
Prognosemärkte boomen: Steuerchaos und Regulierungsstreit in den USA
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Prognosemärkte erleben in den USA einen beispiellosen Boom und ziehen Millionen von Anlegern an. Doch während Plattformen wie Robinhood und Kalshi Milliardenumsätze generieren, ringen US-Behörden und Steuerexperten noch immer mit der korrekten steuerlichen Einordnung und Regulierung dieser neuen Finanzinstrumente. Diese Unsicherheit birgt erhebliche Risiken für Anleger.
Boom der Prognosemärkte
Prognosemärkte entwickeln sich rasant zu einem wichtigen Segment der Finanzwelt. Bei Robinhood sind sie zur umsatzstärksten Produktlinie aufgestiegen, mit 11 Milliarden gehandelten Verträgen von über einer Million Kunden seit dem Start im letzten Jahr. Auch andere Akteure wie Polymarket, Kalshi, Interactive Brokers, Coinbase, Crypto.com, DraftKings, FanDuel und Fanatics drängen in diesen Markt.
Das monatliche Handelsvolumen bewegt sich bereits im Milliardenbereich. Eine Beratungsfirma schätzt, dass dieses relativ neue Phänomen bis zum Ende des Jahrzehnts auf 1 Billion US-Dollar anwachsen könnte. Robinhood plant zudem, seine Präsenz in diesem Bereich durch die Einführung einer Futures- und Derivatebörse mit dem Market Maker Susquehanna weiter auszubauen, um Event-Kontrakte für Sport, Wahlen und andere Ereignisse anzubieten. Plattformen wie Kalshi und Polymarket verzeichneten im Oktober ein monatliches Nominalhandelsvolumen von über 8,5 Milliarden US-Dollar.
Regulierungsdilemma: Finanzprodukt oder Glücksspiel?
Im Kern der Debatte steht die Frage, ob Prognosemärkte als Finanzderivate unter die Aufsicht der Commodity Futures Trading Commission (CFTC) fallen oder als Glücksspiel von den einzelnen Bundesstaaten reguliert werden sollten. Plattformen wie Kalshi argumentieren, dass sie Finanzkontrakte anbieten, die von der CFTC reguliert werden, während Glücksspiel staatlich geregelt ist. James Creech von Baker Tilly merkt an, dass die Aktivitäten auf Prognosemärkten dem Glücksspiel ähneln, die Behandlung jedoch völlig unterschiedlich sein könnte.
Ein wegweisendes Gerichtsurteil im Jahr 2024 bestätigte, dass Plattformen wie Kalshi als bundesweit regulierte Event-Kontrakt-Börsen operieren dürfen, wobei ihre Produkte als Finanz-Swaps und nicht als Glücksspielinstrumente eingestuft wurden. Kalshi erhielt daraufhin die CFTC-Zulassung als Designated Contract Market (DCM). Dies ermöglichte es der Plattform, Event-Kontrakte landesweit anzubieten, ohne den Beschränkungen einzelner Staaten zu unterliegen.
Dieser Bundesrahmen wird jedoch von Staaten wie Nevada, Connecticut und New York angefochten, die Prognosemärkte als unlizenzierte Glücksspielbetriebe betrachten. Ein Bundesgerichtsurteil in Nevada im Jahr 2025 stufte beispielsweise sportbezogene Verträge als Wetten ein. Ein weiteres Urteil in Maryland im Jahr 2025 lehnte Kalshis Argument der Bundespräemption ab und betonte die Zuständigkeit der Staaten für Glücksspielaktivitäten. Coinbase hat Klagen gegen Illinois, Michigan und Connecticut eingereicht, um die ausschließliche Zuständigkeit der CFTC zu klären. Das Unternehmen argumentiert, dass das Bundesgesetz die Regulierungsbefugnis für diese Produkte bereits der CFTC zugewiesen hat. Coinbase betont zudem, dass Prognosemärkte im Gegensatz zu traditionellen Sportwettenanbietern als neutrale Vermittler agieren, die Käufer und Verkäufer zusammenführen, ohne selbst ein Richtungsrisiko einzugehen. Paul Grewal, Chief Legal Officer von Coinbase, erklärte dazu: „We’re right on the law and the facts. And we will prove it.“
Steuerliche Unsicherheit: Ein "Wilder Westen" für Anleger
Die Internal Revenue Service (IRS) hat bisher keine spezifischen Leitlinien für die Besteuerung von Gewinnen und Verlusten aus Prognosemärkten herausgegeben, was zu erheblicher Unsicherheit führt. James Creech von Baker Tilly äußert Bedenken: „It feels like people are taking tax risks that they don't know they're taking.“ Obwohl sich Steuerexperten einig sind, dass Einkommen und Verluste gemeldet werden müssen, sind sie sich über die genaue Methode uneinig.
Es gibt mehrere mögliche Ansätze für die steuerliche Behandlung:
- Kapitalanlagen: Prognosemarkt-Kontrakte könnten wie Aktien oder Anleihen als Kapitalanlagen behandelt werden. Kurzfristige Gewinne (ein Jahr oder weniger gehalten) werden dann zum normalen Einkommensteuersatz des Steuerpflichtigen besteuert, der 2025 bis zu 37% betragen kann. Verluste können zur Verrechnung von Kapitalgewinnen verwendet werden, wobei ein Netto-Kapitalverlust von bis zu 3.000 US-Dollar pro Jahr abzugsfähig ist und zusätzliche Verluste in spätere Jahre vorgetragen werden können.
- Glücksspielgewinne/-verluste: Gewinne aus Glücksspiel gelten als steuerpflichtiges Einkommen. Steuerzahler, die Einzelabzüge geltend machen (was 2022 nur etwa 10% taten), können Glücksspielverluste bis zur Höhe der Gewinne des Jahres abziehen.
- Section 1256-Kontrakte: Eine dritte Möglichkeit ist die Behandlung als Section 1256-Kontrakte, eine spezifische Kategorie von Finanzinstrumenten, die von der IRS definiert wird. Gewinne oder Verluste aus diesen Kontrakten werden unabhängig von der Haltedauer im Verhältnis 60/40 besteuert (60% als langfristiger Kapitalgewinn/-verlust, 40% als kurzfristiger). Einige Steuerexperten bezweifeln jedoch, dass Prognosemarkt-Kontrakte die strengen Kriterien für Section 1256-Kontrakte erfüllen.
April Walker, Senior Manager für Steuerpraxis und Ethik beim American Institute of CPAs, betont, dass Einkommen aus Prognosemärkten in jedem Fall gemeldet werden muss. Mark Gallegos, Steuerpartner bei Porte Brown, warnt Anleger davor, sich auf die Plattformen zu verlassen, um ihre Gewinne und Verluste zu verfolgen. Die Verantwortung für die detaillierte Aufzeichnung und Dokumentation liegt beim Steuerzahler. Brian Kearns, Gründer von Haddam Road Tax and Consulting, weist darauf hin, dass fehlende IRS-Leitlinien zu Unsicherheit führen und Anleger möglicherweise Steuererklärungen ändern müssen, sobald Klarheit geschaffen wird. Die IRS hat auf Anfragen nach Kommentaren nicht reagiert.
Auswirkungen neuer Steuergesetze auf Glücksspiel und Prognosemärkte
Ein wichtiges US-Steuergesetz, der "One Big Beautiful Bill Act", der Mitte 2025 unter Präsident Donald Trump unterzeichnet wurde, könnte ab 2026 erhebliche Auswirkungen haben. Coinbase argumentiert, dass eine Bestimmung dieses Gesetzes, die neue Grenzen für den Abzug von Glücksspielverlusten gegen Gewinne einführt, Glücksspieler unbeabsichtigt von traditionellen Casinos und Sportwetten zu Prognosemärkten drängen könnte.
Unter den neuen Regeln könnten Glücksspieler nicht mehr alle Verluste vollständig mit Gewinnen verrechnen, was zu einer Besteuerung von "Phantom-Einkommen" führen könnte. Coinbase sieht dies als strukturellen Vorteil für Prognosemärkte, da diese als Finanzkontrakte möglicherweise einer anderen steuerlichen Behandlung unterliegen. Dies könnte die Akzeptanz von ereignisbasiertem Handel fördern, der Sport, Wahlen und wirtschaftliche Ergebnisse umfasst.
Verändertes Anlegerverhalten und die "Gamification" des Investierens
Prognosemärkte und Sportwetten sind 2025 stärker im Mainstream angekommen. Viele Berater sehen die "Gamification" des Investierens als einen anhaltenden Trend. Robinhood-Kunden handelten allein im Oktober 2,5 Milliarden Prognosemarkt-Kontrakte, hauptsächlich im Sportbereich.
Rob Wolfe, Vermögensberater bei Apollon Wealth Management, beobachtet eine klare Verschiebung hin zu "gamifiziertem" Risikoverhalten, selbst bei disziplinierten, sehr vermögenden Kunden. Er meint, dass Prognosemärkte, Echtzeit-Handels-Apps und sportnahe Finanzprodukte Anleger dazu konditionieren, Unmittelbarkeit, häufiges Feedback und binäre Ergebnisse zu erwarten. Diese Psychologie sickere zunehmend in das traditionelle Portfolioverhalten ein. Wolfe zufolge verwischen Prognosemärkte die Grenze zwischen echtem alternativem Investieren und Ereignisspekulation, indem sie Ereignisse als handelbare Mikrowetten statt als langfristige Eigentumsbeteiligungen darstellen. Anleger überschätzen oft die Kontrolle und Liquidität, die sie haben, und unterschätzen, wie schnell sich kleine, wiederholte Verluste summieren.
Wirtschaftliche Bedeutung und prominente Akteure
Der Boom der Prognosemärkte hat dazu geführt, dass sie neben der KI zu einer der wenigen Branchen gehören, in denen "junge Gründer praktisch über Nacht zu Papier-Milliardären werden können", so Bloomberg. An der Spitze stehen die 29-jährigen Kalshi-Gründer Tarek Mansour und Luana Lopes Lara, die sich am MIT kennenlernten. Lopes Lara, eine ehemalige Ballerina, wurde in diesem Jahr zu einer der jüngsten Selfmade-Milliardärinnen.
Kalshis Bewertung explodierte seit Juni um rund 450% auf 11 Milliarden US-Dollar Ende 2025, unterstützt von Risikokapitalfirmen wie Sequoia und Andreessen Horowitz. Donald Trump Jr. trat im Januar dem Vorstand von Kalshi bei und investierte im August auch in den Konkurrenten Polymarket. Kalshi erlangte 2024 große Bekanntheit, als es bei der US-Präsidentschaftswahl die traditionellen Meinungsforscher übertraf, indem es Donald Trump höhere Gewinnchancen einräumte. Matt Zhang von Hivemind Capital bemerkt: „What these prediction markets have realised is that the news is a huge, liquid asset class.“ Alex Immerman, Partner bei Andreessen Horowitz, lobt Lopes Laras Beharrlichkeit und Gelassenheit beim Aufbau von Kalshi.