Kabul: Historisches Ariana Kino weicht Shoppingcenter – Kulturerbe in Gefahr

Kabul: Historisches Ariana Kino weicht Shoppingcenter – Kulturerbe in Gefahr

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Das historische Ariana Kino in Kabul, Afghanistan, einst ein kultureller Ankerpunkt und Treffpunkt für Filmliebhaber, wurde Mitte Dezember abgerissen, um Platz für ein neues Einkaufszentrum zu schaffen. Diese Entwicklung markiert nicht nur das Ende einer Ära für die afghanische Filmkultur, sondern wirft auch Fragen über die Prioritäten der Stadtentwicklung unter der Taliban-Regierung auf. Die Entscheidung, ein Kulturerbe zugunsten kommerzieller Interessen zu opfern, stößt auf breite Kritik.

Das Ende einer kulturellen Ikone

Das Ariana Kino, das 1963 seine Türen öffnete, war über Jahrzehnte hinweg ein Symbol für Kabuls kulturelles Leben. Es überstand Revolutionen und Kriege, darunter die sowjetische Invasion 1979 und den Bürgerkrieg 1992-1996, in dem es stark beschädigt wurde. Nach der Vertreibung der Taliban im Jahr 2001 wurde das Kino 2004 mit französischer Hilfe, unter anderem durch eine von Regisseur Claude Lelouch geführte Vereinigung und die Architekten Frederic Namur und Jean-Marc Lalo, wiederaufgebaut.

Es zeigte eine Vielfalt an Filmen, von beliebten Bollywood-Produktionen und amerikanischen Actionfilmen bis hin zu iranischen, russischen, englischen, französischen und europäischen Werken. Auch afghanische Filme, die aus der wiederbelebten heimischen Filmindustrie stammten, fanden hier ihren Platz. Für viele Afghanen, wie den Filmregisseur Amir Shah Talash, war das Ariana ein Ort, an dem die Liebe zum Film entstand und wichtige Erinnerungen geschaffen wurden. Sohaib Romi, ein pakistanischer Filmliebhaber, erinnerte sich an den indischen Film „Samjhauta“, den er 1974 im Ariana sah, und sagte: „Meine Erinnerungen sind in den Trümmern des Ariana Kinos begraben.“

Abriss für kommerzielle Entwicklung

Mitte Dezember begannen die Abrissarbeiten am Ariana Kino, und innerhalb einer Woche war von dem Gebäude nichts mehr übrig. Die Behörden in Kabul haben das Gelände für den Bau eines „standardmäßigen modernen Marktes“ vorgesehen. Niamatullah Barakzai, Sprecher der Stadtverwaltung Kabul, erklärte, dass Kinos selbst eine Art kommerzielle Aktivität seien und das Gebiet ein „komplett kommerzielles Gebiet“ mit Potenzial für einen guten Markt darstelle.

Die Stadtverwaltung beabsichtigt, das eigene Land zu entwickeln, um „gute Einnahmen aus ihren Ressourcen zu generieren und positive Veränderungen in der Stadt herbeizuführen“. Dies ist Teil einer breiteren Strategie, bei der bereits andere Kinos wie das Park Cinema in Kabul und das Khairkhana Cinema abgerissen wurden, oft um Platz für Märkte oder Moscheen zu schaffen. Auch Kinos in Provinzen wie Herat und Kandahar wurden unter Taliban-Dekreten geschlossen oder abgerissen.

Taliban-Politik und kulturelle Einschränkungen

Die Zerstörung des Ariana Kinos erfolgt im Kontext der strengen Auslegung des islamischen Rechts durch die Taliban-Regierung, die 2021 die Macht übernahm. Diese Auslegung hat zu weitreichenden Einschränkungen geführt, darunter Verbote der meisten Formen von Unterhaltung wie Filme und Musik. Kurz nach der Machtübernahme wurden alle Kinos angewiesen, den Betrieb einzustellen.

Am 13. Mai dieses Jahres wurde zudem die Auflösung der Afghan Film Administration bekannt gegeben. Die Vorführung und Verbreitung von „Live-Action“-Bildern ist unter den aktuellen Vorschriften verboten, was den formalen Kinobetrieb effektiv zum Erliegen bringt. Auch die Fakultät für Bildende Künste wurde aus dem Hochschullehrplan des Landes gestrichen, was die künstlerische Ausbildung und Kreativwirtschaft weiter schwächt.

Stimmen der Trauer und Kritik

Die Nachricht vom Abriss des Ariana Kinos löste bei vielen Afghanen und Kulturschaffenden tiefe Trauer aus. Amir Shah Talash, der seit 2004 in der afghanischen Filmindustrie tätig ist und seit der Machtübernahme der Taliban in Frankreich lebt, äußerte sich „sehr schmerzhaft und traurig“ über die Zerstörung. Er betonte: „Es ist nicht nur ein Gebäude aus Ziegeln und Zement, das zerstört wird, sondern die afghanischen Filmliebhaber, die trotz der Schwierigkeiten und schweren Sicherheitsprobleme Widerstand leisteten und ihre Kunst fortsetzten.“

Eine 65-jährige Einwohnerin Kabuls, die anonym bleiben wollte, sagte gegenüber AFP: „Es hat mir das Herz gebrochen, die Nachricht vom Abriss des Ariana Kinos. Wir hatten viele gute Erinnerungen an das Kino.“ Der französisch-afghanische Schriftsteller und Filmemacher Atiq Rahimi, dessen erster Film 2004 im Ariana gezeigt wurde, bezeichnete das Kino als „keine Ruine, die abgerissen werden sollte, sondern eine Erinnerung, die wiederbelebt werden sollte.“ Er fügte hinzu: „Diesmal ist es schlimmer: Es wird im Namen der 'Modernität' ausgelöscht. Eine seelenlose Modernität, ohne Bilder, ohne geteiltes Schweigen im Dunkeln.“

Die Zukunft der afghanischen Kunst

Trotz der Zerstörung des physischen Raumes bleibt für einige die Hoffnung auf die Kunst selbst bestehen. Amir Shah Talash bemerkte, dass Kunst nicht nur in Gebäuden wohnt. „Gebäude mögen einstürzen, aber Kunst lebt in den Köpfen und Herzen der Menschen weiter“, sagte er.

Die Eliminierung des Ariana Kinos ist jedoch ein weiterer Schlag gegen das kulturelle Erbe Afghanistans und verstärkt die Besorgnis von Filmemachern, Künstlern und zivilgesellschaftlichen Akteuren über den schrumpfenden Raum für kulturellen Ausdruck unter der Taliban-Herrschaft. Die Entscheidung, ein historisches Wahrzeichen für ein Einkaufszentrum zu opfern, symbolisiert für viele einen Rückschritt in der kulturellen Entwicklung des Landes.

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