
Harvard MBA: Warum eine Absolventin für ihren Search Fund nach China zurückkehrt
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Nach Jahren des Pendelns zwischen verschiedenen Kulturen hat Sally Tian, eine Harvard MBA-Absolventin, eine klare Entscheidung für ihre berufliche Zukunft getroffen: Sie kehrte im September 2025 nach China zurück, um dort einen Search Fund zu gründen. Ihre Geschichte beleuchtet nicht nur den Wunsch nach unternehmerischer Selbstständigkeit, sondern auch die wachsende Bedeutung kultureller Verbundenheit und spezifischer Marktkenntnisse im globalen Finanz- und Geschäftsumfeld.
Vom Harvard MBA zum Unternehmertum in China
Sally Tian, heute 30 Jahre alt, verbrachte ihre prägenden Jahre zwischen Guangzhou, Vancouver und Toronto, bevor sie ihre Karriere in der Unternehmensberatung begann. Obwohl sie zunächst den "Immigrant Dream" verfolgte, erfüllte sie die Vorhersehbarkeit des Konzernlebens nicht. Nach drei Jahren wechselte sie 2020 zu einem großen chinesischen Tech-Unternehmen in Peking und später Shanghai.
Nach ihrem zweijährigen MBA-Studium an der Harvard University im Jahr 2025 erkannte Tian, dass eine traditionelle Konzernkarriere nicht ihr Weg war. Stattdessen wollte sie mit ihrem Freund einen Search Fund gründen. Dieses Modell beinhaltet die Suche nach einem kleinen Unternehmen, dessen Übernahme und anschließende Führung durch die Gründer selbst. Tian betonte: "Ich würde sagen, ein Großteil des Grundes, warum Menschen es tun wollen, ist, dass sie nicht für jemand anderen arbeiten wollen. Sie wollen ihr eigener Chef sein, und das will ich definitiv auch."
Shanghai als Dreh- und Angelpunkt für den Search Fund
Obwohl Search Funds in den USA verbreiteter sind, sah Tian in China den idealen Ort für ihr Vorhaben. Im September 2025 zog sie mit ihrem Freund zurück nach Shanghai. Die Stadt wurde aufgrund ihres starken Investorennetzwerks und der vielfältigen Geschäftsmöglichkeiten gewählt, obwohl auch Guangzhou in Betracht gezogen wurde.
Das Paar fand eine Drei-Zimmer-Wohnung etwa 40 Minuten vom Stadtzentrum entfernt, deren monatliche Miete 8.900 Chinesische Yuan, umgerechnet etwa 1.270 US-Dollar, beträgt. Die Umgebung bietet eine gute Infrastruktur mit Einkaufszentren, einem Sam's Club und einem Costco, und zieht aufgrund der Nähe zu internationalen Schulen viele Expats an. Tian erklärte ihre Wahl auch mit einer tiefen kulturellen Verbundenheit: "Kulturell verstehe ich es. Ich habe einfach das Gefühl, dass dies mein Zuhause ist, und ich habe nicht das Gefühl, es im Zuhause eines anderen zu tun." Sie glaubt, dass der Beziehungsaufbau mit potenziellen Verkäufern in den USA aufgrund kultureller Unterschiede schwieriger wäre.
Chancen im chinesischen Markt für Search Funds
Tian sieht in der Seltenheit von Search Funds in China im Vergleich zu den USA eine große Chance. Ein Stanford-Bericht aus dem Jahr 2024 zeigte, dass Investoren in den letzten vier Jahren etwa 1,45 Milliarden US-Dollar in 681 Search Funds und übernommene Unternehmen in den USA und Kanada investiert haben. Während sich nordamerikanische Search Funds oft auf Dienstleistungen und Unternehmenssoftware konzentrieren, plant Tian in China einen breiteren Fokus, der B2B-Dienstleistungen, B2C-Franchises und die Fertigungsindustrie umfasst.
Ein wesentlicher Treiber für diese Strategie ist die demografische Entwicklung: Viele chinesische Geschäftsinhaber der ersten Generation sind heute in ihren 60ern und 70ern und suchen nach einer Nachfolgeregelung. Ihre Kinder zeigen oft kein Interesse an der Übernahme der Familienbetriebe. Laut einem Bericht der All-China Federation of Industry and Commerce aus dem Jahr 2023 machen private Unternehmen über 90% aller Firmen in China aus, und etwa 80% dieser Privatunternehmen sind Familienbetriebe.
Kulturelle Kompetenz als Wettbewerbsvorteil
Tians multikultureller Hintergrund prägte ihre Identität und ihr Verständnis für die Welt. Das Aufwachsen als Immigrantin in Kanada führte zu einer Distanzierung von der eigenen Kultur, um sich anzupassen. Die Rückkehr nach China für die Arbeit zwang sie jedoch, ihre Annahmen zu hinterfragen und sich tiefer mit der Denkweise ihrer Kollegen auseinanderzusetzen. Dieser Prozess half ihr, sich wieder mit ihren Wurzeln zu verbinden und die Erfahrungen ihrer Eltern besser zu verstehen.
Diese kulturelle Kompetenz ist im chinesischen Geschäftsumfeld von unschätzbarem Wert. Vania Utami Gunawan, die für ihren MBA von Indonesien nach China zog, betonte ebenfalls die Bedeutung des Verständnisses des chinesischen Kontexts und der Sprache für einen Wettbewerbsvorteil. Sie stellte fest, dass es einen Mangel an Talenten gibt, die diese Fähigkeiten besitzen. Gunawan, die an der Tsinghua University School of Economics and Management studierte, erlebte, wie chinesische und indonesische Teams oft unterschiedliche Erwartungen hatten, beispielsweise in Bezug auf die Direktheit der Kommunikation oder das Arbeitstempo. Auch Fachkräfte wie Ally An, Alex Chiu und Bradley Wo, die oft einen NYU Stern-Abschluss haben und Verbindungen zu China pflegen, unterstreichen die Relevanz dieser interkulturellen Fähigkeiten.
Die Debatte um Elite-Bildung und globale Zugänglichkeit
Tians Weg über eine Elite-Universität wie Harvard ist bemerkenswert, wirft aber auch Fragen nach der Zugänglichkeit solcher Bildungswege auf. Umaimah Mendhro, eine Harvard Business School-Absolventin, kritisierte die strukturelle Exklusivität von MBA-Programmen. Sie stellte fest, dass an Top-Business Schools in den USA etwa 70% der Studenten aus dem höchsten Einkommensquartil stammen, während weniger als 3% aus dem niedrigsten kommen. Die Erwartung, den Job aufzugeben, das Land zu wechseln, Visa zu beschaffen und enorme Studiengebühren zu zahlen, sei ein Privileg der Wohlhabenden.
Mendhro sah während der COVID-19-Pandemie, wie Elite-Universitäten wie Harvard, Stanford und MIT fast über Nacht auf Online-Lehre umstellten. Dies führte zu der Erkenntnis, dass Exzellenz auch online vermittelt werden kann, was potenziell den Zugang zu hochwertiger Bildung für eine breitere Masse ermöglichen könnte. Während Sally Tian den traditionellen Weg wählte, zeigt die Diskussion um die Zugänglichkeit von Elite-Bildung, wie sich die Landschaft für zukünftige Führungskräfte und Unternehmer entwickeln könnte.