
Kiruna zieht um: Europas Rohstoffhunger fordert eine ganze Stadt
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Die schwedische Stadt Kiruna, 145 Kilometer nördlich des Polarkreises gelegen, erlebt eine der radikalsten urbanen Transformationen weltweit. Tausende Bewohner und Gebäude werden umgesiedelt, da die Expansion der unterirdischen Eisenerzmine des staatlichen Unternehmens LKAB zu Bodensenkungen führt. Dieses multi-dekadische Projekt, das voraussichtlich bis 2035 abgeschlossen sein wird, ist ein direktes Resultat von Europas wachsendem Bedarf an kritischen Rohstoffen.
Die Notwendigkeit der Umsiedlung
Kiruna wurde vor 125 Jahren als Bergbaustadt für die Eisenerzförderung von LKAB gegründet. Die Abhängigkeit von diesem Industriezweig prägt das Leben der Gemeinschaft. Mats Taaveniku, Vorsitzender des Gemeinderats in Kiruna, fasst die Situation zusammen: "Jeder Bewohner in Kiruna weiß, dass wir früher oder später aus unseren Häusern ausziehen müssen, weil wir von dieser Bergbauindustrie abhängig sind." Die Stadt dient nicht nur als Heimat der weltweit größten unterirdischen Eisenerzmine, sondern auch als bedeutendes europäisches Raumfahrtzentrum.
LKAB: Ein regionaler Gigant mit globaler Relevanz
Obwohl LKAB im globalen Vergleich klein ist, spielt das Unternehmen eine entscheidende regionale Rolle und fördert 80 % des gesamten in der Europäischen Union abgebauten Eisenerzes, das für die Stahlproduktion unerlässlich ist. Am 12. Januar gab LKAB zudem die Entdeckung des größten bekannten Vorkommens seltener Erden in Europa bekannt. Diese Materialien sind für die grüne Transformation von großer Bedeutung und stärken die Position des Unternehmens bei der Gewinnung essenzieller Rohstoffe. Die EU hat dieses Vorkommen im Rahmen ihres Critical Raw Materials Act als strategisch wichtig eingestuft, mit dem Ziel, bis 2030 40 % des jährlichen Bedarfs der Region durch heimische Produktion zu decken.
Die Herausforderungen der Stadtverlagerung
Die Umsiedlung Kirunas, die erstmals 2004 geplant wurde, ist ein "riesiges Projekt", wie Mats Taaveniku es beschreibt. Es birgt politische, wirtschaftliche und ökologische Bedenken. Sowohl die Gemeinde als auch LKAB fordern mehr finanzielle Unterstützung vom Staat und die Freigabe weiterer Flächen für die Transformation. Zudem gibt es Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen auf die indigene samische Rentierhaltung und Kultur.
Ein spektakuläres Ereignis war die Verlegung der 113 Jahre alten Kiruna Kyrka im August 2025. Das 672,4 Tonnen schwere Holzgebäude wurde in einer ingenieurtechnischen Meisterleistung über zwei Tage hinweg 3 Kilometer weit transportiert. Gleichzeitig kündigte LKAB an, dass die Erweiterung der Eisenerzmine die Umsiedlung von weiteren 6.000 Menschen und 2.700 Häusern erforderlich machen würde. LKAB, als verantwortliches Unternehmen, schätzt die Entschädigungskosten auf 22,5 Milliarden SEK (2,4 Milliarden USD) über die nächsten zehn Jahre. Niklas Johansson, Senior Vice President of Public Affairs and External Relations bei LKAB, erklärte, dass den Betroffenen der Marktwert ihrer Immobilie plus 25 % oder der Bau eines neuen Hauses angeboten werde. Rund 90 % der Bewohner haben sich für ein neues Haus entschieden.
Die Perspektive der Bewohner und der Politik
Die emotionale Belastung für die Bewohner ist spürbar. Mats Taaveniku berichtet: "Einige Bürger sind traurig, weil sie viele Erinnerungen verlieren werden. Sie sind zwei oder vielleicht drei Generationen in einem Haus aufgewachsen, das ist traurig." Dennoch herrscht ein breites Verständnis für die Notwendigkeit: "Aber andererseits weiß jeder, wir leben von den Mineralien. Kiruna ist auf den Mineralien aufgebaut."
Die Umsetzung des Projekts erfordert jedoch mehr als nur die Zustimmung der Bevölkerung. Taaveniku spricht von einem "großen Kampf" zwischen der Gemeinde, LKAB und der schwedischen Regierung. Er fordert auch die Europäische Union auf, "uns zu unterstützen. Es reicht nicht aus, eine Entscheidung zu treffen, dass wir kritische und strategische Mineralien haben. Sie müssen uns mit politischen Erklärungen und natürlich mit Geld unterstützen."
Klimatische Bedenken am neuen Standort
Ein Aspekt, der bei der Umsiedlung Bedenken hervorruft, ist die potenzielle Kälte am neuen Standort Kirunas. Eine Studie der Universität Göteborg ergab, dass das neue Stadtzentrum in einem Rastermuster in einem Bereich angelegt ist, in dem sich kalte Luft sammelt. Hohe Gebäude und enge Straßen könnten dazu führen, dass die tief stehende Sonne viele Monate im Jahr Schwierigkeiten hat, den Boden zu erreichen, was die Temperaturen im Winter um bis zu 10 Grad Celsius kälter machen könnte.