
Sozialversicherungsrente: Früh beziehen und investieren oder aufschieben?
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Die Frage, wann man Sozialversicherungsleistungen in Anspruch nehmen sollte, ist Gegenstand einer hitzigen Debatte. Während Finanz-Influencer auf Social Media das frühe Beziehen mit 62 Jahren und anschließendes Investieren propagieren, raten traditionelle Finanzexperten meist zum Aufschub bis 70.
Der Reiz des frühen Bezugs und Investierens
Auf Plattformen wie TikTok und YouTube verbreiten sogenannte „Finfluencer“ die Empfehlung, die Rentenleistungen der Sozialversicherung bereits mit 62 Jahren – dem frühestmöglichen Alter – zu beantragen. Die Idee dahinter ist, das monatlich erhaltene Geld anschließend in Aktien zu investieren. Diese Strategie steht im starken Kontrast zu den langjährigen Empfehlungen der meisten Finanzberater und Rentenexperten.
Die Argumentation der Finfluencer basiert auf der Annahme, dass hohe Aktienkurse attraktive Renditen ermöglichen, die den Zuwachs durch das spätere Beziehen der Sozialversicherungsrente übertreffen könnten. Der S&P 500 verzeichnete in diesem Jahr bisher eine Rendite von etwa 14 % und über das letzte Jahrzehnt einen durchschnittlichen jährlichen Ertrag von über 12 % inklusive Dividenden.
Wer seine Sozialversicherungsleistungen mit 62 Jahren beantragt, muss jedoch eine Kürzung von bis zu 30 % gegenüber dem Betrag hinnehmen, der bei Erreichen des vollen Rentenalters (Full Retirement Age, FRA) gezahlt würde. Für Personen, die 1960 oder später geboren wurden, liegt das FRA bei 67 Jahren. Die Befürworter des frühen Bezugs glauben, dass man durch die Investition der frühzeitig bezogenen Leistungen die geringeren monatlichen Zahlungen durch hohe Anlagerenditen ausgleichen kann.
Die traditionelle Expertenmeinung: Aufschub bis 70
Die traditionelle Empfehlung lautet, die Leistungen, wenn finanziell möglich, bis zum Alter von 70 Jahren aufzuschieben. Dies sichert eine höhere monatliche Zahlung für den Rest des Lebens. Laurence Kotlikoff, Wirtschaftsprofessor an der Boston University und Experte für Sozialversicherung, betont gegenüber Yahoo Finance, dass das Verzögern der Leistungen „fast immer absolut Sinn“ mache.
Kotlikoff erklärt: „Der größte Fehler, den Menschen bei der Sozialversicherung machen, ist, die Sozialversicherung zu früh mit einem viel geringeren Leistungsbetrag in Anspruch zu nehmen.“ Er fügt hinzu: „Für die überwiegende Mehrheit der Arbeitnehmer ist das Aufschieben der Sozialversicherung bis zum Alter von 70 Jahren die optimale Strategie.“
Garantierte Vorteile durch verzögerten Rentenbeginn
Wer die Leistungen vom vollen Rentenalter (FRA) bis zum Alter von 70 Jahren aufschiebt, erhält sogenannte „Delayed Retirement Credits“. Diese führen zu einer Erhöhung von etwa 8 % pro Jahr, bis das Alter von 70 Jahren erreicht ist. Danach werden keine weiteren Gutschriften mehr gesammelt.
Im Gegensatz zu potenziellen, aber unsicheren Marktrenditen ist der höhere Leistungsbetrag, den man durch das Aufschieben erhält, garantiert, risikofrei und kommt mit einer automatischen jährlichen Inflationsanpassung (Cost-of-Living Adjustment, COLA). Kathleen Romig, Direktorin für Sozialversicherungs- und Behindertenpolitik am Center on Budget and Policy Priorities, hebt hervor: „Die jährlichen Inflationsanpassungen sind für die meisten Rentner die einzige Quelle ihres Renteneinkommens, die keinem Inflationsrisiko unterliegt.“
Romig betont weiter: „Dieser Inflationsschutz ist wirklich wichtig, da die Sozialversicherung die größte Einkommensquelle für die meisten Rentner ist.“ Die Sicherheit und der Inflationsschutz der Sozialversicherungsleistungen sind entscheidende Faktoren, die bei der Entscheidung berücksichtigt werden sollten.
Abwägung der Strategien
Während die Idee, frühzeitig zu investieren, in Zeiten hoher Marktrenditen verlockend erscheinen mag, birgt sie inhärente Risiken. Niemand hat eine Glaskugel für zukünftige Renditen, und die Volatilität des Aktienmarktes kann nicht ignoriert werden. Der höhere Leistungsbetrag durch das Aufschieben ist hingegen garantiert.
Die Entscheidung zwischen einem frühen Bezug und einer Investition oder dem Aufschub der Sozialversicherungsleistungen bis 70 Jahre hängt letztlich von der individuellen Risikobereitschaft und der finanziellen Situation ab. Experten tendieren jedoch klar zur Strategie des Aufschubs, um garantierte und inflationsgeschützte höhere Rentenzahlungen zu sichern.