
Kupfer und Aluminium: Wie der Nahost-Konflikt Rohstoffmärkte spaltet
ℹKeine Anlageberatung • Nur zu Informationszwecken
Der anhaltende Konflikt im Nahen Osten hat sich zu einem der schwerwiegendsten Energieschocks der jüngeren Zeit entwickelt und beeinflusst globale Handelsströme sowie Rohstoffmärkte. Während Aluminium aufgrund von Versorgungsengpässen stark ansteigt, könnte Kupfer paradoxerweise durch eine nachlassende Nachfrage in einen Überschuss geraten. Diese Divergenz zeigt die komplexen und asymmetrischen Auswirkungen der Krise auf die Weltwirtschaft.
Der Nahost-Konflikt und seine globalen Auswirkungen
Die Internationale Energieagentur (IEA), der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank stufen den Nahost-Konflikt nach vier Wochen als einen der gravierendsten Energieschocks der jüngeren Geschichte ein. Über die humanitären Folgen hinaus stört der Konflikt globale Handelsströme, treibt die Volatilität an den Öl- und Rohstoffmärkten an und verstärkt Inflationsrisiken.
Als Reaktion darauf haben diese Institutionen eine koordinierte Gruppe gebildet. Diese Gruppe überwacht die "asymmetrischen" Auswirkungen der Krise, insbesondere auf Länder mit niedrigem Einkommen und fragile Lieferketten. Bislang zeigen sich die Auswirkungen der Krise polarisierend: Energie- und Aluminiummärkte sehen sich unmittelbaren Versorgungsengpässen gegenüber, während der breitere makroökonomische Schock Industriemetalle wie Kupfer paradoxerweise in einen Überschuss drängen könnte.
Aluminium unter Druck: Engpässe und Preisanstieg
Nirgendwo ist der Angebotsschock deutlicher sichtbar als im Aluminiummarkt, wo die Straße von Hormus zu einem kritischen Engpass geworden ist. Raketen- und Drohnenangriffe auf große Produzenten wie Emirates Global Aluminum (EGA) und Aluminium Bahrain (Alba) haben den Betrieb eingestellt. EGA meldete "erhebliche Schäden", während Alba das Ausmaß der Auswirkungen bewertet.
Laut ING, wie von Bloomberg berichtet, wurden etwa 3 Millionen Tonnen Jahreskapazität – fast die Hälfte der Produktion im Nahen Osten – stillgelegt. Die Krise geht über physische Schäden hinaus, da die effektive Schließung der Straße von Hormus den Fluss von Aluminiumoxid, dem wichtigsten Ausgangsstoff für die Aluminiumschmelze, drosselt. Bis zu 60 % der Aluminiumoxidversorgung der Region passieren die Meerenge, was bedeutet, dass selbst intakte Anlagen vor drohenden Engpässen stehen.
Dieser doppelte Schock aus Produktionsausfällen und eingeschränkten Inputs hat die Preise an der London Metal Exchange (LME) stark ansteigen lassen. Aluminium notiert um 3.500 US-Dollar pro Tonne und liegt damit nahe Vierjahreshochs. Der LME Aluminium 3M Select wurde bei 3.498 US-Dollar gehandelt. Produzenten wie Alcoa Corporation und Century Aluminum Company verzeichneten seit Beginn des Konflikts Kursanstiege von 12,45 % bzw. 23,66 %.
Trotz der Eskalationsrhetorik und der Bedenken über die Stilllegung von Schmelzanlagen im Golf sank Aluminium zeitweise um 3 % auf 3.424 US-Dollar pro Tonne. ING-Rohstoffstrategin Ewa Manthey kommentierte, dass die aktuelle Preisgestaltung das Schlagzeilenrisiko widerspiegele, nicht aber die vollen physischen Auswirkungen, insbesondere wenn die Stilllegungen anhalten oder sich ausweiten. Der Cash-LME-Aluminiumkontrakt wurde mit einem deutlichen Aufschlag von 67,25 US-Dollar pro Tonne gegenüber dem Dreimonats-Terminkontrakt gehandelt, was auf eine kurzfristige Knappheit hindeutet.
Kupfer im Tauziehen: Nachfragesorgen dominieren
Kupfer hingegen erzählt eine andere Geschichte. Während Aluminium eine angebotsgetriebene Rallye erlebt, sieht sich Kupfer einem nachfragegetriebenen Risiko gegenüber. Analysten von Bloomberg Intelligence warnten, dass ein Anstieg der Ölpreise über 150 US-Dollar pro Barrel das globale Wachstum erheblich stören würde. Eine solche Verlangsamung würde die industrielle Nachfrage nach Kupfer, das eng mit Bau, Fertigung und Infrastruktur verbunden ist, schmälern.
Unter diesem Szenario könnte der Kupfermarkt von einem Defizit in einen Überschuss von 100.000 bis 200.000 Tonnen umschlagen. Preise, die kürzlich über 12.000 US-Dollar pro Tonne lagen, könnten unter 10.000 US-Dollar fallen, da die Lagerbestände steigen und der Verbrauch nachlässt. Der LME Copper 3M Select wurde bei 12.350,50 US-Dollar gehandelt.
Erschwerend kommen steigende Inputkosten und Lieferkettenstörungen hinzu. Bloomberg Intelligence schätzt, dass die energiegetriebene Inflation die Stückkosten im Bergbau um 10 % bis 20 % erhöhen könnte. Engpässe bei Schwefelsäure, die für die Kupferverarbeitung entscheidend ist, treten als Einschränkung auf. Die Situation ist in der Demokratischen Republik Kongo kritisch, wo bis zu 60 % der Produktion von Schwefelimporten aus dem Golf abhängen. Der Krieg schafft somit eine komplexe Situation, in der Versorgungsengpässe die Produktion begrenzen könnten, aber eine schwächere Nachfrage den Markt dennoch in einen Überschuss drängen könnte.
Kupfer fiel an einem Donnerstag zum ersten Mal seit fünf Sitzungen, da erneute Anlegerbedenken hinsichtlich des Wirtschaftswachstums aufkamen, nachdem US-Präsident Donald Trump weitere Angriffe auf den Iran ankündigte und keinen spezifischen Zeitplan für ein Ende des Nahost-Konflikts nannte. Der Benchmark-Dreimonats-Kupfer an der LME sank um 1,6 % auf 12.235,50 US-Dollar pro metrische Tonne. Alexandre Claude, CEO von DBX Commodities, merkte an: "Kupfer handelt derzeit eher wie ein makrosensitives Risiko-Asset, das sich im Einklang mit Aktien bewegt, da die Stimmung hinsichtlich des Makroausblicks und der geopolitischen Unsicherheit nachlässt." Die hohen Lagerbestände belasten ebenfalls; die LME-Kupferbestände von 364.450 Tonnen sind die höchsten seit fast acht Jahren. Trotz einer öffentlichen Zusage Ende letzten Jahres, die Produktion um mehr als 10 % zu kürzen, planen große chinesische Schmelzereien, ihre Produktion im Jahr 2026 zu erhöhen oder beizubehalten.
Die komplexe Divergenz: Angebot vs. Nachfrage
Die unterschiedliche Entwicklung von Aluminium und Kupfer verdeutlicht die vielschichtigen Auswirkungen des Nahost-Konflikts. Während Aluminium direkt von physischen Versorgungsunterbrechungen und Engpässen an kritischen Transportwegen wie der Straße von Hormus betroffen ist, reagiert Kupfer stärker auf die makroökonomischen Folgen.
Die Angst vor einer globalen Konjunkturabschwächung, ausgelöst durch steigende Energiepreise und Inflationsrisiken, dämpft die Nachfrage nach dem Industriemetall Kupfer. Dies könnte zu einem paradoxen Überschuss führen, selbst wenn die Produktionskosten für Bergbauunternehmen steigen und Lieferketten gestört sind.
Ausblick und Marktstimmung
Die Marktstimmung bleibt volatil, beeinflusst durch geopolitische Entwicklungen und die Unsicherheit über die Dauer und Intensität des Konflikts. Eine kurzzeitige Hoffnung auf ein schnelles Ende des Iran-Krieges, signalisiert durch US-Präsident Trump, führte zu einer Erholung risikoreicherer Vermögenswerte, einschließlich Kupfer. Diese Erholung war jedoch nur von kurzer Dauer, als die Hoffnungen auf ein schnelles Ende schwanden.
Die Basis-Metalle – mit Ausnahme von Aluminium – standen im März unter starkem Abwärtsdruck. Anzeichen einer verbesserten Nachfrage im wichtigen chinesischen Markt, insbesondere nach einem Preisrückgang unter 12.000 US-Dollar pro Tonne in der zweiten Märzhälfte, sowie steigende Importprämien und fallende Lagerbestände in China, könnten dem Kupfermarkt eine gewisse Unterstützung bieten.