
Öl-Schock 7x schlimmer als 2022: Droht Volatilität wie zu COVID-Zeiten?
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Die Weltwirtschaft steht möglicherweise vor einem beispiellosen Öl-Schock, dessen Ausmaß die Krise von 2022 um das Siebenfache übertreffen könnte. Experten ziehen Vergleiche zur Volatilität der COVID-19-Pandemie, warnen jedoch vor einem umgekehrten Mechanismus: Statt eines Nachfrageeinbruchs droht nun ein massiver Angebotsausfall mit weitreichenden Folgen für die globale Wirtschaftsaktivität.
Ein historischer Öl-Schock: Vergleich mit 2020
Um die aktuelle Situation besser einordnen zu können, lohnt ein Blick zurück auf das zweite Quartal 2020. Damals kam die Weltwirtschaft aufgrund der COVID-19-Lockdowns zum Stillstand, was zu einem drastischen Nachfrageeinbruch führte. Die US-Wirtschaft schrumpfte im zweiten Quartal 2020 um 32%. Die weltweite Ölnachfrage sank in dieser Zeit um 23 Millionen Barrel pro Tag (bpd), was die Ölpreise zeitweise auf negative 40 US-Dollar pro Barrel drückte, um den Markt zu bereinigen. Dieser Nachfrageschock konnte durch massive Gelddruckprogramme abgefedert werden. Die heutige Krise stellt sich jedoch als ein Angebotschock von vergleichbarer Größenordnung dar, der nicht durch das Drucken von Geld gelöst werden kann.
Die aktuelle Lage: Engpässe und Ausfälle
Derzeit ist die Straße von Hormuz, eine der wichtigsten Seestraßen für den globalen Öltransport, faktisch geschlossen. Normalerweise passieren täglich etwa 20 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte diese Meerenge, doch der Verkehr ist um 97% zurückgegangen. Dies bedeutet, dass 20 Millionen bpd Ölangebot allein durch diesen Engpass vom Markt genommen wurden, wie die IEA berichtet. Hinzu kommen sogenannte "Shut-ins", da Raffinerien ihre Lager füllen und die Produktion einstellen müssen, sobald die Kapazitäten erschöpft sind. Diese "Shut-ins" belaufen sich auf weitere 8 Millionen bpd, deren Wiederaufnahme Monate bis Jahre dauern könnte. Zudem führen Angriffe auf Raffinerien zu langfristigen Ausfällen; so wurden beispielsweise 3,5% der globalen Erdgasproduktion durch einen iranischen Drohnenangriff auf eine katarische Raffinerie für fünf Jahre offline genommen.
Wirtschaftliche Konsequenzen und Preisdruck
Ein Angebotsausfall von 20 Millionen bpd erfordert eine entsprechende Reduzierung der globalen Ölnachfrage, was einem massiven Einbruch der Wirtschaftsaktivität gleichkäme. Die einzige Möglichkeit, dies zu erreichen, sind deutlich höhere Preise, die die Nachfrage zerstören. Die Preiselastizität der Nachfrage (PED) für Öl ist mit etwa 0,1 sehr gering. Das bedeutet, dass selbst ein Anstieg des Ölpreises um 10 US-Dollar pro Barrel die Menschen kaum davon abhält, zur Arbeit zu fahren oder Lebensmittel einzukaufen. Um die Nachfrage in dem erforderlichen Maße zu senken, wären drastisch höhere Preise nötig, die eine globale wirtschaftliche Kontraktion im Ausmaß der COVID-19-Lockdowns von 2020 erzwingen würden. Eine konservative Schätzung geht von einem Brent-Ölpreis von 200 US-Dollar pro Barrel aus, sollte sich die Lage nicht dramatisch verbessern.
Begrenzte Lösungsansätze und ihre Herausforderungen
Die internationalen Bemühungen zur Abfederung des Schocks sind begrenzt und mit erheblichen Problemen behaftet. Die Internationale Energieagentur (IEA) kündigte die Freigabe von 400 Millionen Barrel aus strategischen Reserven an, doch die Förderrate beträgt lediglich 1,2 Millionen bpd und ist nur für wenige Monate haltbar. Eine saudische Pipeline nach Yanbu am Roten Meer könnte die Kapazität um etwa 3 Millionen bpd erhöhen, doch diese Route wurde bereits letztes Jahr von den Huthi-Rebellen gestört, und der Iran bombardierte Yanbu vor Kurzem. Eine weitere Pipeline der VAE nach Fujairah könnte 0,5 Millionen bpd zusätzlich liefern, doch auch hier gab es bereits iranische Angriffe, die den Betrieb tagelang lahmlegten. Selbst das sogenannte "Öl auf dem Wasser", also in Tankern gelagertes Öl, wird mit Rekordgeschwindigkeit angezapft und ist von rund 140 Millionen auf etwa 78 Millionen Barrel gesunken. Dies entspricht einer Rate von 1,8 Millionen bpd, wobei diese Reserven fast erschöpft sind und Tankerangriffe im Mittelmeer und Golf die Situation zusätzlich verschärfen. Selbst im optimistischsten Szenario belaufen sich die potenziellen Ausgleichsmaßnahmen auf maximal 6,5 Millionen bpd. Dies würde den anfänglichen Schock von -20 Millionen bpd auf immer noch -13,5 Millionen bpd reduzieren, was die aktuelle Krise mindestens siebenmal schlimmer macht als den Russland/Ukraine-Krieg von 2022.
Breite Marktauswirkungen und Volatilität
Die Eskalation des Konflikts im Iran führt nicht nur zu steigenden Energiepreisen, sondern hat auch weitreichende Auswirkungen auf die globalen Finanzmärkte. Die Volatilität ist sprunghaft angestiegen, wobei der VIX-Index erneut zulegte und der Öl-VIX (OVX) bereits höher liegt als im Jahr 2008, wenn auch noch unter dem COVID-Schock. Der globale Aktienindex (World Index) fiel auf einen ByteTrend Score von 2 in USD, was auf eine breitere Marktverunsicherung hindeutet. Neben dem Öl-Schock tragen auch ein Bruch am Anleihenmarkt, der Zinssenkungen verzögert, höhere Inflationserwartungen sowie Turbulenzen bei Rohstoffen und im Schiffsverkehr zur angespannten Lage bei. Der US-Dollar, dessen Schwäche lange Zeit ein Treiber des Aktien-Bullenmarktes war, befindet sich erstmals seit einem Jahr wieder in einem Aufwärtstrend. Während US-Aktien, insbesondere im Technologiesektor, sich bisher als widerstandsfähig erwiesen, geben europäische Aktien ihre jüngsten Gewinne wieder ab.