
Netflix' Megadeal: KI-Wette statt nur Content – Kartellrechtliche Hürden
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Die geplante Übernahme von Warner Bros. Discovery durch Netflix für 82,7 Milliarden US-Dollar wird von Analysten nicht nur als Content-Deal, sondern primär als strategischer Schachzug im Bereich Künstliche Intelligenz und Chip-Technologie bewertet. Dieser Megadeal, der den Streaming-Markt neu ordnen könnte, steht jedoch bereits vor erheblichen kartellrechtlichen Hürden und politischem Widerstand.
Mehr als nur Inhalte: Der KI-Faktor
Melissa Otto, Forschungsleiterin bei S&P Global Visible Alpha, sieht in der geplanten Akquisition von Warner Bros. Discovery (WBD) durch Netflix Inc. (NASDAQ:NFLX) für 82,7 Milliarden US-Dollar eine Wette auf Künstliche Intelligenz (KI) und Chips. Laut Otto kann der Deal nicht vollständig verstanden werden, ohne die technologischen Ambitionen von Alphabet Inc. (NASDAQ:GOOG) (NASDAQ:GOOGL) zu berücksichtigen. Die zentrale Frage für die Zukunft der Unterhaltung sei, wer Premium-Videoinhalte in großem Maßstab kontrolliert, da generative KI zunehmend bewegte Bilder erstellt und personalisiert.
Otto bezeichnet diese Sammlung als das "Video Corpus", das zukünftige KI-Modelle trainieren wird. Sie betonte gegenüber Fortune, dass Netflix einen "Schutzwall" um sein Geschäft bauen müsste, wenn es wüsste, dass Google Milliarden in die Entwicklung von Infrastruktur investiert, um das Video Corpus im Bereich generativer KI zu erschließen.
Googles TPU-Chips als strategische Bedrohung
Im wettbewerbsintensiven KI-Umfeld gelten Googles TPU-Chips als fundamentale Bedrohung für Netflix. Diese Chips sind speziell für die Generierung von Medieninhalten, synthetische Sprache und Vision-Dienste konzipiert. Ihre zunehmende Verbreitung in den letzten Monaten hat sogar die Marktbeherrschung von Nvidia Corp. (NASDAQ:NVDA) im KI-Sektor herausgefordert.
Marktstratege James E. Thorne von Wellington-Altus Private Wealth argumentiert jedoch, dass Hyperscaler TPUs eher als Absicherung gegen Nvidias Lieferengpässe und lange Lieferzeiten für Blackwell- und Rubin-GPUs nutzen, anstatt sie als universellen Ersatz zu betrachten. Die Konkurrenz durch TPUs verleiht dem Netflix-Deal zusätzliche Dringlichkeit.
Der Kampf um die Zuschauergunst
Nielsen-Daten vom Oktober verdeutlichen die strategische Notwendigkeit der Warner-Akquisition für Netflix. Netflix verliert bereits im Kampf um die Zuschauergunst gegen Googles YouTube. YouTube beanspruchte 12,9 % der gesamten TV-Sehzeit bei Personen ab 2 Jahren, während Netflix bei 8 % lag.
Selbst in Kombination mit dem Anteil von Warner Bros. Discovery von 1,3 % würde die fusionierte Einheit mit insgesamt 9,3 % immer noch hinter der Reichweite von YouTube zurückbleiben. Dies unterstreicht den Druck auf Netflix, seine Content-Basis und damit sein "Video Corpus" zu erweitern.
Kartellrechtliche Hürden und politische Gegenwehr
Die geplante Übernahme, deren Wert von Reuters mit 72 Milliarden US-Dollar angegeben wird (Anmerkung: Die Hauptquelle nennt 82,7 Mrd. US-Dollar), sieht sich bereits vor der Ankündigung erheblichem kartellrechtlichem Widerstand gegenüber. Netflix-Manager stellten den Deal als förderlich für die Schaffung von Arbeitsplätzen und als vorteilhaft für die über 300 Millionen Abonnenten dar, indem er mehr Inhalte und damit "mehr für ihr Geld" biete – Argumente, die mit den Prioritäten der Trump-Regierung für Erschwinglichkeit und niedrigere Preise übereinstimmen sollen.
Trotzdem äußerten sich Republikaner im Kongress kritisch. US-Senator Mike Lee aus Utah, Vorsitzender des Senats-Kartellausschusses, warnte, dass eine Netflix-Übernahme von HBO Max und den Content-Rechten von Warner Bros. die Auswahl für Verbraucher reduzieren und dem Unternehmen einen inakzeptabel hohen Anteil am Streaming-Markt verschaffen würde. Er schrieb auf X, dies "sollte Kartellwächter weltweit alarmieren" und könnte das "Goldene Zeitalter des Streamings" beenden. Auch Senator Roger Marshall aus Kansas und Abgeordneter Darrell Issa aus Kalifornien forderten eine genaue Prüfung, da mangelnder Wettbewerbsdruck Netflix dazu anreizen könnte, weniger Filme in Kinos zu veröffentlichen.
Das US-Justizministerium (DOJ) wird den Deal aufgrund seiner Größe und der kombinierten Abonnentenzahl (Netflix über 300 Millionen, HBO Max 128 Millionen) voraussichtlich einer intensiven Prüfung unterziehen. Netflix-CEO Ted Sarandos zeigte sich jedoch zuversichtlich: "Wir sind sehr zuversichtlich im Regulierungsprozess. Dieser Deal ist verbraucherfreundlich, innovationsfreundlich, arbeitnehmerfreundlich, schöpferfreundlich, wachstumsfreundlich." Die Leiterin der DOJ-Kartellabteilung, Gail Slater, eine ehemalige Führungskraft bei Fox Corp und Roku, hat sich oft für den Schutz amerikanischer Verbraucher, Arbeitnehmer und Innovationen durch Kartellrecht ausgesprochen. Präsident Donald Trump hat in der Vergangenheit bereits bei großen Medienfusionen eingegriffen, wie bei der AT&T-Time-Warner-Übernahme, die er zu stoppen versuchte.