
US-Wirtschaft: Rezessionssignale in Schlüsselindustrien trotz BIP-Wachstum
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Die US-Wirtschaft präsentiert sich auf den ersten Blick robust mit solidem BIP-Wachstum und einer historisch niedrigen Arbeitslosenquote. Doch unter der Oberfläche zeigen sich beunruhigende Risse: Mehrere Schlüsselindustrien kämpfen mit rückläufiger Nachfrage und steigenden Kosten, was das Risiko einer Rezession erhöht. Es ist entscheidend, diese Entwicklungen klar zu identifizieren, anstatt sie zugunsten breiter aggregierter Messgrößen zu ignorieren.
Die trügerische Ruhe der US-Wirtschaft
Während das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den letzten beiden Quartalen um über 3 % gewachsen ist und die Arbeitslosenquote mit 4,4 % historisch niedrig erscheint, warnen Experten vor einer zu oberflächlichen Betrachtung. Ökonomen, Marktanalysten und Politiker neigen dazu, sich auf aggregierte Statistiken zu verlassen, doch diese können wichtige Entwicklungen unter der Oberfläche ignorieren. Wie Neil Dutta, Head of Economics bei Renaissance Macro Research, anmerkt, kann selbst die gesündeste Person einen hohen Cholesterinspiegel haben.
Die Gefahr liegt in der Nichtlinearität des Arbeitsmarktes. Ein scheinbar stabiles, graduelles Abkühlen kann abrupt in eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale münden, bei der die Arbeitslosenzahlen exponentiell ansteigen. Anstatt eines langsamen Anstiegs der Arbeitslosenquote um 0,1 Prozentpunkte pro Monat, könnte es zu Sprüngen von 0,2 oder 0,3 Punkten kommen. Diese plötzlichen Umschwünge werden vom Konsens meist erst im Nachhinein erkannt.
Warnsignale aus Schlüsselindustrien
US-Finanzminister Scott Bessent räumte Anfang November in einem CNN-Interview ein, dass sich Teile der Wirtschaft bereits in einem ernsthaften Abschwung befinden: "Ich denke, wir sind in guter Verfassung, aber ich denke, dass es Sektoren der Wirtschaft gibt, die sich in einer Rezession befinden." Eine genauere Analyse zeigt, dass die besorgniserregendsten Signale aus vier großen Beschäftigungsbereichen kommen.
Wohnungsbau unter Druck
Der Wohnungsbau zeigt deutliche Anzeichen einer bevorstehenden Schwäche. Ein hoher Bestand an unverkauften Häusern zwingt Bauunternehmen, den Neubau zu drosseln und sich auf den Abverkauf bestehender Bestände zu konzentrieren. Auch die Baugenehmigungen deuten auf eine potenzielle Schwäche der zukünftigen Bautätigkeit hin, was darauf hindeutet, dass die Branche im Verhältnis zu ihren aktuellen Aktivitäten zu viele Arbeitskräfte beschäftigt.
Gewerbeimmobilien im Abwärtstrend
Die Investitionen in Geschäftsgebäude sind laut den neuesten BIP-Daten seit sechs Quartalen rückläufig, selbst unter Berücksichtigung des massiven Ausbaus von KI-Rechenzentren. Die Architektenrechnungen, ein Index des American Institute of Architects für den Nichtwohnungsbau, bleiben schleppend. Da ein Gebäude zuerst geplant werden muss, bevor es gebaut werden kann, deutet diese Schwäche in der Planungsphase darauf hin, dass kein bevorstehender Boom im Gewerbeimmobilienbau zu erwarten ist.
Gastronomie kämpft mit Margen und Nachfrage
Große Casual-Dining-Ketten wie Chipotle und Sweetgreen verzeichneten in den letzten Quartalen ein schwächeres Umsatzwachstum, hauptsächlich aufgrund einer geringeren Nachfrage bestimmter Verbrauchergruppen, darunter 25- bis 34-Jährige. Viele Ketten planen, höhere Lebensmittelpreise aufgrund von Lieferengpässen zu absorbieren, was ihre Margen weiter schmälert. Sinkende Produktivität pro Mitarbeiter im Gastgewerbe deutet darauf hin, dass viele Restaurants überbesetzt sind und Entlassungen bevorstehen könnten.
Öffentlicher Sektor vor Herausforderungen
Bisher konzentrierte sich der Druck auf die Beschäftigung im öffentlichen Sektor hauptsächlich auf die Bundesregierung. Nun stehen jedoch auch staatliche und lokale Regierungen unter Druck, da die COVID-Ära-Finanzierungen auslaufen. Angesichts dieser schwierigen Entscheidungen sind Arbeitsplatzverluste in staatlichen und lokalen Verwaltungen eine realistische Grundannahme.
Weitere Sektoren mit Gegenwind
Neben diesen vier Hauptbereichen zeigen auch andere Industrien mit geringerem Beschäftigungsumfang Anzeichen einer Abschwächung.
Fracht und Logistik im Rückwärtsgang
Es werden weniger Güter im Land transportiert. Die Zahl der Schiffsladungen von Asien in die USA ist gegenüber dem Vorjahr um etwa 30 % gesunken, und die Bahnverladungen sind um etwa 6 % zurückgegangen. Auch die LKW-Branche verzeichnet eine schrumpfende Kapazität. Weniger zu transportierende Güter bedeuten einen geringeren Bedarf an Fahrern, Ladearbeitern und anderen Arbeitskräften.
Bergbau und Holzprodukte
Die Rohölpreise liegen unter dem Niveau, das für profitable Investitionen in neue Bohranlagen erforderlich wäre, was Energieunternehmen von Neueinstellungen abhalten dürfte. Ähnlich verhält es sich mit Holzprodukten: Die Holzpreise liegen unter dem Niveau, bei dem die meisten Sägewerke profitabel arbeiten können. Obwohl Bergbau und Holzgewinnung einen relativ kleinen Teil der privaten Beschäftigung ausmachen, sind sie rückläufig.
Höhere Bildung unter Sparzwang
Sinkende Einschreibungszahlen, Budgetkürzungen und reduzierte staatliche Forschungsförderung belasten den Hochschulsektor. Immer mehr Hochschulen und Universitäten greifen zu Personalabbau. Die Beschäftigung an Hochschulen und Universitäten blieb im Jahr 2025 bisher gegenüber dem Vorjahr stabil, doch angesichts der Budgetkürzungen ist es fraglich, wie lange diese Widerstandsfähigkeit anhalten kann.
Der Arbeitsmarkt: Eine tickende Zeitbombe?
Die Verlangsamung des Arbeitsmarktes vollzieht sich auf eine typische Weise: Die Zahl der offenen Stellen ist gesunken, die Einstellungsraten haben sich abgekühlt, und nun ist ein Anstieg der Entlassungen von historisch niedrigen Niveaus zu beobachten. Randgruppen wie jüngere Menschen und Schwarze Amerikaner sind davon stärker betroffen als Arbeitnehmer in sichereren Positionen; so stieg die Arbeitslosigkeit bei Schwarzen Frauen über 20 Jahren im September auf 7,5 %.
Der verspätet veröffentlichte September-Arbeitsmarktbericht, dessen Daten aufgrund eines Regierungs-Shutdowns verzögert wurden, zeigte zwar 119.000 neue Arbeitsplätze. Doch die Arbeitslosenquote stieg auf 4,4 % und erreichte damit den höchsten Stand seit Anfang 2024. Zudem wurden die Zahlen für Juli und August um insgesamt 33.000 Arbeitsplätze nach unten korrigiert, wobei der August, ursprünglich als Gewinn gemeldet, nun als Verlust von etwa 4.000 Arbeitsplätzen ausgewiesen wurde.
Die anhaltenden Arbeitslosenansprüche stiegen von Mitte September bis Oktober stetig an, was darauf hindeutet, dass entlassene Arbeitnehmer länger brauchen, um neue Stellen zu finden. Da der Oktober-Arbeitsmarktbericht abgesagt wurde, fehlen den politischen Entscheidungsträgern wichtige Datenpunkte vor der Dezember-Sitzung der Fed.
Große Unternehmen wie Verizon (über 13.000 Entlassungen im November), General Motors (etwa 1.700 im Oktober, weitere "temporäre" Anfang nächsten Jahres) und Paramount (etwa 2.000, davon 1.000 im Oktober) haben bereits umfangreiche Stellenstreichungen angekündigt. Diese Entlassungen werden sich voraussichtlich zwischen Ende Dezember und Januar in den offiziellen Statistiken niederschlagen.
Inflation und Zinspolitik im Fokus
Die Inflation ist seit Anfang des Jahres wieder gestiegen, hauptsächlich getrieben von den Preisen für Kernwaren. Die Gesamtinflation (CPI) stieg von 2,3 % im April auf 3,0 % im September. Die Kerninflation (Core CPI), die volatile Lebensmittel- und Energiekomponenten ausschließt, stieg im gleichen Zeitraum nur um 0,2 Prozentpunkte. Robert G. Valletta, Associate Director of Research und Senior Vice President bei der Federal Reserve Bank of San Francisco, merkte am 20. November 2025 an, dass die Anstiege wahrscheinlich mit höheren Zöllen zusammenhängen, aber geringer ausfielen als ursprünglich prognostiziert. Die SF Fed geht davon aus, dass die Inflation im nächsten Jahr wieder in Richtung 2 % zurückgehen wird.
Angesichts der Anzeichen einer Abschwächung des Arbeitsmarktes haben die Märkte ihre Erwartungen an die Geldpolitik angepasst. Die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung der Federal Reserve im Dezember ist auf etwa 40 % gestiegen, gegenüber etwa 30 % wenige Tage zuvor. Einige Fed-Beamte sehen im Anstieg der Arbeitslosigkeit und den anhaltenden Entlassungen einen Grund für eine Senkung um 25 Basispunkte, während andere angesichts der Inflation über dem 2 %-Ziel und geopolitischer Spannungen vorsichtig bleiben.
Fazit: Riptides unter der Oberfläche
Die rezessionsähnlichen Dynamiken in verschiedenen Branchen erhöhen das Risiko weiterer Entlassungen in den kommenden Quartalen. Da die Einstellungsrate niedrig ist, könnte ein kleiner Anstieg der Entlassungen einen überproportional großen Effekt auf die Arbeitslosigkeit haben. Eine tiefere Verlangsamung des Arbeitsmarktes würde eine Abwärtsspirale auslösen: Menschen reduzieren ihre Ausgaben, Unternehmen verlieren Einnahmen, entlassen weitere Mitarbeiter, was die Konsumausgaben weiter schrumpfen lässt.
Obwohl der amerikanische Wirtschafts-"Ozean" aus 30.000 Fuß Höhe ruhig erscheint, brauen sich unter der Oberfläche mehrere gefährliche Strömungen zusammen.