könnten – zunächst als Engpässe oder Verzögerungen bei hochvolumigen Medikamenten wie Diabetesmedikamenten, Bluthochdruckbehandlungen, Statinen und Antibiotika. Auch temperaturempfindliche Therapien, einschließlich bestimmter Krebsbehandlungen, könnten betroffen sein.

Die Seefracht birgt eigene Komplikationen. Gekühlte "Reefer"-Container, die für temperaturempfindliche Medikamente unerlässlich sind, operieren mit strengen Transitzeiten. Annullierte Fahrten und umgeleitete Routen führen dazu, dass Container in Ursprungshäfen oder Umleitungshubs festsitzen, die möglicherweise nicht die nötige Stromkapazität haben, um große Mengen gekühlter Fracht am Laufen zu halten. Leere Container bleiben im Nahen Osten stecken und können nicht nach Asien zurückkehren, was zu Containerknappheit führt. Steve Blough beschreibt dies als ein "Kaskadenproblem: volle Container können sich nicht bewegen, Transitware muss kalt bleiben, und Hersteller könnten Schwierigkeiten haben, die spezialisierte Ausrüstung für den Versand der nächsten Medikamentencharge zu sichern."

Aktuelle Lage und Expertenprognosen

Die zentrale Frage für die Gesundheitsversorgung ist das Timing. Die meisten Hersteller und Distributoren halten derzeit 30 bis 60 Tage Pufferbestand, so Rohit Tripathi, sodass die ersten zwei bis vier Wochen möglicherweise noch beherrschbar erscheinen. Die Produkte, die am anfälligsten sind, sobald dieser Puffer schwindet, wären alltägliche Generika mit bereits engen Lieferketten und dünnen Margen, wie gängige Antibiotika (z.B. Amoxicillin), Blutdruckmedikamente (z.B. Metoprolol), Diabetesmedikamente (z.B. Metformin), Statine und gängige Schmerzmittel.

Trotz der globalen Spannungen bleibt die Stimmung in lokalen Apotheken wie der Germantown Pharmacy in Ohio ruhig. Apothekerin Katie Perry berichtet von "Business as usual" und verweist auf die strategische nationale Reserve als Rückhalt. Sie merkt an, dass die COVID-19-Pandemie vielen Apothekern geholfen hat, Resilienz in ihre Lieferketten aufzubauen. Kathleen Jaeger, US-Sprecherin der Indian Pharmaceutical Alliance, versichert, dass Patienten kurzfristig keine leeren Medizinschränke erwarten sollten: "Es gibt heute kein Risiko." Sie betont, dass die meisten Unternehmen Medikamente für drei bis sechs Monate auf Lager haben und umfassend für Störungen planen.

Langfristige Auswirkungen und Anpassungsstrategien

Sollte der Konflikt länger andauern, besteht eine reale Wahrscheinlichkeit, dass Verbraucher und Gesundheitssystem Preiserhöhungen und weitere Störungen der Lieferkette erleben werden, so Amanda Chawla von Stanford Health Care. Sie äußert sich besorgt über eine Reihe von Produkten, die Erdöl oder Erdölnebenprodukte in der Herstellung benötigen, darunter Insulinspritzen, Handdesinfektionsmittel, Nitril-Untersuchungshandschuhe und Salben. Steigende Ölpreise werden sich direkt in den Produktionskosten dieser Güter niederschlagen.

Indien, das Rohstoffe und Zwischenprodukte für die Pharmaproduktion importiert und einen Großteil seines Öls aus der Region bezieht, könnte ebenfalls unter Druck geraten. Pharmaexporte in die GCC-Länder und die WANA-Region, die 5% bis 6% der indischen Gesamtexporte ausmachen, sind bereits stark betroffen. Vikas Nim schätzt, dass ein vollständiger Lieferstopp im März 2026 allein zu Verlusten von 300 bis 500 Millionen USD führen könnte.

Die Pharmaindustrie sucht bereits nach Anpassungsstrategien. Westliche Arzneimittelhersteller suchen alternative Routen in den Golf und transportieren einige Medikamente auf dem Landweg von Flughäfen wie Jeddah und Riad in Saudi-Arabien oder über Istanbul und Oman. Einige indische Unternehmen investieren zudem in Reshoring-Initiativen, wie Lupins Plan, 250 Millionen USD in eine neue Produktionsstätte in Florida für Atemwegsmedikamente zu investieren. Experten beobachten genau, wie lange die Medikamente in den Regalen bleiben werden, da die Region ein kritischer Transitpunkt für pharmazeutische Fracht ist.

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