Großeltern in den USA: Zwischen Pflege, Arbeit und finanziellen Sorgen

Großeltern in den USA: Zwischen Pflege, Arbeit und finanziellen Sorgen

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Die Rolle der Großeltern in den Vereinigten Staaten hat sich dramatisch gewandelt. Viele ältere Amerikaner finden sich unerwartet in der Rolle von Hauptbetreuern für ihre Enkelkinder wieder, was weitreichende finanzielle und persönliche Konsequenzen hat und den Ruhestand oft auf unbestimmte Zeit verschiebt.

Die neue Realität der Großelternschaft in den USA

Dorenne Simonson aus New Jersey ist ein Beispiel für diese Entwicklung. Mit 66 Jahren wurde sie zur primären Bezugsperson ihrer Enkelin, nur zwei Monate nach deren Geburt, da ihre Tochter die Pflege nicht übernehmen konnte. Simonson, eine alleinerziehende Mutter von fünf erwachsenen Kindern, sieht sich heute als Mutter ihrer vierjährigen Enkelin. Ihr Alltag beginnt um 5:30 Uhr und ist geprägt von Kinderbetreuung, Arbeit von 8:00 bis 16:30 Uhr und häuslichen Pflichten. Angesichts der Kosten rechnet Simonson damit, bis zu ihrem Tod arbeiten zu müssen.

Diese Situation ist kein Einzelfall. Eine Analyse des Census Bureau's American Community Survey (ACS) durch Forscher der University of Pittsburgh ergab, dass die Zahl der pflegenden Großeltern ab 60 Jahren, die ohne die Eltern des Kindes leben, zwischen 2009 und 2021 um fast 21 % gestiegen ist. Brookings stellte 2023 fest, dass etwa 1 Million Kinder unter 18 Jahren bei einem Großelternteil leben, der für ihre tägliche Betreuung verantwortlich ist und ohne Eltern im Haushalt auskommt. In fast der Hälfte dieser Fälle ist eine alleinstehende Großmutter für die Pflege zuständig.

Finanzielle Belastung und verzögerter Ruhestand

Die Übernahme der Kinderbetreuung bedeutet für viele Großeltern eine erhebliche finanzielle Belastung. Madonna Harrington Meyer, Soziologieprofessorin an der Syracuse University, die sich mit Großelternschaft befasst, berichtet, dass viele Großeltern mit zusätzlichen Betreuungsaufgaben mit hohen Ausgaben zu kämpfen haben. Sie opfern manchmal Mahlzeiten, verzögern medizinische Behandlungen oder nehmen erhebliche Änderungen ihres Lebensstils vor, oft mit Bedauern über die Reduzierung ihrer Ersparnisse. Rebecca Reed, 87, musste nach dem Tod ihres Mannes Insolvenz anmelden und arbeitet heute zwei Jobs für 12 Dollar pro Stunde, um über die Runden zu kommen.

Diese finanzielle Notlage trägt dazu bei, dass immer mehr ältere Amerikaner über das traditionelle Rentenalter hinaus arbeiten. Etwa jeder fünfte Amerikaner ab 65 Jahren ist erwerbstätig, was einer Verdoppelung seit den 1980er Jahren entspricht. Eine Business Insider-Analyse von Census-Daten zeigte, dass 4,2 % der über 80-Jährigen noch arbeiten, gegenüber 3 % im Jahr 2010. Während dies teilweise auf verbesserte Gesundheitsergebnisse und den Wunsch nach Produktivität zurückzuführen ist, sind es oft auch wachsende finanzielle Instabilität und Kürzungen bei Unterstützungsleistungen, die ältere Amerikaner zum Weiterarbeiten zwingen.

Herausforderungen am Arbeitsplatz und fehlende Unterstützung

Die Vereinbarkeit von Beruf und Pflegeaufgaben stellt eine große Herausforderung dar. Laut AARP leisten über 63 Millionen Amerikaner Pflege für ein erwachsenes Familienmitglied, wobei die meisten von ihnen gleichzeitig einer bezahlten Arbeit nachgehen. Ein durchschnittlicher Pflegender verbringt etwa sechs Stunden täglich mit der Betreuung älterer Angehöriger, und die Pflegerolle erstreckt sich im Durchschnitt über sechs Jahre, wie Meghan Shea von New York Life Group Benefit Solutions erklärt.

Obwohl der Family and Medical Leave Act (FMLA) in den USA bis zu 12 Wochen unbezahlten Urlaub pro Jahr für die Pflege von Familienmitgliedern vorsieht, gilt dieses Gesetz nicht für alle Arbeitsplätze und ist für viele, die sich keinen unbezahlten Urlaub leisten können, keine Option. Mehr als ein Dutzend Bundesstaaten schreiben zwar eine Form von bezahltem Pflegeurlaub vor, doch die Details variieren stark. Debra Whitman, Chief Public Policy Officer bei AARP, betont, dass die Unterstützung von pflegenden Angehörigen ein enormes Beschäftigungsproblem darstellt, da viele Menschen ihre Arbeit aufgeben müssen, was sich auf ihr Einkommen und ihre Altersvorsorge auswirkt.

Kognitive Vorteile durch aktive Großelternschaft

Trotz der Belastungen gibt es auch eine positive Seite der aktiven Großelternschaft. Eine große Studie unter der Leitung von Flavia Chereches an der Tilburg University, die Daten von 2.887 Großeltern über 50 Jahren analysierte, fand heraus, dass Großeltern, die ihre Enkelkinder betreuen, tendenziell bessere Gedächtnis- und Sprachfähigkeiten im späteren Leben aufweisen. Die Vorteile blieben auch nach Berücksichtigung von Alter, allgemeiner Gesundheit und sozialen Faktoren bestehen.

Überraschenderweise war nicht die Häufigkeit der Betreuung entscheidend, sondern die Tatsache, überhaupt ein pflegendes Großelternteil zu sein. Bei Großmüttern, die sich um Enkelkinder kümmerten, zeigte sich zudem ein langsamerer Rückgang der kognitiven Fähigkeiten über einen Zeitraum von sechs Jahren. Wissenschaftler führen dies auf die Kombination aus mentaler und sozialer Anstrengung zurück, die mit der Organisation von Schulwegen, dem Merken von Vorlieben oder dem Beantworten unzähliger Fragen verbunden ist.

Balanceakt zwischen Fürsorge, Arbeit und persönlichen Zielen

Die Erfahrungen moderner Großeltern sind vielfältig. Einige, wie Noe Parenteau, 80, arbeiten weiter, um ihre Familie zu unterstützen und für zukünftige Pflegekosten vorzusorgen, haben aber kaum Zeit für ihre Enkelkinder. Andere, wie Pat Hennessy, 65, und seine Frau, streben eine finanzielle Absicherung an, um im Ruhestand mehr Zeit mit der Familie verbringen und reisen zu können.

Es gibt auch Großeltern, die bewusst weiter Vollzeit arbeiten, um nicht zu stark in die Betreuung der Enkelkinder involviert zu sein, wie Madonna Harrington Meyer in ihrer Forschung feststellte. Annie Nicol, 76, hingegen hat ihre Arbeitszeit reduziert und ist kürzlich in den Ruhestand gegangen, um ihren Enkel während der Pandemie zu Hause zu unterrichten. Sie findet in dieser Aufgabe einen Sinn und glaubt, dass sie der Schlüssel zu Langlebigkeit sein könnte. Ihre Geschichte zeigt, dass die moderne Großelternschaft weit mehr ist als das Klischee des Strickens im Schaukelstuhl – sie ist aktiv, herausfordernd und oft eine Quelle der Erfüllung.