
Großbritanniens KI-Infrastruktur: Ambition trifft auf Netzengpässe
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Das Vereinigte Königreich hat im Januar mit seinem "AI Opportunities Action Plan" den ehrgeizigen Plan verkündet, eine "KI-Supermacht" zu werden. Ein zentraler Pfeiler dieser Strategie ist der schnelle Ausbau von Datenzentren, die die enormen Rechenanforderungen für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) erfüllen sollen. Doch fast ein Jahr später zeigen sich neben beachtlichen Investitionen auch erhebliche Herausforderungen, insbesondere bei der Energieversorgung.
Großbritanniens KI-Ambitionen und erste Schritte
Premierminister Keir Starmer erklärte im Januar 2025, dass die Strategie das Land zu einer "KI-Supermacht" machen würde. Der "AI Opportunities Action Plan" sah vor, die Technologie in der gesamten Gesellschaft einzusetzen und den Aufbau von Datenzentren durch sogenannte "AI Growth Zones" (AIGZs) zu beschleunigen. Diese ausgewiesenen Gebiete sollen durch vereinfachte Planungsverfahren und verbesserten Zugang zu Energie Investitionen anziehen. Das Department for Science Innovation and Technology (DSIT) veröffentlichte im November 2025 das Strategiepapier "Delivering AI Growth Zones", das Maßnahmen zur Unterstützung dieser Vision darlegt.
Private Investitionen und "AI Growth Zones"
Trotz der frühen Phase des Infrastrukturausbaus haben Tech-Giganten wie Nvidia, Microsoft und Google bereits Milliarden von Dollar in die KI-Infrastruktur des Landes investiert. Microsoft kündigte beispielsweise Investitionen von 3,2 Milliarden US-Dollar zwischen 2025 und 2028 an, um seine Cloud- und KI-Präsenz im Vereinigten Königreich auszubauen, einschließlich des Baus des größten Supercomputers des Landes, der von über 23.000 NVIDIA GPUs angetrieben wird. Google investiert 5 Milliarden Pfund, unter anderem in ein neues Datenzentrum in Waltham Cross. Auch die heimische Firma Nscale, die Zugang zu KI-Rechenleistung bietet und Datenzentren baut, sicherte sich die größte Series-B-Finanzierungsrunde in der europäischen Geschichte mit 1,1 Milliarden US-Dollar und plant den Einsatz zehntausender Nvidia-Chips in einer KI-Fabrik nahe London bis Anfang 2027.
Bislang wurden vier AIGZs vorgestellt:
- Oxfordshire: Im Februar angekündigt, hat noch nicht mit Bauarbeiten begonnen.
- Nordostengland: Im September angekündigt, mit Bodenvorbereitungen begonnen; formeller Baubeginn Anfang 2026.
- Nord- und Südwales: Im November vorgestellt; Nordwales sucht einen Investmentpartner, Südwales umfasst bereits teilweise operative Standorte mit zusätzlichen Bauarbeiten.
Die Regierung strebt an, bis 2030 eine Kern-Gruppe von AIGZs zu haben, die mindestens 500 Megawatt (MW) Nachfrage bedienen, wobei mindestens eine Zone bis dahin auf über ein Gigawatt (GW) skaliert werden soll. Die AIGZs sollen die Zeit für die Stromversorgung um bis zu fünf Jahre verkürzen, bis zu 80 Millionen Pfund pro Jahr an Stromkosten für ein 500-MW-Datenzentrum einsparen, bis zu 100 Milliarden Pfund an neuen Investitionen freisetzen und über 10.000 neue Arbeitsplätze schaffen.
Herausforderungen: Netzengpässe und Energiekosten
Kritiker weisen jedoch auf stark eingeschränkten Zugang zu Energie über das nationale Stromnetz und langsame Baufortschritte hin. Ben Pritchard, CEO des Datenzentrum-Stromversorgers AVK, kommentierte gegenüber CNBC: "Ambition und Umsetzung sind noch nicht aufeinander abgestimmt." Er fügte hinzu, dass das Wachstum hauptsächlich durch Engpässe bei der Stromverfügbarkeit gebremst werde. Entwickler erwarten Netzanschlussverzögerungen von acht bis zehn Jahren, und das Volumen der ausstehenden Anschlussanfragen, insbesondere um London, sei beispiellos.
Die KI-Workloads erhöhen den Energiebedarf dramatisch, was zusätzlichen Druck auf ein bereits überlastetes Energiesystem ausübt. Spencer Lamb von Kao Data bemerkte, dass der offene Aufruf für AIGZ-Bewerbungen dazu führte, dass das nationale Netz mit Stromnetz-Anträgen von spekulativen Quellen überflutet wurde. Das Vereinigte Königreich hat zudem die höchsten Energiekosten in Europa, die etwa 75 % höher sind als vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine. Die industriellen Strompreise sind 60 % höher als in Frankreich oder Deutschland. Der Strombedarf von Datenzentren wird sich bis 2030 voraussichtlich verdoppeln und 9 % des gesamten Stromverbrauchs des Landes ausmachen.
Maßnahmen zur Bewältigung der Engpässe
Der National Energy System Operator (Neso), die für die Verwaltung des nationalen Netzes zuständige öffentliche Stelle, hat Schritte unternommen, um die Situation zu verbessern. Neso kündigte Pläne an, Hunderte von Projekten für einen schnelleren Netzzugang zu priorisieren, wobei ein erheblicher Teil davon Datenzentren sind. Die AIGZ-Politik sieht ebenfalls Maßnahmen vor:
- Beschleunigung der Netzanschlüsse: Priorisierung von AIGZs durch Reservierung und Neuverteilung von Netzkapazitäten.
- Ermöglichung des Selbstbaus: Die Regierung prüft Mechanismen, die es Entwicklern ermöglichen würden, eigene Hochspannungsleitungen und Umspannwerke zu bauen und anzuschließen.
- Senkung der Energiepreise: Ab April 2027 sind Stromkostenrabatte für KI-Datenzentren in AIGZs vorgesehen, die überschüssige Stromerzeugung nutzen (z.B. bis zu 24 £/MWh in Schottland).
- Abbau von Planungshürden: Überarbeitung des National Planning Policy Framework in England.
Langfristige Perspektiven
Puneet Gupta, General Manager für Großbritannien und Irland bei NetApp, betont, dass die Investitionen großer privater Akteure ein wichtiges Fundament gelegt haben. Der "echte Test" werde jedoch sein, wie schnell diese Pläne in nutzbare Rechenleistung für britische Organisationen umgesetzt werden können. Stuart Abbott, Managing Director für Großbritannien und Irland bei VAST Data, unterstreicht, dass der langfristige Erfolg des KI-Infrastrukturausbaus Investitionen in den "Full Stack" erfordert, einschließlich Datenpipelines, Speicherung, Energiebeschaffung, Sicherheit, Talent und Fähigkeiten. Er merkt an: "Wenn das Vereinigte Königreich dies dauerhaft gestalten will und nicht nur als einjähriges Zuckerhoch, muss es die KI-Infrastruktur wie wirtschaftliche Infrastruktur behandeln." Die Herausforderungen bleiben erheblich, da der Wert von Datenzentrum-Deals in Europa im Vergleich zu den USA geringer ist und die veraltete Netzinfrastruktur viele Jahre für neue Anschlüsse benötigen kann.