IWF-Chefin Georgieva: Globale Wirtschaft im Nahost-Krieg und KI-Tsunami

IWF-Chefin Georgieva: Globale Wirtschaft im Nahost-Krieg und KI-Tsunami

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Die Weltwirtschaft steht unter erheblichem Druck durch den Nahost-Krieg, der weitreichende und asymmetrische Schocks verursacht. Kristalina Georgieva, geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), betonte in einem Interview mit "Face the Nation" am 12. April 2026, dass 13 Prozent des Öls und 20 Prozent des Gases, die weltweit fließen sollten, seit fünf Wochen blockiert sind. Dieser Schock ist global spürbar, da Energiepreise steigen, und trifft Länder je nach ihrer Nähe zum Konflikt, ihrer Abhängigkeit von Ölimporten und ihren finanziellen Reserven unterschiedlich hart.

Globale Auswirkungen des Nahost-Konflikts

Der Konflikt hat bereits massive Auswirkungen auf die Infrastruktur, wobei 72 Energieanlagen getroffen wurden, ein Drittel davon schwer beschädigt. Das Gasfeld in Katar beispielsweise könnte drei bis fünf Jahre benötigen, um seine volle Kapazität wiederzuerlangen. Diese Schäden und die Unterbrechung der Lieferketten sind bereits "eingebacken" und werden die Weltwirtschaft auch 2026 belasten. Selbst ein Waffenstillstand würde die Preise nicht sofort auf das Vorkriegsniveau vom 27. Februar zurückführen, da die Wiederherstellung Zeit in Anspruch nehmen wird.

Georgieva wies darauf hin, dass frühere Energieschocks oft zu mehr Energieeffizienz und einer Diversifizierung der Energieversorgung, einschließlich grüner Energien, geführt haben. Diese Anpassungen benötigen jedoch ein bis zwei Jahre, in denen Menschen und Unternehmen weiterhin unter den Folgen leiden werden.

Regionale Belastungen und Engpässe

Besonders Asien trägt einen Großteil der wirtschaftlichen Last. Südkorea, mit seiner bedeutenden Computerchip-Industrie, hat seine Bürger zum Energiesparen aufgerufen. Indien rationiert Energie, die Philippinen erlebten einen nationalen Energienotstand mit langen Warteschlangen an Tankstellen, ähnlich den 1970er Jahren in den USA. Auch Australien kämpft mit Treibstoffknappheit.

Die Engpässe betreffen nicht nur Treibstoff:

  • Helium: Für Halbleiter und MRT-Geräte, dessen Lieferung aus Katar stark eingeschränkt ist.
  • Düngemittel: In der Pflanzsaison führt die Knappheit oder die hohen Preise zu einem potenziellen Anstieg der Lebensmittelpreise.
  • Überweisungen: Viele Menschen, die in der Golfregion arbeiten und Geld nach Hause, etwa nach Indien und Bangladesch, schicken, sehen diese Einkünfte nun ausbleiben.
  • Transport und Tourismus: Länder wie Sri Lanka, das sich gerade von einem großen Schock erholt, sind erneut betroffen, da ein Drittel der Flüge über die Golfregion führt und der Tourismus stark beeinträchtigt wird.

Inflation und die USA

Die Vereinigten Staaten sind als Energieexporteur zwar weniger stark betroffen, doch auch hier spüren die Menschen den Preisanstieg. Die Inflation, die ursprünglich bis Anfang 2027 das Zielniveau erreichen sollte, könnte sich nun verzögern. Dies wirkt wie eine Steuer auf das Einkommen, die insbesondere Haushalte mit niedrigem Einkommen belastet. Die Ölpreise stiegen aufgrund des Krieges im Iran zeitweise um fast 50 Prozent, was Georgieva als die größte Störung der globalen Energiemärkte in der modernen Geschichte bezeichnete.

Langfristige Folgen und Resilienz

Trotz der zahlreichen Schocks – von der COVID-Pandemie über den Ukraine-Krieg bis hin zu Handelskriegen und dem aktuellen Nahost-Konflikt – hat sich die Weltwirtschaft als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen. Georgieva führt diese Resilienz auf drei Faktoren zurück:

  • Privatsektor: Regierungen haben sich aus der direkten Wirtschaftsführung zurückgezogen und dem agileren Privatsektor mehr Raum gegeben.
  • **Stärkung der Fundamentaldaten:** Viele Schwellenländer haben in den letzten Jahrzehnten ihre Grundlagen gestärkt, etwa durch unabhängige Zentralbanken und Fiskalräte.
  • Innovation: Die technologische Transformation, insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz, trägt zur Anpassungsfähigkeit bei.

Der IWF hatte für 2026 ursprünglich eine leichte Anhebung der Wachstumsprognose erwartet, die nun aufgrund des Krieges zu einer Abwärtskorrektur führen wird. Das Ausmaß dieser Korrektur hängt von der Dauer des Konflikts und der Geschwindigkeit der Wiederherstellung ab.

Rolle des IWF und politische Herausforderungen

Der IWF rät Ländern in dieser Krise, keine Beschränkungen für den Handel mit Erdölprodukten zu verhängen, um die Situation nicht weiter zu verschärfen. Finanzielle Hilfen für Menschen und Unternehmen sollten gezielt und temporär erfolgen, da der fiskalische Spielraum vieler Länder durch frühere Schocks bereits stark eingeschränkt ist.

Die IWF-Chefin begrüßt die Bemühungen der beiden größten Volkswirtschaften, der USA und Chinas, Handelsspannungen abzubauen. Ein Treffen zwischen Präsident Trump und Präsident Xi im Mai wird als positives Signal gewertet, da Handelskriege keine Gewinner kennen. Der IWF hatte die negativen Auswirkungen der Trump-Zölle nicht so drastisch eingeschätzt wie andere, sondern eher eine Verlangsamung des Wachstums prognostiziert, die durch Anpassungen und vermehrte regionale Handelsabkommen abgefedert wurde.

Die Zukunft des Dollars und der Handel

Trotz der Volatilität und der Diskussionen über eine Erosion des Vertrauens in den US-Dollar, wie sie Christine Lagarde von der EZB äußerte, sieht Georgieva die Rolle des Dollars weiterhin als sehr bedeutsam an. Sie verweist auf die enormen Transaktionen und Vermögenswerte in US-Dollar sowie die Attraktivität der US-Wirtschaft für Investitionen aufgrund ihres hohen Produktivitätswachstums. Zwar sei die Welt multipolarer geworden, was zu einer Diversifizierung der Reserven führe, doch 75 Prozent der Finanzanlagen befänden sich in den USA. Die Nutzung von Kryptowährungen oder chinesischer Währung durch Länder wie den Iran zur Umgehung von Sanktionen sei eine natürliche Folge einer multipolaren Welt, stelle aber keine unmittelbare Bedrohung für die Dominanz des Dollars dar.

KI: Tsunami auf dem Arbeitsmarkt und Cyber-Risiken

Kristalina Georgieva beschreibt das Wachstum der Künstlichen Intelligenz (KI) als einen "Tsunami", der den Arbeitsmarkt treffen wird. Sie betont, dass die Welt darauf noch nicht ausreichend vorbereitet ist. Bereits heute erfordern in den USA 1 von 10 Arbeitsplätzen neue Fähigkeiten und bieten höhere Löhne, was wiederum die Nachfrage nach gering qualifizierten Arbeitskräften in Dienstleistungsbereichen erhöht. Gleichzeitig schrumpfen jedoch die mittleren, routinemäßigen Einstiegsjobs für junge Menschen rapide.

Georgieva warnt vor einer Zunahme der Ungleichheit durch KI, sowohl innerhalb als auch zwischen Ländern. Sie fordert eine verstärkte Konzentration auf die Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt, die Anpassung der Bildungssysteme und die Gestaltung des Geschäftsumfelds, um eine Spaltung in "große Gewinner und viele, viele Verlierer" zu verhindern.

Ein weiteres großes Anliegen sind die exponentiell wachsenden Cyber-Risiken. Ein dringendes Treffen des US-Finanzministers und des Fed-Vorsitzenden mit Wall-Street-Führern zur Diskussion über KI und neue Modelle wie das von Anthropic unterstreicht die Besorgnis. Georgieva betont die Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen für die Finanzstabilität in einer KI-Welt und warnt, dass die Fähigkeit, das internationale Währungssystem vor massiven Cyber-Risiken zu schützen, noch nicht ausreichend vorhanden ist. Eine enge Zusammenarbeit der Zentralbanken und anderer wichtiger Institutionen sei unerlässlich.

Die Rolle multilateraler Institutionen

Angesichts der rasanten Veränderungen in der Welt betont Georgieva die Notwendigkeit, dass multilaterale Institutionen wie der IWF sich anpassen und ihre Rolle neu definieren. Der IWF identifiziert Schlüsselrisiken und -chancen für die Weltwirtschaft und bringt seine Mitglieder zur Zusammenarbeit zusammen. Er ist die einzige Institution, die die Wirtschaft jedes Landes analysiert und in Krisenzeiten schnell umfassende finanzielle Unterstützung leisten kann. In einer Welt häufiger Schocks dient der IWF als Anker der Stabilität.

Unterstützung für die Ukraine

Der IWF ist der zweitgrößte ausländische Geber für die Ukraine nach den Vereinigten Staaten. Georgieva lobte die Ukraine für ihre bemerkenswerte Leistung, im fünften Kriegsjahr immer noch 34 Prozent des BIP an Steuereinnahmen zu generieren. Sie betonte, dass die Ukraine ein verantwortungsbewusster Partner sei und die finanzielle Unterstützung verdiene. 2026 sei ein kritisches Jahr, und das Land werde weiterhin internationale Unterstützung benötigen, insbesondere aus Europa. Der IWF hat ein neues Programm für die Ukraine aufgelegt, um Reformen zu fördern und die Glaubwürdigkeit für weitere massive Finanzhilfen zu sichern. Georgieva zeigte sich beeindruckt von der Entschlossenheit der Ukrainer, ihre Gesellschaft auch unter extremen Bedingungen funktionsfähig zu halten.

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