
KI-Rechtsberatung: Risiken für vermögende Mandanten und das Anwaltsgeheimnis
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Vermögende Privatpersonen wenden sich zunehmend an Künstliche Intelligenz (KI) wie ChatGPT oder Claude, um Rechtsberatung einzuholen oder die Empfehlungen ihrer Anwälte zu hinterfragen. Dieser Trend, der sich in der Finanzwelt abzeichnet, birgt jedoch ernsthafte Risiken, die von falschen Ratschlägen bis hin zum Verlust des essenziellen Anwaltsgeheimnisses reichen können. Anwälte warnen eindringlich vor den potenziellen Fallstricken dieser neuen Beratungsform.
KI-Rechtsberatung: Eine wachsende Tendenz
Tasha Dickinson, Partnerin bei Day Pitney, berichtet von wöchentlichen Anfragen ihrer Mandanten, die sich auf Rechtsberatung von KI-Chatbots beziehen. Auch wenn einige dies nicht direkt zugeben, erkennt sie die Herkunft der Fragen oft an deren Art. Diese Entwicklung zeigt, dass KI nicht nur zur Recherche von Steuerthemen genutzt wird, sondern auch, um die Expertise von Rechtsanwälten zu überprüfen.
Einige Anwälte sehen in der KI durchaus einen Nutzen, da sie Mandanten helfen kann, informierte Fragen zu stellen und grundlegende Konzepte zu verstehen. Doch die Kehrseite sind Kopfschmerzen und rechtliche Risiken, die durch die unkritische Übernahme von KI-Vorschlägen entstehen können.
Fallbeispiele zeigen die Tücken der KI
Ein prominentes Beispiel liefert Tasha Dickinson: Ein wohlhabender Mandant aus Florida fragte sie nach der Einrichtung eines Community Property Trusts, einer attraktiven Option für Ehepaare zur Steuerersparnis für Erben. Die Empfehlung stammte von einer KI. Dickinson musste den Mandanten jedoch darauf hinweisen, dass seine Frau kürzlich verstorben war. "Ich sagte: 'Nun, Sie verstehen doch, dass ein Community Property Trust zwischen Ehemann und Ehefrau besteht, oder?' Und es herrschte Stille am Telefon", so Dickinson. Die KI hatte zwar eine Strategie vorgeschlagen, die "im Universum" vielleicht gut ist, aber nicht für die spezifische Situation des Mandanten passte.
Robert Strauss, Partner bei Weinstock Manion, berichtet ebenfalls von Mandanten, die Treuhanddokumente in KI-Systeme hochgeladen haben. Sie kehren dann mit einer Liste von Fragen und Änderungsvorschlägen zurück, die Strauss dazu zwingen, seine Arbeit zu verteidigen und zu erklären, warum die KI-Empfehlungen für die jeweilige Situation ungeeignet sind.
Zusätzlicher Aufwand und Vertrauensverlust
Die Überprüfung und Korrektur von KI-generierten Vorschlägen führt zu einem erheblichen Mehraufwand. Strauss schätzt, dass er "zwei, drei, vier Stunden" zusätzlich aufwenden muss, um sich mit Empfehlungen auseinanderzusetzen, die bisher "zu nichts geführt haben". Er habe noch keinen einzigen brauchbaren Vorschlag aus diesem Prozess erhalten.
Das Ergebnis dieses zusätzlichen Aufwands ist oft ein Vertrauensverlust seitens des Mandanten in seinen Anwalt. Die Notwendigkeit, die Arbeit des Anwalts durch eine KI zu "zweiteilen", kann die Beziehung belasten und die Effizienz der Rechtsberatung mindern.
Das größte Risiko: Verlust des Anwaltsgeheimnisses
Was Anwälte wie Strauss und Dickinson am meisten beunruhigt, ist die Preisgabe sensibler Informationen an große Sprachmodelle (LLMs). Dies wirft ernsthafte Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und rechtliche Fallstricke auf. Strauss' Kanzlei überarbeitet derzeit ihre Mandantenverträge, um Klienten davor zu warnen, dass die Nutzung von KI-Chatbots das Anwaltsgeheimnis aufheben kann.
Tasha Dickinson betont: "Was mich nachts wachhält, wenn es um KI geht? Es ist nicht, dass KI manchmal falsch liegt, denn diese Fehler kann ich korrigieren. Und es ist nicht, dass Leute meine Arbeit mit KI überprüfen, denn ich habe viel Vertrauen in meine Arbeit." Ihre größte Sorge ist, dass Mandanten durch das Hochladen von Dokumenten und die Durchführung von Suchanfragen in KI-Systemen das Anwaltsgeheimnis aufgeben. Dies sei ein "riesiges Problem".
Ein Bundesrichter urteilte im Februar, dass die Gespräche eines Strafverteidigers mit Claude über seine Verteidigungsstrategie nicht durch das Anwaltsgeheimnis geschützt waren. Dies unterstreicht die Dringlichkeit dieser Problematik.
Warnungen von Finanzexperten
Dan Griffith, Direktor für Vermögensstrategie bei der Huntington Bank, warnt ebenfalls vor den Konsequenzen. Die Frage an einen Chatbot, wie man beispielsweise Vermögenswerte mit einem Ehevertrag schützt oder wie man sein Geschäft mit weniger Steuern verkauft, könnte im Falle eines Rechtsstreits gegen den Fragesteller verwendet werden. Die scheinbar harmlose Suche nach Informationen kann somit weitreichende und negative rechtliche Folgen haben.