
Polymarket: Studie enthüllt 143 Mio. $ "anomale Gewinne" durch informierte Händler
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Eine aktuelle Studie von Forschern der Columbia Law School und der University of Haifa hat aufgedeckt, dass sogenannte "informierte" Händler auf der Prognoseplattform Polymarket seit 2024 Gewinne in Höhe von 143 Millionen US-Dollar durch über 210.000 verdächtige Transaktionen erzielt haben. Diese "anomalen Gewinne" werfen ernsthafte Fragen bezüglich der Integrität von Prognosemärkten und der Notwendigkeit einer stärkeren Regulierung auf. Die Autoren sehen ihre Arbeit als Beginn einer wichtigen Diskussion.
Verdächtige Handelsmuster auf Polymarket aufgedeckt
Die Analyse, die den Großteil der Polymarket-Transaktionen zwischen 2024 und 2026 umfasste, ist die erste, die eine Schätzung des Gesamtbetrags liefert, der von verdächtigen Konten gewonnen wurde. Ein prominentes Beispiel ist das Polymarket-Konto "ricosuave666", das im Juni letzten Jahres Tausende von Dollar auf Fragen zu israelischen Militärschlägen im Iran setzte. Als Israel am 13. Juni zuschlug, strich "ricosuave666" etwa 155.000 US-Dollar ein, bevor das Konto für sieben Monate inaktiv wurde. Es tauchte im Januar 2026 wieder auf, um neue Wetten zu platzieren, wurde jedoch nach der Kennzeichnung der Aktivitäten gelöscht.
Die Gewinne von "ricosuave666" ähnelten stark den unrechtmäßigen Gewinnen einer Person, die von israelischen Behörden wegen der Nutzung militärischer Geheimnisse für den Handel angeklagt wurde. Ein weiteres Beispiel ist der US-israelische Schlag auf den Iran am 28. Februar 2026, bei dem sechs neu erstellte Polymarket-Wallets kollektiv rund 1,2 Millionen US-Dollar verdienten. Das Konto "Magamyman" platzierte seinen ersten Handel 71 Minuten vor Bekanntwerden der Nachrichten und erzielte etwa 553.000 US-Dollar Gewinn.
Die Studie identifizierte weitere bemerkenswerte Fälle:
- Das pseudonyme Konto "Burdensome-Mix" verdiente rund 485.000 US-Dollar aus einer Investition von 38.500 US-Dollar in Verträge, die mit der Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro verbunden waren. Die größten Trades wurden Stunden vor der öffentlichen Ankündigung einer verdeckten Militäroperation getätigt.
- Israelische Behörden klagten einen Zivilisten und einen IDF-Reservisten an, weil sie angeblich klassifizierte Kriegsinformationen nutzten, um auf Polymarket zu profitieren.
- Ein Händler verdiente über 1 Million US-Dollar, indem er die Ergebnisse von Googles proprietären "Year in Search"-Rankings mit unheimlicher Präzision vorhersagte.
- Ein Nutzer schien über Vorabkenntnisse des Browser-Starts von OpenAI zu verfügen.
- Der Nutzer "romanticpaul" kaufte aggressiv Taylor Swift-Verlobungsverträge in den Tagen, bevor Swift ihre Verlobung mit Travis Kelce öffentlich bekannt gab.
Die Methodik der Forscher und Kritik
Die Autoren Joshua Mitts und Moran Ofir analysierten über 210.000 verdächtige Trades. Sie verwendeten fünf Kriterien, die sich auf den Zeitpunkt des Handels und die Höhe der Wette bezogen, um Konten zu identifizieren, die kurz vor Bekanntwerden von Nachrichten große, bullische Wetten platzierten. Sie räumten ein, dass ihre Methoden sowohl über- als auch unterinklusiv sein könnten.
Mitts, Professor an der Columbia Law School, erklärte gegenüber Business Insider, dass er und Ofir den Begriff "informierter Handel" anstelle von "Insiderhandel" verwenden. Dies liegt daran, dass einige der größten von ihnen identifizierten Trades in Märkten stattfanden, in denen zu viele Menschen das Ergebnis beeinflussen können, als dass es manipuliert werden könnte, wie etwa bei Wetten auf die US-Wahl 2024. "Informiert" ist ein breiterer Begriff, der sowohl Trades von cleveren Wettenden als auch von Personen mit unfairen Vorteilen umfasst.
Die Studie schloss die Wahlwetten bewusst ein, um nicht der Manipulation der Methodik zur Erzielung eines bestimmten Ergebnisses bezichtigt zu werden. Obwohl die Autoren keine Beweise für Insiderhandel vorlegten und einräumten, dass profitable Trades Teil einer Absicherungsstrategie sein könnten, charakterisierten sie das Volumen der identifizierten verdächtigen Trades als "konservative Untergrenze für anomale Gewinne".
Harry Crane, Professor für Statistik an der Rutgers University, der nicht an der Studie beteiligt war, stellte die Methodik in Frage. Er kritisierte, dass die Rangfolge der "Verdächtigkeit" stark von der Profitabilität beeinflusst wurde, anstatt davon, was gewöhnliche Menschen als verdächtig ansehen würden. Laut Crane erhielt eine gewinnende Wette ein unverhältnismäßig höheres Gewicht als eine verlorene Wette desselben Typs.
Regulatorische Herausforderungen und Reaktionen
Die Autoren betonen, dass "Prognosemärkte die rechtlichen Rahmenbedingungen, die sie regeln sollen, überholt haben". Ihr Papier zielt darauf ab, die empirische Grundlage und rechtliche Analyse zu liefern, die notwendig sind, um diese Lücke zu schließen. Joshua Mitts erwartet "viel regulatorische Aufmerksamkeit" und sieht die Studie als "Anfang der Konversation".
Polymarket hat kürzlich seine Richtlinien geändert und verbietet nun Trades von Personen mit "gestohlenen vertraulichen Informationen" und "illegalen Tipps" sowie von Personen, die die Ergebnisse von Ereignissen beeinflussen können, auf die sie wetten. Es bleibt jedoch unklar, wie das Unternehmen dieses Verbot durchsetzen will, da die Offshore-Börse, die den Großteil des Handelsvolumens abwickelt, keine Namen oder andere identifizierende Informationen über ihre Nutzer außer einer E-Mail-Adresse sammelt.
Auch andere Prognosemärkte sehen sich mit Herausforderungen konfrontiert. Kalshi kündigte Anfang des Jahres an, Bußgelder von zwei Nutzern zu fordern, die gegen ihre Regeln verstoßen hatten, darunter ein Videoeditor für MrBeast, der Wetten auf Inhalte von Shows platzierte, bevor diese veröffentlicht wurden. Experten für Problemglücksspiel äußern Bedenken, dass Prognosemärkte ähnliche Risiken wie Sportwetten bergen. Mehrere US-Bundesstaaten haben Kalshi und andere Prognosemärkte verklagt und argumentieren, dass sie unlizenzierte Casinos darstellen.
Die Commodity Futures Trading Commission (CFTC), eine Bundesaufsichtsbehörde, verhängte 2022 eine Geldstrafe gegen Polymarket und verhinderte generell viele Vertragsangebote, bis Michael Selig, ein von Trump ernannter Beamter, letztes Jahr die Leitung der Behörde übernahm. Selig ist ein vehementer Befürworter solcher Märkte und kritisierte die staatlichen Maßnahmen.
Die Zukunft der Prognosemärkte
Die Fälle von "informiertem Handel" stellen eine systematische Herausforderung für die rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen dar, die den Umgang mit Insiderinformationen im traditionellen Finanzmarkt regeln. Die Studie liefert die erste systematische empirische und rechtliche Untersuchung dieses Phänomens.
Mitts plant, alle für die Studie verwendeten Daten zu veröffentlichen. Die Diskussion über die Regulierung von Prognosemärkten steht erst am Anfang, doch die aufgedeckten "anomalen Gewinne" unterstreichen die Dringlichkeit, die rechtlichen Rahmenbedingungen an die rasante Entwicklung dieser Märkte anzupassen.