
NATO lernt von Ukraine: Drohnenkrieg fordert neue Verteidigungsstrategien
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Die NATO sieht sich mit einer grundlegenden Veränderung der modernen Kriegsführung konfrontiert, die durch den massiven Einsatz kostengünstiger Kampfdrohnen geprägt ist. Nachdem die Allianz die Warnsignale jahrelang ignoriert hat, ist sie nun bestrebt, von der Ukraine zu lernen und ihre Verteidigungsstrategien dringend anzupassen.
Die unterschätzte Drohnenbedrohung
Bereits vor dem US-Konflikt mit dem Iran und Russlands umfassender Invasion der Ukraine wurden günstige Angriffs-Drohnen im Nahen Osten eingesetzt, um Energieziele zu attackieren. Ein prägnantes Beispiel war der Angriff auf die Aramco-Ölanlagen in Abqaiq und Khurais in Saudi-Arabien im Jahr 2019 durch iranische Shahed-Drohnen. Admiral Pierre Vandier, Supreme Allied Commander Transformation der NATO, bezeichnete diese Vorfälle als Warnsignal.
Trotz dieser frühen Anzeichen hat die NATO laut Vandier wenig getan, um sich auf massive Angriffe mit billigen Drohnen vorzubereiten. Verbündete haben zwar teure Boden-Luft-Raketen bestellt, doch diese sind mit Kosten von mehreren Millionen Dollar pro Stück ineffizient gegen eine Shahed-Drohne, die nur etwa 50.000 Dollar kostet. Seit 2022 setzt Russland Shahed-Drohnen in großem Umfang gegen die Ukraine ein, und in jüngster Zeit hat der Iran Tausende dieser Drohnen gegen Golfstaaten gestartet.
Ukraine als Innovationsmotor im Drohnenkrieg
Die Ukraine hat sich als führend in der Entwicklung und dem Einsatz von Drohnen und Gegenmaßnahmen etabliert. Admiral Vandier betont, dass die Ukraine das einzige Land mit massenproduzierten Lösungen gegen Shahed-Drohnen ist. Die NATO arbeitet verstärkt mit der Ukraine zusammen, um kostengünstige Abwehrmaßnahmen zu entwickeln.
Im Februar 2025 starteten NATO und Ukraine das Joint Analysis Training and Education Centre (JATEC). Dieses Zentrum nutzt Echtzeit-Erfahrungen aus dem Krieg, um die Verteidigungsplanung der Allianz zu informieren, wobei die Entwicklung günstiger und schnell einsetzbarer Luftverteidigungssysteme eines der ersten Projekte war. Vandier hebt hervor, dass die Ukraine der NATO geholfen hat, "Grenzen zu verschieben", da die Allianz zuvor von einer vermeintlichen Überlegenheit ausging.
Die neue Ära der Kriegsführung
Der Krieg in der Ukraine hat eine Technologie-Rallye ausgelöst und eine neue Art der Kriegsführung hervorgebracht, die von Tausenden täglich eingesetzten Drohnen, elektronischer Kriegsführung und ständiger Überwachung geprägt ist. Unbemannte Systeme (UAVs, USVs, UGVs) zerstören Panzer und Kriegsschiffe. William McNulty, ein Marine-Veteran und Risikokapitalgeber, warnt, dass die USA ihre militärische Vormachtstellung verlieren könnten, wenn sie sich nicht an diese modernen Bedingungen anpassen.
Oleksandr Kamyshin, der Architekt des ukrainischen Drohnenprogramms, steigerte die Drohnenproduktion seines Landes von 2.000 auf 4 Millionen pro Jahr. Er beschreibt den Konflikt als "datengetriebenen Krieg" und ein "Zahlenspiel", bei dem Effizienz und Kosten pro Abschuss entscheidend sind. Die ukrainische Expertise reicht so weit, dass über 200 ukrainische Drohnenabwehrspezialisten in den Nahen Osten entsandt wurden, um dort bei der Verteidigung gegen iranische Drohnenangriffe zu helfen.
Herausforderungen für die NATO
Die NATO muss sich der Rückkehr der "Masse" in der Kriegsführung stellen, da viele westliche Systeme nicht massenproduziert werden können. Vandier kritisiert, dass Verbündete die Industrie oft noch "individuell mit ihren individuellen Anforderungen" ansprechen, anstatt gemeinsam zu beschaffen. Dies führt zu einer Ineffizienz, da Russland und der Iran Hunderte von Shahed-Drohnen für jeden AIM-120- oder AIM-9-Abfangjäger produzieren.
Der Schutz Europas mit Patriot-Luftverteidigungsbatterien würde eine zehnfache Menge erfordern, doch mit einer Lieferzeit von sieben Jahren wäre dies in den nächsten fünf Jahren nicht umsetzbar. Vandier warnt: "Wir sind schwach, die Lagerbestände sind nicht sehr groß, der Feind weiß das." Die Allianz muss eine "dramatische Steigerung der Glaubwürdigkeit unserer Abschreckung" sicherstellen.
Konkrete Anpassungsstrategien
Die NATO hat begonnen, ihre Verteidigungsstrategien anzupassen und die Erfahrungen der Ukraine zu nutzen. Dazu gehören:
- JATEC: Das Joint Analysis Training and Education Centre, das sich auf die Entwicklung kostengünstiger Luftverteidigung konzentriert.
- Gemeinsame Übungen: Die Ukraine nimmt an NATO-Übungen teil, um die Fähigkeiten der Allianz zu testen.
- Verknüpfung von Verteidigungssystemen: Die USA und ihre Verbündeten verknüpfen Sensoren und Systeme, um ein besseres Luftüberwachungsnetzwerk für Drohnenbedrohungen an der Ostflanke zu schaffen.
- Sentry-Missionen: Seit Anfang 2025 hat die NATO neue Abschreckungsmissionen in Europa und der Arktis eingeführt, darunter der Einsatz des Drohnenträgers TCG Anadolu an der Ostflanke.
- Arktische Anpassung: NATO-Artilleriekräfte in der Arktis lernen, sich einzugraben, zu verstecken und zu bewegen, um Drohnen auszuweichen, da die Verbreitung von Drohnen die eigenen Schwachstellen aufzeigt.
Die NATO erkennt an, dass sie viel von der Ukraine lernen kann – von technologiegestützter, erschwinglicher Massenproduktion bis hin zu Tiefschlag-Drohnenoperationen. Vandier fasst zusammen: "Wir müssen etwas Neues finden. Und dieses 'Neue' wurde von der Ukraine erfunden. Also müssen wir das in unser Arsenal aufnehmen." Die Allianz muss ihre "Anpassungs-DNA" stärken und einen "Überholspur" für neue Kriegstechnologien schaffen, um in dieser "Ära der Schocks" bestehen zu können.