
Südkorea: Iran-Krieg treibt "fundamentale Energiewende" zu Erneuerbaren an
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Der Iran-Krieg hat sich für Südkorea als entscheidender Wendepunkt erwiesen, um die Abkehr von Öl und fossilen Brennstoffen hin zu erneuerbaren Energien zu beschleunigen. Angesichts der extremen Abhängigkeit von Energieimporten und der daraus resultierenden Anfälligkeit für globale Preisschwankungen, wächst im Land der Konsens für eine fundamentale Energiewende. Diese Entwicklung soll die Energiesicherheit des Landes langfristig gewährleisten und die wirtschaftliche Stabilität stärken.
Südkoreas drastische Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen
Südkorea ist in hohem Maße von Energieimporten abhängig und zählt zu den weltweit größten Importeuren von Öl, Flüssigerdgas (LNG) und Kohle. Das Land importiert 97 % seines Energiebedarfs, wobei etwa 70 % seines Rohöls und rund 20 % seines LNG aus dem Nahen Osten stammen. Diese Abhängigkeit macht Südkorea extrem anfällig für Volatilität auf den globalen, fremdwährungsdominierten Energiemärkten.
Der am 27. Februar 2026 ausgebrochene Iran-Konflikt hat die globalen Energiemärkte stark erschüttert. Die Rohölpreise stiegen um 50 %, und die Spotpreise für LNG verdoppelten sich nahezu. Präsident Lee Jae Myung äußerte am 30. März 2026 auf Jeju Island seine Besorgnis: „Die Republik Korea muss sich als Ganzes sehr schnell auf erneuerbare Energien zubewegen. Unsere Zukunft wäre ernsthaft gefährdet, wenn wir weiterhin auf fossile Brennstoffe angewiesen sind.“ Er betonte, dass die Situation „schlimmer ist, als man denkt“ und sich weiter verschlechtern könnte, da Südkorea selbst keine fossilen Brennstoffe produziert und der Import zunehmend problematisch wird. Die Schließung der Straße von Hormus durch den Iran, durch die täglich ein Viertel des weltweiten Öls und ein Fünftel der LNG-Lieferungen transportiert werden, sowie Angriffe auf Katars Ras Laffan-Anlage, den größten LNG-Exportknotenpunkt der Welt, haben die Engpässe zusätzlich verschärft.
Ein "fundamentaler Wendepunkt" für die Energiewende
Kim Sung-hwan, Südkoreas Minister für Klima, Energie und Umwelt, bezeichnete den Iran-Krieg als „bedeutenden Wendepunkt“ für die Energiewende des Landes. Es gebe einen „wachsenden nationalen Konsens, dass wir eine fundamentale Energiewende vollziehen müssen“. Südkorea hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 eine Kapazität von 100 Gigawatt (GW) an erneuerbaren Energien zu erreichen. Aktuell liegt die Gesamtkapazität bei 37 GW, so das Renewable Energy Institute.
Der Fokus liegt dabei auf Wind- und Solarenergie. Minister Kim Sung-hwan erklärte, dass man sich kurzfristig auf Solarenergie als effektivste Lösung konzentrieren werde, da Windkraft von der Vorbereitung bis zur tatsächlichen Stromerzeugung erhebliche Zeit in Anspruch nimmt. Im Jahr 2025 deckte Südkorea nur etwa 9 % seines Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen, hauptsächlich aus Solarenergie. Kim zeigte sich zuversichtlich hinsichtlich des Solarpotenzials des Landes. Seoul erhält durchschnittlich 2.148 Sonnenstunden pro Jahr, und Provinzen wie Süd-Jeolla und die Insel Jeju verzeichnen sogar 100 Stunden mehr als die Hauptstadt. Er hob hervor, dass Südkorea diesbezüglich „in einer viel besseren Position“ sei als Deutschland.
Beschleunigte Strategie und Notfallmaßnahmen
Als Reaktion auf die drohenden Rohstoffpreisspitzen und Lieferengpässe hat die südkoreanische Regierung Notfallmaßnahmen eingeführt, um den Energiebedarf zu decken und die Inflation zu mildern. Dazu gehören eine Obergrenze für Kraftstoffpreise, Bemühungen zur Sicherung alternativer Öl- und Gaslieferungen, eine vorübergehende Lockerung der Kohleverstromungsgrenzen sowie ein beschleunigter Plan zur Wiederinbetriebnahme von fünf Kernreaktoren. Zwei Reaktoren haben bereits den Betrieb wieder aufgenommen, die restlichen sollen bis Mai 2026 folgen.
Nach einer Kabinettssitzung am 6. April stellte die Regierung einen beschleunigten Fahrplan vor, der erneuerbare Energien in den Mittelpunkt ihrer Strategie stellt. Zu den Kernmaßnahmen gehören:
- Ausbau der erneuerbaren Energien auf über 20 % der Stromerzeugung.
- Beschleunigte Bereitstellung von 100 GW bis 2030.
- Übergang von gasbasierter Wärmeenergie zu erneuerbaren Wärmequellen.
- Umstrukturierung des nationalen Stromnetzes zu einem dezentraleren und flexibleren System.
- Positionierung Südkoreas unter den Top 3 der Weltführer in der grünen Fertigung.
Ein Ergänzungshaushalt sieht rund 500 Milliarden Won für die Energiewende vor, um die Netzinfrastruktur zu modernisieren und die jährliche Unterstützung für Projekte im Bereich erneuerbare Energien auf einen Rekordwert von 1,1 Billionen Won (670 Millionen US-Dollar) zu erhöhen.
Das "Solar-Einkommensdorf"-Programm als Modell
Ein nationales Vorzeigeprojekt für Südkoreas Energiewende ist das schnell wachsende „Solar-Einkommensdorf“-Programm, das bis 2030 2.500 Dörfer erreichen soll. Das Dorf Guyang-ri, ein Bauerndorf mit 70 Haushalten südöstlich von Seoul, dient als Prototyp. Eine Ein-Megawatt-Solaranlage generiert dort monatlich etwa 10 Millionen Won (6.800 US-Dollar) Nettogewinn.
Diese Einnahmen finanzieren gemeinschaftliche kostenlose Mittagessen, einen „Glücksbus“ für ältere Menschen, eine Tischtenniseinrichtung und kulturelle Aktivitäten. Jeon Joo-young, der Dorfvorsteher, betont, dass die Bewohner bewusst entschieden haben, die Solareinnahmen für das Gemeinwohl statt für individuelle Dividenden zu verwenden. Dies stärke die Bindungen und die Solidarität zwischen den Bewohnern erheblich und mache das Leben angenehmer. Die Regierung plant, in diesem Jahr 700 solcher Dörfer zu schaffen, was eine deutliche Steigerung gegenüber den bisherigen rund 150 darstellt. Zusätzlich werden 400 Milliarden Won an zinsgünstigen Darlehen für dieses Programm bereitgestellt, um den Ausbau von Solaranlagen in den Dörfern zu beschleunigen. Minister Kim Sung-whan kommentierte: „Weltweit treibt der Nahostkrieg eine noch schnellere Beschleunigung der Energiewende voran, daher muss auch Korea das Tempo erhöhen.“