Mittelsmänner und Gig Economy: Die neue Macht in der US-Wirtschaft

Mittelsmänner und Gig Economy: Die neue Macht in der US-Wirtschaft

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Die Vision des Internets als direkter Marktplatz, der Mittelsmänner überflüssig macht, hat sich nicht erfüllt. Stattdessen hat das digitale Zeitalter eine neue Klasse von Vermittlern hervorgebracht, die zunehmend die US-Wirtschaft dominieren. Parallel dazu erlebt die Gig Economy einen beispiellosen Aufschwung, der die Arbeitswelt grundlegend verändert und neue Fragen zur Verteilung von Macht und Wertschöpfung aufwirft.

Die unerwartete Macht der Mittelsmänner

Bill Gates prognostizierte 1995 in seinem Buch "The Road Ahead", dass das Internet den elektronischen Marktplatz erweitern und zum ultimativen Vermittler machen würde, wodurch in Transaktionen oft nur Käufer und Verkäufer direkt involviert wären. Diese Vorhersage erwies sich als unzutreffend. Stattdessen entstand eine neue Generation kommerzieller Vermittler. Amazon verbindet Käufer mit Verkäufern, Uber dient als Bindeglied zwischen Fahrern und Passagieren, und DoorDash vermittelt Essenslieferungen gegen eine Gebühr. Während einige analoge Mittelsmänner wie Reisebüros verschwanden, haben andere in Branchen wie Pharma und Fleischverarbeitung ihren Einfluss sogar noch verstärkt.

Warum Mittelsmänner unverzichtbar – und problematisch – sind

Mittelsmänner sind in vielen Bereichen der modernen Wirtschaft ein notwendiges Übel. Lieferketten sind komplexer geworden, was Koordination und Logistik erfordert. Konsumenten verlangen Bequemlichkeit, die diese Vermittler bieten. Lieferanten haben oft keine Wahl, als sich Plattformen anzuschließen, um Zugang zu Kunden zu erhalten, selbst wenn die Konditionen ungünstig sind. Das Ergebnis ist eine Wirtschaft, in der die wahre Macht nicht bei den Produzenten oder Dienstleistern liegt, sondern bei den Intermediären, die den Zugang kontrollieren und Gebühren erheben.

Das Problem liegt nicht in der Existenz von Mittelsmännern an sich. Konsumenten möchten beispielsweise Hühnchen im Supermarkt kaufen und nicht direkt auf dem Bauernhof. Die Herausforderung besteht darin, dass Mittelsmänner so viel Verhandlungsmacht erlangen, dass sowohl der Hühnerfarmer als auch der Konsument in Bezug auf Vertragsbedingungen und Auswahlmöglichkeiten eingeschränkt sind.

"Was diese Intermediäre tun, ist, dass sie versuchen, zwischen Käufer und Verkäufer zu stehen, und die Art und Weise, wie sie ihre Steuern oder Gebühren, typischerweise von den Verkäufern, erheben, ist für die Käufer sehr undurchsichtig", erklärt Hal Singer, Geschäftsführer von Econ One. Diese Opazität ist die Superkraft der Mittelsmänner. Die meisten Konsumenten wissen nicht, wie viel Amazon von Verkäufern verlangt, welche Anteile Apple oder Google von App-Verkäufen einbehalten oder wie viel ein Pharmacy Benefit Manager (PBM) für sich behält. Diese versteckte "Steuer" wird oft an den Konsumenten weitergegeben, da der Verkäufer die Preise erhöht, um die Kosten auszugleichen.

Die Strategie der Marktdominanz

Mittelsmänner binden Kunden durch Bequemlichkeit und Lieferanten durch Zugang. Sie fusionieren oder akquirieren sich gegenseitig, bis sie sich etabliert haben oder den Menschen nur noch wenige andere Optionen bleiben. "Sobald eine Plattform Millionen von Käufern und Verkäufern aggregiert, sei es der Amazon-Marktplatz, ein Medikamenten-Formular eines PBM oder eine Ride-Hailing-App, werden im Laufe der Zeit Verträge, Software und sogar Vorschriften um diese Intermediäre herum geschrieben, wodurch sie von optionalen Helfern zu Infrastruktur werden", sagt Anindya Ghose, Wirtschaftsprofessor an der NYU Stern School of Business.

Kathryn Judge, Autorin von "Direct: The Rise of the Middleman Economy and the Power of Going to the Source", merkt an, dass Mittelsmänner nicht mit böser Absicht wuchsen, sondern weil sie einen echten Service boten. Dabei errichten sie jedoch "Scheuklappen", die unsere Fähigkeit einschränken, die Auswirkungen unserer Entscheidungen zu sehen. Matthew Grant, Assistenzprofessor für Wirtschaftswissenschaften am Dartmouth College, erklärt, dass Mittelsmänner Fixkosten lösen, indem sie in Infrastruktur und Märkte investieren, die kleinere Unternehmen nicht alleine stemmen könnten. Um diese Kosten zu decken und Gewinne zu erzielen, erlangen sie erhebliche Marktanteile und nutzen diese als Hebel.

Die Dominanz von Mittelsmännern ist ein lukratives Geschäft. Amazon verzeichnete 2024 einen Umsatz von 638 Milliarden US-Dollar, Uber generierte 44 Milliarden US-Dollar Umsatz und Sysco meldete 80 Milliarden US-Dollar Umsatz. Pharmacy Benefit Manager, die zwischen Krankenversicherern und Arzneimittelherstellern agieren, erzielen Milliarden von Dollar pro Jahr durch ein komplexes Netz von Gebühren, Preisspannen und Rabattbeteiligungen, das für Laien kaum zu durchschauen ist und oft die Preise in die Höhe treibt.

Die Kehrseite der Bequemlichkeit: Kompromisse und Konzentration

Die Existenz von Mittelsmännern bringt Kompromisse mit sich. Walmart bietet günstige Preise, aber wenn es lokale Einzelhändler verdrängt, bedeutet dies weniger Auswahl. Sysco ist ein bequemer Partner für Restaurants, kann aber viele Entscheidungen mit Lieferanten und Käufern treffen, wenn es der einzige Anbieter ist. Uber ist praktisch für Nutzer, hat aber das traditionelle Taxigewerbe stark beeinträchtigt, und viele Fahrer und Passagiere fühlen sich letztendlich benachteiligt.

Wenn es nur wenige oder keine Wettbewerber gibt, können Mittelsmänner verlangen, was sie wollen. Dies führt zu Beschwerden über hohe Gebühren auf Ticketplattformen, während Künstler über die mangelnde Nachhaltigkeit ihrer Musikkarriere klagen. Versteckte Gebühren bei Essenslieferungen frustrieren sowohl Konsumenten als auch Restaurants. Oft beschweren sich Käufer und Produzenten übereinander, während die Mittelsmänner unbemerkt hohe Gewinne erzielen.

Die Gig Economy: Eine neue Ära der Arbeit

Die Gig Economy ist nicht mehr im Entstehen begriffen, sie ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Im Jahr 2025 erleben wir einen tiefgreifenden Wandel in der Art und Weise, wie Amerikaner arbeiten und Karriere machen. Über 70 Millionen Amerikaner identifizieren sich als Gig-Worker, was etwa 36 % der gesamten US-Arbeitskräfte entspricht und 1,27 Billionen US-Dollar zur US-Wirtschaft beiträgt.

Die Zahlen belegen diese Transformation:

  • Die Zahl der Vollzeit-Unabhängigen hat sich von 13,6 Millionen im Jahr 2020 auf 27,7 Millionen im Jahr 2024 mehr als verdoppelt.
  • Bis 2027 wird prognostiziert, dass Freiberufler über 50 % der US-Arbeitskräfte ausmachen werden.
  • Die Zahl der Freiberufler mit einem Jahreseinkommen von über 100.000 US-Dollar stieg von 3 Millionen im Jahr 2020 auf 5,6 Millionen im Jahr 2025, was zeigt, dass Gig-Arbeit eine tragfähige Karriereoption ist.
  • Die Integration von Künstlicher Intelligenz (KI) verändert die Gig Economy: 60 % der Freiberufler nutzen KI-gestützte Plattformen zur Kompetenzentwicklung, gegenüber nur 35 % im Jahr 2023.

Gig Work als Reaktion auf den Arbeitsmarkt

Eine aktuelle Analyse von Goldman Sachs zeigt, dass immer mehr Arbeitnehmer Gig-Arbeit annehmen, um ihr Einkommen aufzubessern. Dies ist eine direkte Folge der Abkühlung des Arbeitsmarktes und zunehmender Entlassungen. Die Stunden, die auf Gig-Plattformen im Jahr 2025 gearbeitet wurden, sind gestiegen, während das Lohnwachstum sich verlangsamt hat.

Allerdings verdienen Gig-Worker pro Stunde nur etwa 50 % bis 65 % dessen, was sie in traditionellen Anstellungen verdienen würden. Daten der Federal Reserve zeigen, dass 20 % aller Personen, die in den letzten zwei Jahren eine Lohnkürzung, einen Jobverlust oder eine Reduzierung ihrer Arbeitsstunden erlebten, daraufhin Gig-Arbeit aufnahmen. Der Goldman Sachs-Bericht warnt jedoch, dass die Gig Economy nicht alle Arbeitsplatzverluste während eines Abschwungs auffangen könnte, da die Nachfrage nach Gig-Workern bei einer schwächeren Wirtschaft ebenfalls sinken würde. Die Arbeitslosenquote lag im August 2025 bei 4,3 %.

Angesichts dieser Entwicklungen äußern sich auch Rezessionssorgen. US-Finanzminister Scott Bessent äußerte Anfang des Monats die Ansicht, dass einige "Sektoren" der Wirtschaft sich in einer Rezession befinden oder von einer bedroht sind, und machte die Federal Reserve für zu langsame Zinssenkungen verantwortlich.

Wege zur Regulierung und mehr Wettbewerb

Die Lösung besteht nicht darin, Mittelsmänner vollständig abzuschaffen. Vielmehr wären klarere "Spielregeln" erforderlich, um sicherzustellen, dass Bequemlichkeit nicht zu überhöhten Aufschlägen und exorbitanten Gewinnen führt. Dies könnte verschiedene Formen annehmen: erhöhte Transparenz, stärkere regulatorische Aufsicht und Durchsetzung, neue Gesetze oder Bemühungen zur Sicherstellung des Wettbewerbs. Beispiele hierfür wären Offenlegungspflichten für Plattformgebühren oder Beschränkungen von Anti-Steering-Klauseln.

Hal Singer betont, dass die hohe Konzentration in vielen dieser Märkte ein grundlegendes Problem darstellt. Marina Krakovsky wünscht sich eine Auswahl an Mittelsmännern, die miteinander um Preis, Qualität und Ethik konkurrieren. Angesichts der tief verwurzelten und oft undurchsichtigen Natur dieser Vermittler erweist sich die Eindämmung ihrer Macht jedoch als schwierige Aufgabe.

Erwähnte Persönlichkeiten