
Iran-Krieg: Globale Lieferketten für humanitäre Hilfe kollabieren
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Der anhaltende Konflikt im Nahen Osten hat die Fähigkeit von Hilfsorganisationen, Millionen bedürftiger Menschen mit Nahrungsmitteln und Medikamenten zu versorgen, massiv beeinträchtigt. Die Gewalt unterbricht nicht nur lebenswichtige Schifffahrtsrouten und führt zu einer globalen Energiekrise, sondern stört auch die Lieferketten für Hilfsgüter, was Organisationen zwingt, kostspieligere und zeitaufwendigere Wege zu nutzen. Das Leid wird sich vertiefen, wenn die Gewalt anhält.
Globale Lieferketten unter Druck
Der Konflikt hat wichtige Schifffahrtsrouten wie die Straße von Hormus und die Bab el-Mandeb-Straße effektiv blockiert oder stark eingeschränkt. Auch Routen von strategischen Drehkreuzen wie Dubai, Doha und Abu Dhabi sind betroffen. Dubai, ein massiver staatlich unterstützter humanitärer Knotenpunkt, dessen Lage am Persischen Golf einst ein Vorteil war, hat sich durch iranische Drohnen- und Raketenangriffe auf wichtige Infrastruktur wie den Hafen und den Flughafen als Schwachstelle erwiesen.
Die Vereinten Nationen bezeichnen dies als die bedeutendste Lieferkettenstörung seit COVID-19. Das Welternährungsprogramm (WFP) meldet, dass Zehntausende Tonnen Lebensmittel stark verzögert sind, und insgesamt 70.000 Tonnen Lebensmittel auf Frachtschiffen festsitzen.
Steigende Kosten und Umleitungen
Die Transportkosten sind aufgrund höherer Treibstoff- und Versicherungsraten stark angestiegen. Dies bedeutet, dass mit der gleichen Geldmenge weniger Hilfsgüter geliefert werden können. Die UN schätzt einen Kostenanstieg von bis zu 20 % bei Sendungen und erhebliche Verzögerungen durch notwendige Umleitungen.
Organisationen sind gezwungen, neue Transportwege zu finden. Einige umgehen die Straße von Hormus und den Suezkanal, indem sie Schiffe um Afrika herumleiten, was die Lieferzeit um Wochen verlängert. Das WFP hat beispielsweise zehn Schiffe mit Lebensmitteln für Äthiopien, Sudan und Südsudan um das Kap der Guten Hoffnung umgeleitet, was 25 % länger dauert und 40 % teurer ist.
UNICEF nutzt eine Mischung aus Land- und Luftwegen, um Impfstoffe nach Nigeria und Iran zu liefern, um Impfkampagnen rechtzeitig zu erreichen. Dies hat die Kosten jedoch in die Höhe getrieben. Früher flogen Impfstoffe direkt von Anbietern in den Iran; jetzt werden sie in die Türkei geflogen und von dort in den Iran gefahren, was die Kosten um 20 % erhöht und die Lieferzeit um zehn Tage verlängert. Save the Children International muss Güter für den Sudan nun von Dubai über Saudi-Arabien und dann per Lastkahn über das Rote Meer transportieren, was zehn Tage länger dauert und die Kosten um etwa 25 % erhöht.
Humanitäre Organisationen am Limit
Der Internationale Rettungsausschuss (IRC) hat Medikamente im Wert von 130.000 US-Dollar, die für den kriegsgebeutelten Sudan bestimmt waren, in Dubai gestrandet. Zudem sind fast 670 Kisten therapeutischer Nahrung für schwer unterernährte Kinder in Somalia in Indien fest. Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) meldet Verzögerungen beim Versand von Ausrüstung in 16 Länder.
Madiha Raza, Associate Director für Public Affairs und Kommunikation für Afrika beim IRC, äußerte sich besorgt: „Der Krieg im Iran und die Störung der Straße von Hormus drohen humanitäre Operationen über ihre Grenzen zu treiben.“ Selbst wenn die Kämpfe aufhören, könnte der Schock für die globalen Lieferketten die lebensrettende Hilfe noch Monate lang verzögern.
Die steigenden Preise zwingen Organisationen auch dazu, Prioritäten zu setzen. Janti Soeripto, Präsidentin von Save the Children für die Vereinigten Staaten, erklärte: „Am Ende opfert man entweder die Anzahl der Kinder, die man versorgt, oder man opfert die Anzahl der Artikel, die man sich leisten kann zu kaufen.“
Verschärfung der globalen Hungerkrise
Eine der größten Sorgen ist die Auswirkung des Krieges auf den globalen Hunger. Das WFP warnt, dass, wenn der Konflikt bis Juni andauert, weitere 45 Millionen Menschen akut hungern werden. Dies käme zu den fast 320 Millionen Menschen hinzu, die bereits weltweit von Hunger betroffen sind.
Der Sudan ist die größte Hungerkatastrophe der Welt, wobei 41 % seiner Bevölkerung ein hohes Maß an akuter Ernährungsunsicherheit aufweisen. In Somalia erleben etwa 6,5 Millionen Menschen akute Ernährungsunsicherheit. Ärzte ohne Grenzen berichtet, dass die steigenden Treibstoffpreise in Somalia die Transport- und Lebensmittelkosten in die Höhe treiben, was den Menschen den Zugang zu medizinischer Versorgung erschwert. In Nigeria sind die Treibstoffpreise laut IRC um 50 % gestiegen, und Kliniken kämpfen mit der Stromversorgung von Geräten wie Generatoren.
Düngemittelversorgung und langfristige Folgen
Etwa 30 % des weltweiten Düngemittels werden durch die Straße von Hormus transportiert. Angesichts der bevorstehenden Pflanzsaison in Regionen wie Ostafrika und Südasien werden Kleinbauern in armen Ländern stark betroffen sein. Der Sudan importiert mehr als die Hälfte seines Düngemittels aus der Golfregion, Kenia etwa 40 %.
Der UN-Generalsekretär hat eine Task Force zur Erleichterung des Düngemittelhandels eingerichtet, die nach dem Vorbild der Schwarzmeer-Getreide-Initiative modelliert ist. Hilfsorganisationen betonen jedoch, dass dies nicht ausreichen wird. Paul Molinaro, Leiter der WHO Operations Support and Logistics, warnte, dass die längerfristigen Auswirkungen des Konflikts zu höheren Preisen für Düngemittel, Lebensmittel und pharmazeutische Produkte führen werden, was Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen hart treffen wird.
Finanzierungslücken und politische Entscheidungen
Bereits vor dem Konflikt hatten drastische US-Kürzungen bei der Auslandshilfe viele Hilfsorganisationen geschwächt. Humanitäre Experten beobachten eine langsamere internationale Reaktion auf die Finanzierung der Hilfe in diesem Krieg im Vergleich zu früheren Konflikten wie in der Ukraine. Dies könnte laut Sam Vigersky, einem International Affairs Fellow beim Council on Foreign Relations, den wachsenden Druck widerspiegeln, in einer Zeit globaler Turbulenzen eher in Sicherheit als in Hilfe zu investieren.
Vigersky merkte an, dass die USA normalerweise Bestimmungen für Hilfe haben, wenn sie in den Krieg ziehen, diese aber nicht „aktivieren“. Er bezeichnete dies als „kein Kapazitätsproblem, sondern eine politische Entscheidung“. Tommy Pigott, stellvertretender Sprecher des US-Außenministeriums, betonte, dass die USA das „großzügigste Land der Welt“ seien, wenn es um humanitäre Hilfe geht. Das Ministerium kündigte zusätzliche 50 Millionen US-Dollar Nothilfe für den Libanon an, unter anderem für das Welternährungsprogramm.