
Lohnauszahlungs-Apps: Verdeckte Kosten in der Erschwinglichkeitskrise
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Eine neue Generation von Lohnauszahlungs-Apps, bekannt als Earned Wage Access (EWA)-Dienste, wird zunehmend kritisiert. Obwohl sie als flexible Möglichkeit beworben werden, auf bereits verdientes Gehalt zuzugreifen, ähneln viele dieser Anwendungen in ihrer Funktionsweise traditionellen Payday Loans und verschärfen die finanzielle Notlage vieler Menschen. Sie nutzen manipulative "Dark Patterns" und Gebührenstrukturen, um Gewinne aus Personen zu ziehen, die bereits mit der Erschwinglichkeitskrise kämpfen.
EWA-Apps: Payday Loans auf Steroiden?
Viele Unternehmen, die sogenannte Earned Wage Access-Dienste anbieten, verfolgen ein Geschäftsmodell, das dem traditioneller Payday Lenders gleicht. Sie locken finanziell angeschlagene Arbeitnehmer in einen Teufelskreis aus wiederholten Kreditaufnahmen und steigenden Kosten. Anstatt über physische Filialen zu agieren, erleichtern Apps eine wesentlich häufigere Nutzung und setzen auf "Dark Patterns", die Gebühren vervielfachen. Obwohl oft als "zinslos" beworben, zeigen Daten von Forschern, Regulierungsbehörden und der Branche selbst, dass 90 % der Kredite Gebühren beinhalten. Kostenlose Optionen werden dabei oft langsam, unbequem und schwer zugänglich gemacht, um Nutzer zur Zahlung von Gebühren zu bewegen.
Versteckte Gebühren und manipulative Praktiken
Die Kosten, die durch diese Apps entstehen, können erheblich sein. Ein Beispiel ist MoneyLion: Laut einer Klage des Staates New York entstehen einem von fünf Nutzern regelmäßig Gebühren und Trinkgelder in Höhe von 57 US-Dollar pro Monat. Die Klage behauptet zudem, dass MoneyLion die Größe einzelner Kredite begrenzt, was Arbeitnehmer dazu zwingt, innerhalb weniger Minuten mehrere Kredite mit mehreren Gebühren aufzunehmen, um den beworbenen Betrag sofort zu erhalten.
Ein weiterer Anbieter, DailyPay, bewirbt "enorme Vorteile für den Arbeitgeber … alles zum Preis von 0 US-Dollar für das Unternehmen". Gegenüber Investoren prahlt DailyPay jedoch damit, über 300 US-Dollar pro Jahr von Geringverdienern zu kassieren. Ein Arbeitnehmer zahlte innerhalb von zwei Jahren fast 1.400 US-Dollar für 450 Kredite. Laut einer Klage des Staates New York stammen 80 % der jüngsten Einnahmen von DailyPay von Arbeitnehmern, die über 100 Kredite pro Jahr aufnahmen. Fast die Hälfte aller Gebühren wird von Arbeitnehmern gezahlt, die im Durchschnitt jeden zweiten Tag einen Kredit aufnehmen.
Auch EarnIn verlangte von Nutzern, die einen Vorschuss ohne Gebühr erhalten wollten, 14 zusätzliche Klicks und 17 Nachrichten, die erklärten, warum sie Trinkgeld geben sollten. Die Kosten für einzelne Kreditgeber sind dabei nur ein Teil des Bildes, da die Stapelung von Krediten aus mehreren Apps sowie die verstärkte Nutzung traditioneller Payday Loans verbreitet ist.
Dominoeffekt: Überziehungs- und NSF-Gebühren
Die finanziellen Belastungen beschränken sich nicht nur auf die direkten App-Gebühren. Überziehungsgebühren steigen oft, nachdem Nutzer diese Apps verwenden. Eine Studie ergab, dass die Hälfte der Nutzer in den drei Monaten vor der App-Nutzung keine Überziehungsgebühren hatte, danach jedoch durchschnittlich 2,3 und bis zu 35 in den folgenden drei Monaten. Bei 35 US-Dollar pro Gebühr könnten das allein 322 US-Dollar pro Jahr an Überziehungsgebühren sein. Eine von EarnIn gesponserte Studie zeigte zudem, dass Gebühren für unzureichende Deckung (NSF-Gebühren) ebenfalls ansteigen, und zwar mit einer Rate von einer Gebühr pro 13 Krediten. Für diejenigen, die 100 Kredite pro Jahr aufnehmen, könnten das 269 US-Dollar pro Jahr an NSF-Gebühren bedeuten.
Die Erschwinglichkeitskrise als Nährboden
Die Zunahme solcher Finanz-Apps ist eng mit der allgemeinen Erschwinglichkeitskrise verbunden. Insbesondere an der Westküste der USA geben fast 50 % der Befragten an, mindestens 100.000 US-Dollar verdienen zu müssen, um über die Runden zu kommen. Dies liegt an den hohen Lebenshaltungskosten, insbesondere für Wohnraum. Die Hälfte aller Vollzeitbeschäftigten in dieser Region gibt an, dass ihre Hypotheken- oder Mietzahlungen die traditionelle Erschwinglichkeitsgrenze von 30 % übersteigen.
Um mit den steigenden Kosten Schritt zu halten, sind Nebenjobs für viele unerlässlich geworden. Laut ResumeGenius verdienen 23 % der Befragten Geld mit Krypto und Aktien, 21 % mit Gig-Diensten wie Uber und DoorDash und 17 % mit freiberuflicher Arbeit. Diese zusätzlichen Einkommensströme zeigen den Druck, unter dem viele Haushalte stehen, und schaffen gleichzeitig eine Anfälligkeit für schnelle, aber teure Finanzlösungen wie EWA-Apps.
Regulatorische Herausforderungen und legislative Bestrebungen
Die Regulierung dieser neuen Finanzprodukte ist komplex. Das Consumer Financial Protection Bureau (CFPB) hat überraschend angekündigt, die endgültige Payday Lending-Regel nicht durchzusetzen oder zu überwachen und plant, den Geltungsbereich der Regel einzugrenzen. Dies hat zu einem Rückzug der Bundesaufsicht geführt.
Gleichzeitig haben die Bundesstaaten ihre Durchsetzungs- und Regulierungstätigkeiten verstärkt, insbesondere in Bereichen wie Fintech. Der Staat New York hat bereits Klagen gegen MoneyLion und DailyPay eingereicht.
Auf Bundesebene wird jedoch ein Gesetzentwurf von Abgeordneten Bryan Steil (R-Wis.) in Betracht gezogen, der staatliche Zinssatz- oder Gebührenobergrenzen für diese Payday Loan-Apps außer Kraft setzen würde. Er würde sie auch von der 36%-Zinsobergrenze des Military Lending Act und anderen Schutzmaßnahmen für Militärangehörige ausnehmen. Sollte dieser Gesetzentwurf verabschiedet werden, würden Militärangehörige darunter leiden. Ähnliche Gesetzentwürfe werden auch in den Bundesstaaten diskutiert.
Die Argumentation, dass diese Earned Wage Payday Loans keine Kredite seien, wurde bereits von acht von acht Gerichten, in denen sie vorgebracht wurde, zurückgewiesen. Die in den Gesetzentwürfen vorgesehenen Offenlegungen und vagen, schwachen Schutzmaßnahmen verhindern keine unerschwinglichen Gebühren. Ohne Kostenbegrenzungen sind die potenziellen Kosten nach oben offen.
Fazit: Die Notwendigkeit klarer Grenzen
Der einzige Weg, die explodierenden Kosten bei Payday Loan-Apps zu begrenzen, ist offensichtlich: feste Kostenlimits. Dies könnte in Form von jährlichen prozentualen Zinssatzgrenzen (APR-Limits) oder umfassenden monatlichen Gebührenobergrenzen geschehen, wie sie in vielen staatlichen Gesetzen und dem Military Lending Act vorgesehen sind. Nur so kann verhindert werden, dass diese Apps Menschen in eine Schuldenfalle locken und die Erschwinglichkeitskrise weiter verschärfen.