
US Army revolutioniert Logistik mit KI: Nachschub wie ein Amazon-Paket
ℹKeine Anlageberatung • Nur zu Informationszwecken
Die US Army steht vor der Herausforderung, ihre Truppen an vorderster Front kampfbereit zu halten, insbesondere in komplexen Konflikten. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und Engpässe bei Munition, Ausrüstung und medizinischer Versorgung zu vermeiden, setzt das Militär auf eine umfassende Modernisierung seiner Logistik durch künstliche Intelligenz und digitale Vernetzung. Das Ziel: die Transparenz eines kommerziellen Paketdienstes für militärische Lieferketten zu erreichen.
Revolution in der Militärlogistik: Das NGC2-System
Das neue "Next Generation Command and Control" (NGC2)-System der US Army ist ein zentraler Pfeiler dieser Transformation. Es wurde entwickelt, um Daten, Sensoren und Einheiten auf dem Schlachtfeld miteinander zu verbinden und Kommandeuren schnellere Entscheidungen zu ermöglichen. Dies ist entscheidend, da feindliche Störsender, Cyberangriffe oder Langstreckenwaffen den Nachschubfluss erheblich stören könnten.
NGC2 ist das Ergebnis eines iterativen Prozesses, an dem Soldaten, Führungskräfte und Kommandoebenen beteiligt waren. Es soll die kritischen Elemente der Logistik, die historisch oft isoliert waren, miteinander verknüpfen und so eine fundierte Entscheidungsfindung ermöglichen.
Künstliche Intelligenz als Rückgrat: Rune Technologies' TyrOS
Ein wesentlicher Bestandteil von NGC2 ist die Software TyrOS von Rune Technologies, die künstliche Intelligenz (KI) und maschinelles Lernen nutzt. TyrOS hilft Logistikern, den Bedarf von Einheiten zu antizipieren und zu priorisieren, bevor Engpässe entstehen. David Tuttle, CEO von Rune, betont, dass das System darauf abzielt, Logistikern und Kommandeuren ein integriertes System zur Unterstützung ihrer Kampffunktion zu bieten.
Die Technologie sammelt große Datenmengen von Sensoren und eingesetzten Einheiten, um den Bedarf der Soldaten, den Transportweg und den Inventarstatus zu verfolgen. Sie kann beispielsweise die Feuerrate einer Waffe analysieren, um den Munitionsbedarf vorherzusagen, oder Sensoren an Fahrzeugen nutzen, um Wartungsbedarf oder Treibstoffmangel frühzeitig zu erkennen. TyrOS ist zudem darauf ausgelegt, in Umgebungen mit eingeschränkter Kommunikation zu funktionieren, indem es Datenübertragungen priorisiert und kurze Verbindungsfenster nutzt. Tuttle beschreibt TyrOS auch als "Single-Player-Modus"-System, das auch ohne ständige Konnektivität prädiktive und planende Funktionen bietet und sich bei Wiederverbindung schnell synchronisiert.
Praxistests und iterative Entwicklung
Die Integration von TyrOS und anderen Anwendungen in NGC2 erfolgt durch eine Reihe von Übungen, bei denen Industrieunternehmen und Soldaten eng zusammenarbeiten, um das System iterativ anzupassen. Rune Technologies nahm im Dezember letzten Jahres an NGC2-Tests mit der 25th Infantry Division in Hawaii teil, und Anfang dieses Jahres testete die 4th Infantry Division in Fort Carson, Colorado, die Software.
Maj. Gen. Patrick Ellis, Kommandeur der 4th ID, vergleicht die angestrebte Klarheit mit der zivilen Welt: „Im kommerziellen Bereich wissen Sie, wo sich Ihre Amazon-Pakete in jedem Schritt des Weges befinden. Wir brauchen dieselbe Genauigkeit.“ Mit jeder Übung werden mehr Waffen, Daten und Sensoren verbunden, und die Szenarien, gegen die NGC2 getestet wird – wie etwa die Funktionsfähigkeit bei Störungen und elektronischer Kriegsführung – nehmen an Umfang und Komplexität zu.
Gemeinsame Anstrengungen für eine resiliente Lieferkette
Die Modernisierung der Logistik ist eine gemeinsame Anstrengung über alle Militärdienste hinweg. Lt. Gen. Gavin Lawrence, stellvertretender Kommandierender General des Army Materiel Command (AMC), und Lt. Gen. Linda Hurry, Kommandeurin des Air Force Materiel Command, betonten auf dem Logistics Forum der National Defense Industrial Association die Dringlichkeit der gemeinsamen Logistikintegration. Lawrence bezeichnete die strategische Logistik als das Bindeglied zwischen nationaler Strategie und operativer Ausführung.
Beide Führungspersönlichkeiten hoben die Notwendigkeit hervor, die Organic Industrial Base (OIB) und das breitere Verteidigungsindustrie-Ökosystem zu modernisieren. AMC tätigt gezielte Investitionen, um die Produktionskapazität, Datentransparenz und Lieferkettenresilienz zu verbessern. Hurry betonte, dass die Dienste nicht isoliert modernisieren können: „Wir müssen in der Lage sein, zusammenzuarbeiten.“
NATO-Kooperation und multinationale Übungen
Die Bedeutung integrierter Logistik zeigt sich auch in internationalen Kooperationen. Bei der NATO-Übung Cold Response 26 etablierten die USA und Norwegen erstmals ein voll integriertes gemeinsames Logistikkommando, die Combined Joint Logistics Support Group. Diese Gruppe, bestehend aus Personal des U.S. Marine Corps und der norwegischen Streitkräfte, verwaltet die Aufnahme, Bereitstellung und Weiterbewegung von Ausrüstung und Personal sowie die Nachschuboperationen für multinationale Streitkräfte aus 12 Nationen.
Unter der Führung von Brigadegeneral Maura Hennigan (U.S. Marine Corps) und Brigadegeneral Nina S. Berg (Norwegian Joint Logistics Support Group) dient diese Struktur als logistisches Rückgrat der Übung. Sie ermöglicht es den teilnehmenden Kräften, ein hohes operatives Tempo aufrechtzuerhalten und sich auf ihre Trainingsziele zu konzentrieren, insbesondere in der anspruchsvollen arktischen Umgebung.
Beschleunigte Beschaffung und Finanzierung der Transformation
Die umfassende Modernisierung erfordert erhebliche finanzielle Mittel und eine beschleunigte Beschaffung. Das Pentagon drängt darauf, über 150 Milliarden US-Dollar aus dem sogenannten „One Big Beautiful Bill“ bis zum 30. September 2026 zuzuweisen, obwohl die Mittel bis 2029 autorisiert sind. Dies soll die Gelder politisch schützen, wie Mark Cancian vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) anmerkt.
Der Finanzierungsplan umfasst unter anderem:
- 5 Milliarden US-Dollar für Investitionen in die Lieferkette kritischer Mineralien (3 Mrd. in 2026, 2 Mrd. in 2027).
- 688 Millionen US-Dollar für die Entwicklung und Produktion von Langstrecken-Marschflugkörpern.
- 198 Millionen US-Dollar für 73 Maritime Strike Tomahawk-Kits.
Analysten wie Greg Williams vom Project On Government Oversight weisen jedoch darauf hin, dass die Unvorhersehbarkeit der Nachfrage nach Verteidigungsgütern die Kosten erhöht und Investitionen in die Produktionskapazität hemmt. Die US Army reagiert auf diese Herausforderungen auch mit einer Reorganisation ihrer Beschaffungsprozesse, weg von Program Executive Offices (PEO) hin zu Portfolio Acquisition Executives (PAE), um die IT-Modernisierung zu beschleunigen und Entscheidungen schneller zu treffen. Dabei werden verstärkt Enterprise Agreements (EA), Commercial Solutions Openings (CSOs) und Other Transaction Authorities (OTAs) genutzt, um innovative kommerzielle Lösungen schnell zu integrieren und eine „Plattform-First“-Umgebung zu fördern.