
S&P 500 auf Rekordjagd: Euphorie trifft auf wachsende Risiken
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Die Wall Street schloss die vergangene Woche mit einem starken Ergebnis ab. Der S&P 500 stieg auf 7.126,07 Punkte, während der Nasdaq auf 26.684 Punkte kletterte. Beide Indizes erreichten den dritten Tag in Folge Rekordhöhen, und auch der Dow schloss sich der Rally an und beendete den Handel bei 49.470 Punkten.
Der Hormuz-Effekt: Ein Tweet bewegt die Märkte
Der Auslöser für diese Bewegung war ein einzelner Social-Media-Beitrag aus Teheran, der dazu beitrug, Spannungen abzubauen und die Anlegerstimmung zu heben. Irans Außenminister Seyed Abbas Araghchi erklärte die Straße von Hormuz während des Waffenstillstands zwischen Israel und dem Libanon für "vollständig offen" für den kommerziellen Verkehr.
Auf diese Nachricht hin schossen die Aktienkurse in die Höhe. Die Rohöl-Futures fielen um über 11 Prozent, nachdem Iran die Wiedereröffnung der Straße von Hormuz bekannt gab, durch die normalerweise ein Fünftel des weltweiten Öls täglich fließt. West Texas Intermediate (WTI) fiel stark auf 82,59 US-Dollar pro Barrel. Dieser Rückgang der Ölpreise ist für Anleger von enormer Bedeutung, da er die Inputkosten für nahezu jeden Sektor im S&P 500 direkt senkt, den Inflationsdruck auf die Verbraucher mindert und der Federal Reserve wichtigen Spielraum bei den Zinssätzen verschafft.
Drei Säulen des Aufschwungs
Der aktuelle Höhenflug des Marktes lässt sich auf drei wesentliche Faktoren zurückführen, die Anleger nicht ignorieren sollten:
- Geopolitische Entspannung: Der Aktienmarkt ist vorausschauend. Anleger setzen auf eine schnelle Lösung des Konflikts, da sie davon ausgehen, dass Präsident Trump nachgeben wird, wenn der wirtschaftliche Schmerz zu intensiv wird. Es besteht die Annahme, dass das Schlimmste der Ölpreisstörungen überstanden ist und der Konflikt eingedämmt bleibt, was die globalen wirtschaftlichen Auswirkungen mindert.
- Der KI-Superzyklus: Die Begeisterung der Anleger für Künstliche Intelligenz (KI) und Technologieaktien, die fast die Hälfte der Marktkapitalisierung des S&P 500 ausmachen, hat einen starken, unabhängigen Rückenwind geliefert. Mark Zandi, Chefökonom bei Moody’s, kommentierte: „Diese Aktien laufen nach ihrer eigenen Dynamik, unabhängig von allem, einschließlich des Krieges im Iran.“ Ökonomen von BNP Paribas schrieben in einer Kundenmitteilung, dass das US-BIP bis 2034 dank des groß angelegten KI-gesteuerten Wachstums um mehr als 6 Prozent wachsen könnte, wobei die USA global am besten positioniert seien, um diese Vorteile zu nutzen.
- **Starke Berichtssaison:** Bislang haben etwa 10 Prozent der S&P 500-Unternehmen ihre Ergebnisse gemeldet, und 88 Prozent lieferten positive Überraschungen beim Gewinn pro Aktie. Die amerikanische Wirtschaft liefert weiterhin robuste Umsätze. Analysten hatten für das erste Quartal ein kollektives Gewinnwachstum des S&P 500 von über 16 Prozent im Jahresvergleich prognostiziert, ein Vierjahreshoch.
Die Schattenseiten: Risiken, die Anleger nicht ignorieren dürfen
Trotz der Euphorie bleiben kritische Risiken bestehen, die umsichtige Anleger berücksichtigen sollten:
- Fragilität der Straße von Hormuz: Während Irans Außenminister die Straße als "vollständig offen" bezeichnete, erklärte Präsident Trump, er setze die US-Marineblockade fort, bis ein Friedensabkommen erreicht sei, speziell für iranische Schiffe. Daraufhin erklärte die iranische Regierung die Straße erneut für geschlossen. Dies könnte die Lage schnell wieder umkehren.
- Verschlechtertes makroökonomisches Umfeld: Der IWF senkte seine globale Wachstumsprognose für 2026 von 3,3 Prozent auf 3,1 Prozent und führte Energiepreisspitzen sowie Lieferengpässe an. Die Gesamtinflation wird für das Jahr nun auf 4,4 Prozent prognostiziert. Wenn das globale Wachstum sich verlangsamt und die Inflation hoch bleibt, gerät die Wall Street in eine schwierige Lage. Langsameres Wachstum bedeutet, dass Unternehmen Schwierigkeiten haben könnten, ihre Gewinne zu steigern, während höhere Inflation den Druck auf Kosten und Konsumausgaben aufrechterhält.
- Zinsanpassungen bleiben aus: Früher hofften Anleger auf zwei Zinssenkungen in diesem Jahr, doch diese Erwartungen sind verblasst. Die Federal Reserve wird voraussichtlich die Zinsen in absehbarer Zeit nicht senken. Dies liegt an Inflationsrisiken, insbesondere durch die Hormuz-Blockade, die die Energiepreise in die Höhe treiben könnte. Eine höhere Inflation erschwert der Fed Zinssenkungen, da ihre Priorität darin besteht, die Preise unter Kontrolle zu halten. Derzeit setzen Anleger auf einen relativ hohen Zinssatz bis zum Jahresende. Hohe Zinsen sind im Allgemeinen nicht vorteilhaft für Aktien, da sie die Kreditaufnahme verteuern, die Liquidität reduzieren und das Wirtschaftswachstum verlangsamen können.
Marktpsychologie und Anlegerverhalten
Märkte belohnen selten diejenigen, die auf Gewissheit warten. Bis Risiken als gelöst empfunden werden, haben sich die Preise oft bereits angepasst. Märkte sind größtenteils vorausschauend und probabilistisch, nicht reaktiv und emotional. Ein klares Beispiel hierfür sind die jüngsten Ereignisse: Trotz erhöhter geopolitischer Risiken verhielten sich die Märkte so, als sei ein Worst-Case-Szenario unwahrscheinlich. Der S&P 500 erreichte am 30. März seinen Tiefpunkt nach einem Rückgang von "nur" 9,01 Prozent von seinem Höchststand. Er schien den Konflikt im Nahen Osten zu überblicken und eine relativ kurze Dauer sowie begrenzte wirtschaftliche Auswirkungen zu antizipieren.
Was Anleger jetzt tun sollten
Der S&P 500 hat seit seinem Tief am 30. März 11 Prozent zugelegt, was einmal mehr beweist, dass Kriegsschlagzeilen historisch gesehen ein schlechter Grund sind, Aktien zu verkaufen. Anleger, die während des Iran-Kriegsschocks panisch verkauft haben, verpassten eine der schnellsten Erholungen seit Jahren.
Bei den aktuellen Bewertungen benötigen Anleger weitere gute Nachrichten, um die Rally am Laufen zu halten. Angesichts der bevorstehenden Quartalsergebnisse der großen Technologieunternehmen wird sich die Aufmerksamkeit der Anleger wahrscheinlich auf die Gewinne der "Magnificent Seven" verlagern. Wenn die Tech-Giganten starke Ergebnisse liefern, könnte dies der Katalysator für einen weiteren Aufschwung sein. Das technische Bild zeigt jedoch, dass die Marktbreite dem Preis hinterherhinkt. Bis Donnerstag hatte kein einziger Large-Cap-Sektor in dieser Erholung ein Rekordhoch erreicht, weder intraday noch auf Schlusskursbasis. Dies ist ein Warnsignal, dass die Grundlage der Rally schmaler ist, als die Schlagzeilenzahl vermuten lässt.
Fazit: Ein perfektes Szenario eingepreist?
Mit 7.126 Punkten preist der S&P 500 im Wesentlichen ein nahezu perfektes Ergebnis ein. Der Markt wettet darauf, dass sich die Spannungen um den Iran-Konflikt schnell entspannen, die KI-getriebene Wachstumsgeschichte weiterhin liefert und die Wirtschaft eine sanfte Landung ohne Rückfall in einen Abschwung schafft.
Dieses Szenario ist möglich, lässt aber sehr wenig Raum für Fehler. Geopolitische Risiken entwickeln sich weiterhin, die Bewertungen sind nach historischen Maßstäben bereits hoch und die Federal Reserve hat es nicht eilig, die Zinsen zu senken. Dies sind keine Bedingungen, die typischerweise aggressives Risikoverhalten unterstützen. Das bedeutet, dass das Aufwärtspotenzial von hier aus begrenzt sein könnte, während das Abwärtspotenzial schärfer ausfallen könnte, wenn eine dieser Annahmen zu bröckeln beginnt. Anleger, die die Rally auf diesen Niveaus jagen, wetten effektiv darauf, dass weiterhin alles gut läuft. In einem solchen Umfeld zählt Disziplin mehr als Momentum. Selektiv zu bleiben und Risiken zu managen, dürfte weitaus wichtiger sein, als dem Markt einfach nur nach oben zu folgen.