
Iran-Konflikt: Steigende Energiepreise in Europa – Droht ein Inflationsschock wie 2022?
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Der aktuelle Konflikt im Iran lässt die Öl- und Gaspreise erneut ansteigen und weckt Erinnerungen an den Energieschock nach der russischen Invasion in der Ukraine vor vier Jahren. Während die anfängliche Preisreaktion beunruhigend vertraut erscheint, sehen Experten die globale Wirtschaftslage heute anders und halten eine Inflation in ähnlichem Ausmaß für vermeidbar.
Iran-Konflikt treibt Energiepreise in die Höhe
Der Konflikt im Iran hat die globalen Energiemärkte erheblich beeinflusst. Nach den US-amerikanischen und israelischen Angriffen am 28. Februar, bei denen der iranische Führer Ayatollah Ali Khamenei getötet wurde, wurde die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Energie-Engpässe der Welt, effektiv geschlossen. Maurice Obstfeld vom Peterson Institute for International Economics bezeichnete dies als "Albtraumszenario".
Die Ölpreise schossen von unter 70 Dollar pro Barrel am 27. Februar auf einen Höchststand von fast 120 Dollar zu Beginn der Woche, bevor sie sich näher an 90 Dollar einpendelten. Brent Rohöl, die globale Ölbenchmark, hatte sich von den fast 120 Dollar pro Barrel zurückgezogen, nachdem die Internationale Energieagentur (IEA) am Mittwoch die Freigabe von rekordverdächtigen 400 Millionen Barrel Öl aus ihren Notreserven vereinbart hatte. Auch die europäischen Erdgaspreise, gemessen am niederländischen TTF-Futures-Benchmark, fielen von einem Dreijahreshoch von 63,77 Euro pro Megawattstunde auf unter 50 Euro pro MWh am Mittwoch.
Die strategische Bedeutung der Straße von Hormus
Die Straße von Hormus ist ein entscheidender Knotenpunkt für die globale Energieversorgung. Etwa 20 Millionen Barrel Öl und Erdölprodukte passieren täglich diese Meerenge, was rund einem Fünftel des weltweiten Verbrauchs entspricht. Zudem werden alle Flüssigerdgas (LNG)-Exporte aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die etwa 20 % des globalen LNG-Handels ausmachen, durch diese Straße transportiert.
Seit den ersten Angriffen am 28. Februar hat sich der Schiffsverkehr durch die Meerenge nahezu zum Stillstand verlangsamt. Eine anhaltende Störung über mehrere Wochen würde die Lagerbestände abbauen, die Logistik einschränken und die globalen Öl- und Gasbilanzen straffen, was weitaus größere Auswirkungen auf die Preise hätte. Simon Johnson vom Massachusetts Institute of Technology betonte, dass es weltweit keine überschüssige Kapazität gibt, die die 20 Millionen Barrel Öl pro Tag, die durch die Straße fließen, ersetzen könnte.
Europas Energiesicherheit auf dem Prüfstand
Europa ist zwar weniger abhängig von Öl und LNG aus der Golfregion als China, Indien, Japan oder Südkorea, aber nicht isoliert. Öl- und LNG-Märkte sind global, sodass eine Blockade der Straße von Hormus sofortige Preisspitzen auslösen würde, die Europa unabhängig von seinen begrenzten physischen Importen treffen würden.
Europas größte Schwachstelle ist LNG. Wenn die LNG-Flüsse über die Straße von Hormus eingeschränkt werden, verschärft sich die globale Spot-Verfügbarkeit sofort. Europa wäre dann gezwungen, mit asiatischen Käufern um flexible Ladungen auf dem Spotmarkt zu konkurrieren, ähnlich wie während der Energiekrise 2021-2023. Dies würde die europäischen Gaspreise in die Höhe treiben, zumal Europa Ende Februar 2026 mit deutlich niedrigeren Gasspeicherständen startete (46 Milliarden Kubikmeter gegenüber 60 bcm in 2025 und 77 bcm in 2024). Michael Lewis, CEO des deutschen Energieversorgers Uniper, erklärte, dass das Unternehmen seit der Ukraine-Invasion die Abhängigkeit von russischem Gas beendet und seine Quellen auf LNG sowie Pipelines aus Norwegen, den USA, Kanada, Australien und Aserbaidschan diversifiziert habe. Er räumte jedoch ein, dass Europa nicht die benötigte Gasmenge selbst produziert und mehr langfristige Verträge benötigt, um sich vor Preisschwankungen zu schützen.
Inflationäre Auswirkungen und Zentralbankreaktionen
Die Auswirkungen auf die europäische Inflationsentwicklung hängen von der Dauer des Konflikts ab. James Smith, Ökonom bei ING, merkte an, dass die globale Wirtschaftslage heute sehr anders aussieht als beim Schock von 2022, als Lieferketten gestört, Arbeitsmärkte angespannt und die Fiskalpolitik inflationär wirkten.
Smith prognostiziert, dass bei einer Normalisierung der Energieversorgung innerhalb von vier Wochen und sinkenden Energiepreisen im zweiten Quartal die Inflation in der Eurozone von derzeit 1,9 % auf 2,5 % steigen könnte. In Großbritannien und den USA könnte die Inflation 3 % erreichen. Dies würde laut Smith ausreichen, um weitere Zinssenkungen der Federal Reserve und der Bank of England zu verzögern, aber nicht zu verhindern, und die Europäische Zentralbank (EZB) nicht aus ihrer "guten Position" bringen. Madis Muller, Mitglied des EZB-Rats, räumte jedoch ein, dass die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung gestiegen sei. Geoff Yu, Senior EMEA Market Strategist bei BNY, erwartet, dass EZB-Zinssenkungen kurzfristig wahrscheinlich verschoben werden müssen, sieht aber zu viel Unsicherheit für Prognosen über die nächsten drei Monate hinaus. Kristalina Georgieva, Geschäftsführerin des Internationalen Währungsfonds (IWF), warnte, dass jeder 10-prozentige Anstieg der Ölpreise – sofern er über den Großteil des Jahres anhält – die globale Inflation um 0,4 Prozentpunkte erhöhen und die weltweite Wirtschaftsleistung um bis zu 0,2 Prozent reduzieren wird.
Warum die Lage diesmal anders sein könnte
Trotz der aktuellen Spannungen gibt es Gründe zur Annahme, dass sich der Energieschock von 2022-2023 nicht wiederholen muss. Geoff Yu von BNY nennt mehrere Faktoren:
- Die Preise liegen weiterhin nur bei einem Bruchteil ihrer Höchststände von 2022.
- Europas Energieresilienz ist dank der Diversifizierung der Lieferquellen deutlich stärker.
- Der Zustand des Konjunkturzyklus ist anders, es gibt keinen Post-Covid-Nachfrageschub.
- Europa ist diesmal weit weniger einem plötzlichen Anstieg der Finanzierungsbedingungen ausgesetzt, da die Aktienpositionierung nicht so konzentriert ist.
Die Opec+ Entscheidung vom 1. März, die Produktion zu erhöhen, um die Märkte zu beruhigen, ist ebenfalls wichtig. Die IEA wird zudem entscheiden, ob ihre Mitgliedstaaten ihre vorgeschriebenen 90-Tage-Import-Äquivalent-Ölreserven nutzen dürfen.
Globale Auswirkungen über Europa hinaus
Der Konflikt im Iran verursacht auch weitreichende Kollateralschäden für die Weltwirtschaft. Neben steigenden Energiepreisen sind auch die Düngemittelpreise betroffen, was Nahrungsmittelknappheit in armen Ländern droht und fragile Staaten wie Pakistan destabilisieren könnte.
Die Auswirkungen sind global spürbar:
- In Indien warnen Restaurants bereits vor möglichen Schließungen, da die Gasversorgung für Haushalte priorisiert wird.
- Thailand hat Auslandsreisen für Beamte ausgesetzt und sie aufgefordert, Treppen statt Aufzüge zu benutzen.
- Die Philippinen haben eine temporäre viertägige Arbeitswoche für einige Regierungsbehörden eingeführt.
- Vietnam ermutigt die Menschen, von zu Hause aus zu arbeiten.
Die Weltwirtschaft hat sich in der Vergangenheit als widerstandsfähig erwiesen, indem sie Schocks wie die russische Invasion in der Ukraine vor vier Jahren und die massiven Zölle von Präsident Donald Trump im Jahr 2025 absorbierte. Viele Ökonomen hoffen, dass der globale Handel auch diese jüngste Krise überstehen kann.