
Pharmabranche im Umbruch: Patentklippe, M&A und der Kampf um Innovation
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Die Pharmabranche steht vor einem entscheidenden Jahr 2026, in dem sich die Auswirkungen der Entwicklungen von 2025 manifestieren. Unternehmen sehen sich einer drohenden "Patentklippe" gegenüber, die den Verlust der Exklusivität für Bestseller-Medikamente und damit den Wettbewerb durch günstigere Generika mit sich bringt. Gleichzeitig prägen politische Entscheidungen und die Suche nach neuen Blockbustern die Strategien der globalen Pharmakonzerne.
Die Patentklippe und die Suche nach Innovation
Die Pharmaindustrie blickt gespannt auf die kommenden Jahre, da zahlreiche umsatzstarke Medikamente ihren Patentschutz verlieren werden. Dieser sogenannte "Patentklippe" setzt die Unternehmen dem Wettbewerb durch deutlich günstigere Generika aus. Greg Graves, Senior Partner bei McKinsey, betont, dass die Unternehmen nun verstärkt ihre Pipelines hervorheben, um Investoren von zukünftigen Wachstumschancen zu überzeugen.
Vas Narasimhan, CEO von Novartis, berichtete, dass sein Unternehmen allein im ersten Halbjahr dieses Jahres voraussichtlich 4 Milliarden US-Dollar an Umsatz und fast ebenso viel an Gewinn durch den Verlust von Exklusivrechten einbüßen wird. Trotzdem zeigte er sich zuversichtlich, dank "großer Wachstumstreiber" und einer "starken Pipeline" weiterhin wachsen zu können. AstraZeneca plant bis 2030, 25 neue Blockbuster-Medikamente auf den Markt zu bringen und den Umsatz von 59 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 auf 80 Milliarden US-Dollar zu steigern.
M&A als Beschleuniger der Pipeline
Um die durch Patentabläufe entstehenden Umsatzlücken zu schließen, setzen viele Pharmakonzerne verstärkt auf Mergers & Acquisitions (M&A). Begriffe wie "strategische Passung" und "Bolt-on-Deals" sind zu festen Bestandteilen der CEO-Kommunikation geworden. Camilla Oxhamre, Portfoliomanagerin bei Rhenman & Partners, erklärt, dass einige Unternehmen kleinere Akquisitionen und frühe Entwicklungsstadien bevorzugen, während andere größere, spätphasige Deals anstreben, um schnellere Ergebnisse zu erzielen.
Ein Beispiel hierfür ist Sanofi, wo Paul Hudsons Amtszeit als CEO nach sechs Jahren abrupt endete, da sein Fokus auf Forschung und Entwicklung (F&E) keine schnellen Erfolge lieferte. Belén Garijo, derzeit CEO bei Merck KGaA, wird Hudson ersetzen mit dem Auftrag, die "Produktivität, Governance und Innovationsfähigkeit der Forschung und Entwicklung zu stärken". Sanofi muss insbesondere den Patentablauf seines Asthma-Blockbusters Dupixent, der über ein Drittel des Umsatzes ausmacht, bis Anfang der 2030er Jahre kompensieren.
China: Vom Markt zum Innovationszentrum
China hat sich zu einem der interessantesten Standorte für Innovationen in der Pharmabranche entwickelt und ist ein zunehmend wichtiger Partner für M&A-Aktivitäten. Deals mit chinesischen Unternehmen, die vor zehn Jahren noch selten waren, sind heute alltäglich, so Oxhamre. Sie merkt an, dass der Endmarkt heute hauptsächlich die USA und Europa sind, aber in zehn Jahren voraussichtlich die USA und China sein werden.
Greg Graves von McKinsey beobachtet, dass sich die Diskussion von China als Markt hin zu China als Innovationsquelle verschoben hat. Unternehmen nutzen China als Plattform, um die Wirkweise von Medikamenten schnell zu verstehen und Entwicklungsprozesse zu beschleunigen, da klinische und Entdeckungs-Entwicklungszyklen dort oft schneller ablaufen als in Europa oder den USA. Dies bietet die Möglichkeit, Risiken bei der Asset-Entwicklung zu minimieren.
Die Preisdebatte im Wandel
Die Debatte um Arzneimittelpreise, insbesondere im Kontext der "Most Favored Nation" (MFN)-Preisgestaltung unter der Trump-Administration, bleibt ein zentrales Thema. Der Markt fragt sich, wie Unternehmen darauf reagieren werden. Greg Graves weist auf offene Fragen hin: Werden Unternehmen Markteinführungen in Europa verzögern, um nicht durch europäische Preise im größeren US-Markt gebunden zu sein? Oder werden sie ein Ein-Preis-Modell anwenden, auch wenn dies in einigen Märkten zu geringerem Zugang führen könnte?
Aradhana Sarin, CFO von AstraZeneca, betonte gegenüber CNBC die Notwendigkeit, die richtige Preisstrategie für neue Medikamente zu finden. Besonders im direkten Verbrauchermarkt, wie dem Adipositas-Segment, ist die Preissensibilität der Kunden eine große Unbekannte. Simon Baker, Analyst bei Rothschild & Co Redburn, merkt an, dass Preissenkungen bei Medikamenten, etwa für Lungenkrebs, normalerweise nicht zu höheren Verkaufsvolumen führen, sondern lediglich den Umsatz reduzieren.
Der Adipositas-Markt: Ein Sonderfall
Der Markt für GLP-1-Medikamente zur Gewichtsreduktion ist ein Brennpunkt für Investoren, stellt jedoch einen einzigartigen Fall dar, der nicht unbedingt als Signal für breitere Branchentrends dient. Camilla Oxhamre beschreibt ihn eher als Verbrauchermarkt denn als Medikamentenmarkt. Die direkte Verbraucherbindung ist für andere Pharmaunternehmen bisher noch sehr begrenzt.
Die dominierenden Akteure, Novo Nordisk und Eli Lilly, werden voraussichtlich zunehmendem Wettbewerb begegnen. AstraZeneca treibt seine GLP-1-Pille Elecoglipron in späte Studienphasen voran, während Roche darauf abzielt, mit mehreren Behandlungen zu einem der Top-Drei-Anbieter im Adipositas-Segment aufzusteigen. In den USA ist Pfizer durch die Übernahme von Metsera im letzten Jahr in den Wettbewerb eingetreten, und Amgen entwickelt MariTide, eine einmal monatlich zu injizierende Lösung, um den Markt für Gewichtserhaltung zu erschließen. In diesem zunehmend überfüllten Segment bemühen sich die Unternehmen intensiv, ihre Medikamente zu differenzieren.