
KI-Kosten übersteigen menschliche Arbeit: Eine Kehrtwende in der Tech-Branche
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Während jüngste Entlassungswellen in der Tech-Branche den Eindruck erwecken könnten, ein großer Wandel von menschlicher Arbeit zu Künstlicher Intelligenz (KI) sei bereits im Gange, zeigt sich ein überraschendes Bild: Die Kosten für KI-Tools übersteigen in vielen Fällen die Ausgaben für menschliche Mitarbeiter. Dies stellt die Annahme infrage, dass KI automatisch zu Kosteneinsparungen führt.
Die unerwartete Kostenfalle der KI
Die Tech-Branche erlebt derzeit eine paradoxe Entwicklung. Unternehmen wie Meta kündigten kürzlich die Entlassung von 10 % ihrer Belegschaft (etwa 8.000 Mitarbeiter) an und stoppten Pläne für 6.000 offene Stellen, um effizienter zu werden. Auch Microsoft bot Tausenden Mitarbeitern freiwillige Abfindungen an. Gleichzeitig investieren diese Firmen massiv in KI, obwohl die Technologie oft teurer ist als menschliche Arbeitskraft.
Bryan Catanzaro, Vice President of Applied Deep Learning bei Nvidia, bestätigte gegenüber Axios: „Für mein Team sind die Kosten für Rechenleistung weit höher als die Kosten für die Mitarbeiter.“ Eine MIT-Studie aus dem Jahr 2024 untermauert diese Erfahrung. Sie ergab, dass KI-Automatisierung nur in 23 % der Rollen, in denen visuelle Aufgaben primär sind, wirtschaftlich rentabel wäre. In den restlichen 77 % der Fälle war es günstiger, menschliche Arbeitskräfte einzusetzen.
Steigende Ausgaben trotz Effizienzversprechen
Trotz fehlender klarer Belege für eine verbesserte Produktivität durch KI und keiner umfassenden Daten zur Verdrängung von Arbeitsplätzen durch KI (laut Yale Budget Lab) pumpen Big-Tech-Firmen enorme Summen in die Technologie. Morgan Stanley zufolge belaufen sich die Kapitalausgaben in diesem Jahr bisher auf 740 Milliarden US-Dollar, ein Anstieg von 69 % gegenüber 2025. Das globale IT-Spending wird laut Gartner 2026 voraussichtlich 6,31 Billionen US-Dollar erreichen, ein Plus von 13,5 % gegenüber 2025, angetrieben durch KI.
Diese massiven Investitionen führen zu Budgetproblemen. Praveen Neppalli Naga, Chief Technology Officer von Uber, berichtete The Information, dass das Budget für KI-Codierungstools wie Anthropic’s Claude Code bereits früh im Jahr 2026 aufgebraucht war. „Ich bin wieder am Zeichenbrett, weil das Budget, das ich dachte zu brauchen, bereits verbraucht ist“, so Naga. Die Ausgaben für KI-Tools können schnell explodieren, insbesondere durch die Nutzung von "Tokens" – den Informationseinheiten, die KI-Modelle verarbeiten.
Warum KI teurer ist als menschliche Arbeit
Die Diskrepanz zwischen den hohen KI-Ausgaben und der oft günstigeren menschlichen Arbeit ist laut Keith Lee, Professor für KI und Finanzen an der Gordon School of Business des Swiss Institute of Artificial Intelligence, ein „kurzfristiges Missverhältnis“. Die Betriebskosten für KI-Anbieter werden durch hohe Hardware- und Energiekosten in die Höhe getrieben. McKinsey-Daten zeigen, dass die KI-Ausgaben bis 2023 5,2 Billionen US-Dollar erreichen könnten, davon 1,6 Billionen US-Dollar für Rechenzentren und 3,3 Billionen US-Dollar für IT-Ausrüstung. Bis 2030 könnten sie auf 7,9 Billionen US-Dollar ansteigen.
Zudem sind die Gebühren für KI-Software im letzten Jahr um 20 % bis 37 % gestiegen, wie das Ausgabenmanagement-Unternehmen Tropic im Dezember feststellte. Flatrate-Abonnementmodelle decken oft nicht die Betriebskosten für intensive KI-Nutzer ab. Ein Beispiel: Das Betreiben eines großen Sprachmodells für 1.000 Anfragen kann 150 US-Dollar an Rechenressourcen kosten, während ein menschlicher Operator zum Mindestlohn etwa 100 US-Dollar kosten würde.
Der Weg zur wirtschaftlichen Rentabilität
Experten sehen jedoch Anzeichen für einen Wendepunkt in der wirtschaftlichen Rentabilität von KI. Keith Lee prognostiziert, dass die Kosten für die Nutzung von KI erheblich sinken werden. Laut Gartner wird die Inferenzleistung für ein großes Sprachmodell mit einer Billion Parametern in den nächsten vier Jahren um über 90 % fallen. Auch die KI-Infrastruktur wird sich verbessern, und das Design von Modellen sowie die Hardwareversorgung werden folgen.
Zudem könnten KI-Unternehmen ihre Preismodelle ändern und von Flatrate-Abonnements auf nutzungsbasierte Abrechnungen umstellen. Die Zukunft der wirtschaftlichen Rentabilität hängt auch davon ab, ob die Technologie ihre Zuverlässigkeit unter Beweis stellt, weniger Halluzinationen aufweist und weniger menschliche Aufsicht benötigt. Laut Federal Reserve Daten haben bis Ende 2025 etwa 18 % der Unternehmen KI-Tools eingeführt, ein Wachstum von 68 % seit September 2025.
Die Rolle der KI im Unternehmen neu bewerten
Angesichts der aktuellen Kostenstruktur beginnen einige Unternehmen, KI nicht mehr als reinen Kostenersatz für menschliche Arbeit zu sehen, sondern als ergänzendes Werkzeug. Dies gilt zumindest, bis sich die Kostenstruktur stabilisiert. Keith Lee betont: „Es geht nicht nur darum, dass KI billiger wird als Menschen. Es geht darum, sowohl billiger als auch im großen Maßstab vorhersehbarer zu werden.“
Aktionäre und Vorstandsmitglieder fordern zunehmend Nachweise, dass die massiven KI-Ausgaben langfristig Erträge liefern und Produktivitätssteigerungen oder klare Renditen erzielen. Während KI Vorteile wie den 24/7-Betrieb ohne Ermüdung und eine Produktivitätssteigerung von 20-40 % in Hochvolumen-Szenarien bieten kann, bleibt sie für Aufgaben, die menschliches Urteilsvermögen erfordern, oft unpraktisch und birgt das Risiko erhöhter Fehlerquoten.