Großbritannien strebt nukleare Renaissance an: Chancen und Hürden

Großbritannien strebt nukleare Renaissance an: Chancen und Hürden

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Großbritannien, die Wiege der kommerziellen Kernenergie, strebt eine Wiederbelebung seines Atomprogramms an. Nach Jahrzehnten ohne neue Reaktorprojekte und einem aktuellen Anteil von nur 14 % an der Stromversorgung im Jahr 2023, sollen bis 2050 ein Viertel des britischen Strombedarfs durch Kernkraft gedeckt werden. Dieses ambitionierte Ziel wird durch geopolitische Spannungen und den Wunsch nach Energiesicherheit befeuert.

Historische Führung und aktueller Rückstand

Großbritannien war einst weltweit führend in der Kernenergie und verfügte bis 1970 über mehr Kernkraftwerke als die USA, die UdSSR und Frankreich zusammen. Seit der Fertigstellung von Sizewell B im Jahr 1995 wurde jedoch kein neuer Reaktor mehr in Betrieb genommen. Heute gilt das Vereinigte Königreich als der teuerste Ort weltweit für den Bau von Nuklearprojekten. Im Vergleich zu europäischen Nachbarn wie Frankreich, das 65 % seines Stroms aus Kernkraft bezieht, hinkt das Land deutlich hinterher.

Ambitionierte Ziele und geopolitische Treiber

Die Kernenergie wird als attraktive Option betrachtet, da sie eine kohlenstoffarme, konstante Energiequelle darstellt, die als Grundlast intermittierende erneuerbare Energien ergänzen kann. Doreen Abeysundra, Gründerin der Beratungsfirma Fresco Cleantech, beobachtet eine "sehr klare Dynamik", die teilweise auf geopolitische Spannungen zurückzuführen ist, welche Energiesicherheit und Unabhängigkeit in den Vordergrund gerückt haben. Die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 ein Viertel des britischen Stroms aus Kernkraft zu gewinnen.

Regulatorische Hürden und Reformen

Die britische Nuclear Regulatory Taskforce hat "systemische Mängel" im nationalen Nuklearrahmen festgestellt, darunter fragmentierte Regulierung, fehlerhafte Gesetzgebung und schwache Anreize, die das Land als Nuklearmacht zurückfallen ließen. Die Regierung hat sich verpflichtet, diese Empfehlungen umzusetzen. Premierminister Keir Starmer hat einen "Plan for Change" angekündigt, um Bürokratie abzubauen und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen.

Zu den geplanten regulatorischen Änderungen gehören:

  • Erweiterung der Standortberechtigung: Nuklearprojekte sind nicht länger auf eine veraltete Liste von acht Standorten beschränkt.
  • Abschaffung von Ablaufdaten: Langfristige Nuklearprojekte sollen nicht mehr durch willkürliche Fristen gefährdet werden.
  • Einführung einer Nuclear Regulatory Taskforce: Diese neue Taskforce, die direkt dem Premierminister unterstellt ist, soll Prozesse optimieren, Investitionen anziehen und Sicherheit sowie Effizienz im Nuklearsektor gewährleisten.

Energieminister Ed Miliband betonte: "Bauen, bauen, bauen – darum geht es bei Großbritanniens Mission für saubere Energie."

Große Projekte und die Rolle der SMRs

Großbritannien setzt auf eine zweigleisige Strategie: bewährte Großprojekte und kleinere, modulare Reaktoren (SMRs). Das Land hat bereits Standorte für zusätzliche Großanlagen erworben, darunter einen in Gloucestershire und einen in Wales. Sizewell C soll sechs Millionen Haushalte für mindestens sechs Jahrzehnte mit sauberem Strom versorgen.

SMRs, die von Unternehmen wie Rolls-Royce entwickelt werden, sind im Wesentlichen in Fabriken gefertigte, containerisierte Kernreaktoren. Sie nutzen oft passive Kühltechniken, was sie nach Ansicht ihrer Befürworter sicherer und kostengünstiger macht. Der erste britische SMR-Standort wird in Wylfa, Wales, entstehen und soll drei SMRs beherbergen, die das Äquivalent von drei Millionen Haushalten mit Strom versorgen können.

Ludovico Cappelli, Portfoliomanager bei Van Lanschot Kempen, merkt jedoch an, dass derzeit kein einziger SMR aktiv Strom produziert und die kommerzielle Inbetriebnahme frühestens in den 2030er Jahren erwartet wird. Aus Investitionssicht sei dies "noch etwas beängstigend". Paul Jackson von Invesco sieht zwar eine Rolle für SMRs, da sie "wendiger" sein können, bezweifelt aber Großbritanniens Fähigkeit, hier eine Führungsrolle zu übernehmen, da Länder wie Frankreich und China bereits weit voraus sind.

Finanzierungsmodelle und Investitionsanreize

Um Großprojekte investierbar zu machen und die Abhängigkeit von direkten Staatszuschüssen zu verringern, hat Großbritannien innovative Finanzierungsmechanismen entwickelt. Der "Contract for Differences" (CfD), der bei Hinkley Point C zum Einsatz kam, garantiert einen festen Strompreis über einen langen Zeitraum, um Investitionsrisiken in einer Branche mit bekannten Zeit- und Budgetüberschreitungen zu minimieren. Die Kosten für Hinkley Point C, ursprünglich auf 18 Milliarden Pfund geschätzt, sind jedoch gestiegen.

Ein weiteres Modell ist die "Regulated Asset Base" (RAB), erstmals bei Sizewell C angewendet. Hier erhalten Investoren bereits ab dem Zeitpunkt der Investition Zahlungen, nicht erst bei Betriebsaufnahme. Sizewell C wird voraussichtlich 38 Milliarden Pfund kosten. Das Interesse privater Investoren an der nächsten Generation der Kernenergie wächst, auch getrieben durch den steigenden Energiebedarf von KI-Anwendungen.

Herausforderungen bei Talent und Lieferkette

Ein entscheidender Engpass ist der Zugang zu qualifiziertem Personal. Obwohl Großbritannien für seine erstklassigen Universitäten bekannt ist, fehlt es laut Cappelli an "echter praktischer Expertise", da das Land lange Zeit keine neuen Reaktoren gebaut hat. Die Regierung begegnet dem mit dem "Clean Energy Jobs Plan" und einer nationalen Roadmap für nukleare Fähigkeiten, die auf Ausbildungen, Promotionen und Umschulungen setzt.

Die Lieferkette stellt eine weitere große Hürde dar. Uran, der Brennstoff für Kernreaktionen, wird von nur vier Ländern dominiert, darunter Russland. Die globale Nachfrage nach Uran könnte bis 2030 um fast ein Drittel und bis 2040 um mehr als das Doppelte steigen, was die Abhängigkeit von wenigen Lieferanten und den Druck auf die Entwickler erhöht.

Blick in die Zukunft: Fusion und Innovation

Neben der Kernspaltung (Fission), die heute alle Kernkraftwerke antreibt, forscht Großbritannien auch an der Kernfusion. Unternehmen wie Tokamak Energy und First Light Fusion konzentrieren sich auf diese Technologie, die noch im Laborstadium ist. Im Juni kündigte die britische Regierung 2,5 Milliarden Pfund für einen weltweit ersten Fusionsprototyp an.

Auch bei fortgeschrittenen modularen Reaktoren gibt es Entwicklungen. Das britische Unternehmen Newcleo, das Blei zur Kühlung verwendet, verlegte seinen Hauptsitz 2024 nach Paris, plant aber weiterhin einen kommerziellen Reaktor in Großbritannien bis 2033. Die Geschichte der Kernenergie in Großbritannien ist auch von Rückschlägen geprägt, wie dem Unfall in Windscale 1957, dem schlimmsten in der britischen Geschichte. Trotz dieser Herausforderungen und der Skepsis einiger Experten sieht die Regierung in der Kernenergie einen Weg, "ein goldenes Zeitalter der Kernenergie einzuleiten" und Tausende von qualifizierten Arbeitsplätzen sowie Milliarden an Investitionen zu sichern.

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