KI-Boom im Patentrecht: Patlytics und DeepIP sichern Millionenfinanzierungen
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Der Markt für Legal Tech erlebt einen Aufschwung, insbesondere im Bereich des Patentrechts, wo spezialisierte KI-Lösungen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Während breite KI-Plattformen wie Harvey und Legora den Rechtsmarkt erobern, konzentrieren sich Startups wie Patlytics und DeepIP auf die komplexen und spezifischen Anforderungen des Patentwesens. Beide Unternehmen haben kürzlich beträchtliche Finanzierungsrunden abgeschlossen, um ihre innovativen KI-Plattformen weiter auszubauen.
Patlytics sichert 40 Millionen US-Dollar für Patentautomatisierung
Patlytics, gegründet von Paul Lee und Arthur Jen, hat exklusiv gegenüber Business Insider eine neue Finanzierungsrunde in Höhe von 40 Millionen US-Dollar bekannt gegeben. Diese Series B-Runde wurde von SignalFire angeführt, mit Beteiligung von N47 und Liquid2 Ventures sowie Branchengrößen wie Jeff Hammes, dem ehemaligen Vorsitzenden von Kirkland & Ellis, Antiportfolio Ventures und dem Legal Data-Intelligence-Riesen Relativity. Zuvor hatte Patlytics bereits 35 Millionen US-Dollar an Finanzmitteln erhalten, was die Gesamtfinanzierung auf 75 Millionen US-Dollar erhöht.
Das Startup automatisiert den gesamten Patentlebenszyklus, von Erfindungsmeldungen und Anmeldungen bis hin zu komplexem Portfoliomanagement und IP-Rechtsstreitigkeiten. Paul Lee, der seine Karriere als Investor bei Peter Thiels Mithril Capital und Tribe Capital begann, identifizierte das Patentrecht als einen "massiven, geheimen Markt", der reif für eine eigene Plattform ist. Patlytics setzt darauf, dass die Zukunft der Legal Tech nicht in breiten Plattformen liegt, sondern in Software, die die Komplexität spezialisierter Bereiche bewältigen kann.
Das Unternehmen verzeichnete 2025 ein zehnfaches Umsatzwachstum und arbeitet mit über 40 % der AmLaw 100 zusammen, den hundert umsatzstärksten Anwaltskanzleien in den USA. Zu den Kunden zählen Litigation-Titanen wie Quinn Emanuel und Susman Godfrey, sowie große Kanzleien wie Latham & Watkins, Morrison Foerster und McDermott Will & Emery. Auch Unternehmen wie Meta, Panasonic, Ford und Verizon nutzen Patlytics, um ihre Patentportfolios zu verwalten und zu "bereinigen", indem sie wertvolle Patente identifizieren und unrentable abstoßen. Im März wurde Patlytics von der Venture-Firma TRAC als eines der Unternehmen genannt, das am wahrscheinlichsten zum nächsten Unicorn aufsteigen wird.
DeepIP erreicht 40 Millionen US-Dollar für KI-gestützte Patentplattform
DeepIP, mit Hauptsitz in New York City und Paris, hat eine Series B-Finanzierungsrunde über 25 Millionen US-Dollar abgeschlossen, wodurch sich die Gesamtfinanzierung auf 40 Millionen US-Dollar erhöht. Die Runde wurde gemeinsam von Korelya Capital und Serena angeführt, mit Beteiligung von Headline und Balderton. Das 2024 von François-Xavier Leduc und Edouard d’Archimbaud gegründete Unternehmen hat in den letzten 18 Monaten ein zehnfaches ARR-Wachstum (Annual Recurring Revenue) erzielt.
DeepIP bietet eine KI-Plattform, die Patentfachleute über den gesamten Patentlebenszyklus hinweg unterstützt, von der frühen Innovation über die Anmeldung und Durchsetzung bis zur Portfoliostrategie. Das Besondere an DeepIP ist die Einbettung der KI direkt in die Umgebungen, in denen Patentarbeit bereits stattfindet, wie Microsoft Word und bestehende IP-Managementsysteme. Dies ermöglicht Teams, KI in ihre Arbeitsabläufe zu integrieren, ohne ihre Tools oder Prozesse ändern zu müssen. Laut DeepIP führt dies zu einer bis zu 20 % höheren Akzeptanz und 40 % höheren Nutzung im Vergleich zu eigenständigen KI-Tools.
François-Xavier Leduc, CEO und Mitbegründer von DeepIP, betont: "Die erste Welle der KI in der Patentpraxis konzentrierte sich auf die Beschleunigung einzelner Aufgaben. Aber Patentarbeit ist kumulativ. Sie erstreckt sich über Jahre, Teams, Entscheidungen... Wir haben DeepIP als das System aufgebaut, in dem diese Arbeit lebt, mit KI, die in den gesamten Workflow eingebettet ist, sodass Fachleute keine Fragmentierung verwalten oder den Kontext manuell übertragen müssen."
Die Plattform wird von Tausenden von Patentfachleuten in über 400 IP-Kanzleien und Unternehmens-IP-Teams in 25 Gerichtsbarkeiten und auf fünf Kontinenten genutzt. Zu den Kunden zählen Greenberg Traurig, Philips, Dexcom und Mewburn Ellis. DeepIP hat bisher über 40.000 Patentangelegenheiten unterstützt und sieht sich als das "System of Record" für KI-native Patentoperationen.
Spezialisierte KI als Antwort auf Marktfragmentierung
Der Markt für Patentrecht ist riesig und komplex. Laut der Patentdatenbank IFI Claims wurden im vergangenen Jahr über 393.000 Patentanmeldungen in den USA eingereicht. Das US Patent and Trademark Office arbeitet zudem einen massiven Rückstand an Anmeldungen in Bereichen wie Biopharma, Software und Halbleiter ab. Diese Dynamik schafft einen fruchtbaren Boden für spezialisierte Legal Tech Startups.
Paul Lee von Patlytics argumentiert, dass die Fokussierung auf das Patentrecht Patlytics einen Vorteil verschafft, den breitere Plattformen nicht leicht erreichen können. Er sieht es sogar positiv, wenn potenzielle Kunden bereits allgemeine KI-Tools wie Harvey oder Legora nutzen, da dies ein Zeichen für Budget und KI-Offenheit ist, aber gleichzeitig die Unzufriedenheit mit der mangelnden Spezialisierung für IP-Praktiken offenbart. Winston Weinberg, CEO von Harvey, bestätigte auf der Legalweek, dass Harvey plant, in andere Startups zu investieren, die hochspezialisierte Tools für Rechtsarbeit entwickeln, und nannte dabei explizit die Patententwurfserstellung als Interessengebiet.
Der Markt füllt sich mit Startups, die auf die Patentbranche abzielen, darunter Solve Intelligence, ein von Y Combinator unterstütztes Unternehmen, und Ankar, das 20 Millionen US-Dollar für den Aufbau eines "Betriebssystems" für Patentanwälte gesammelt hat. Trotz der zunehmenden Konkurrenz sehen sowohl Patlytics als auch DeepIP Raum für mehrere Gewinner. Lee von Patlytics vergleicht die heutige IP-Tech-Landschaft mit der Videokommunikation vor Zoom: ein überfülltes Feld von eng gefassten Tools für einmalige Aufgaben. Seine Vision ist es, diese Zersplitterung in einer einzigen Plattform zu bündeln und Patlytics zum "Harvey für Patentanwälte" zu machen.
DeepIP teilt diese Ansicht und betont, dass die Marktfragmentierung durch isolierte KI-Tools, die nur einzelne Aufgaben unterstützen, Reibung in einem Bereich erzeugt, in dem Genauigkeit, Nachvollziehbarkeit und Kontinuität entscheidend sind. Die Konsolidierung des Marktes ist bereits im Gange, da führende Unternehmen fragmentierte KI-Tools durch integrierte Infrastrukturplattformen ersetzen, die den Patentbetrieb von Anfang bis Ende unterstützen.