
30-jährige US-Staatsanleihe: CIO sieht Chance, Ökonom warnt vor Stagflation
ℹKeine Anlageberatung • Nur zu Informationszwecken
Ein erfahrener Chief Investment Officer sieht in der 30-jährigen US-Staatsanleihe eine der attraktivsten Anlagemöglichkeiten am aktuellen Markt. Während viele Strategen mittelfristige Anleihen bevorzugen, setzt Elliott Dornbusch von CV Advisors, das 20 Milliarden US-Dollar verwaltet, auf die lange Laufzeit, da er fallende Langfristrenditen erwartet. Diese Position steht im Kontrast zu den anhaltenden Sorgen einiger Ökonomen vor einer möglichen Stagflation.
Ungewöhnliche Empfehlung: Die 30-jährige US-Staatsanleihe
Die 30-jährige US-Staatsanleihe wird selten als Top-Anlagemöglichkeit genannt. Investoren konzentrieren sich typischerweise auf die 10-jährige Treasury-Rendite, die Hypothekenzinsen beeinflusst und als Indikator für längerfristige Inflationserwartungen dient, sowie auf den kurzfristigen Leitzins der Federal Reserve. Doch Elliott Dornbusch, CIO bei CV Advisors, betrachtet die 30-jährige Anleihe als eine der attraktivsten Optionen.
Die Renditen der 30-jährigen Anleihe liegen derzeit bei robusten 4,8%, deutlich höher als die 4,14% der 10-jährigen Anleihe. Dieser Unterschied erklärt sich dadurch, dass Anleger eine höhere Kompensation für das zusätzliche Durationsrisiko verlangen, das sie bei einer längeren Laufzeit eingehen.
Warum die lange Laufzeit? Dornbuschs Argumente
Die extrem lange Laufzeit der 30-jährigen Anleihe wird von vielen als unerwünschte Eigenschaft angesehen. Steigen die Renditen und fällt der Wert der Anleihe, möchte man sie nicht drei Jahrzehnte lang halten. Dornbusch hingegen spekuliert darauf, den Vermögenswert deutlich früher mit Gewinn verkaufen zu können. Er erwartet, dass die Renditen von ihrem aktuellen Niveau fallen werden, was wiederum die Anleihekurse steigen lässt.
Dafür nennt er zwei Hauptgründe. Erstens glaubt er, dass Anleger das langfristige Inflationsrisiko, teilweise bedingt durch Zölle, überbewerten. Zwar führen Importzölle zu höheren Güterpreisen, sie reduzieren aber auch die Nachfrage nach Dienstleistungen, was die Gesamtinflationsgleichung ausgleicht. Dornbusch merkt an: "Wenn man langfristig denkt, sind Zölle deflationär, weil sie den Menschen Geld aus der Tasche ziehen." Er fügt hinzu: "Die Leute gehen dann vielleicht nicht nach Disney." Zudem sei dies theoretisch eine einmalige Preisbewegung.
Zweitens, sollte der Aktienmarkt irgendwann eine Baisse erleben, würden Anleger wahrscheinlich Sicherheit in langfristigen Treasurys suchen. Diese erhöhte Nachfrage nach risikofreien Vermögenswerten würde deren Wert steigern und die Renditen senken. Wer zu aktuellen Preisen gekauft hat, könnte sie dann mit Gewinn verkaufen. In diesem Sinne dient die Anleihe auch als Portfolio-Hedge. Dornbusch prognostiziert: "Man könnte in den nächsten 4 Jahren eine Rendite auf die 30-jährige Treasury erzielen, die einer 10%-Rendite ähnelt – sowohl aus Kupon als auch aus Wertsteigerung, wenn man die Geduld hat." Er ergänzt: "Sie dient auch als hervorragende Absicherung für meine Long-Equity-Position."
Stagflation als Gegenwind? Die Sicht von Apollo
Während Dornbusch eine spezifische Chance im Anleihenmarkt sieht, warnt Torsten Slk, Chefökonom bei Apollo Global Management, vor einem anderen Szenario: Stagflation. Er hält Stagflation für eines der größten Risiken für die Federal Reserve im kommenden Jahr, obwohl die Inflationsdaten im November eine leichte Entspannung zeigten. Dieses Risiko gefährdet eine wichtige Triebfeder der Aktienmarktrallye: die Aussicht auf weitere Zinssenkungen.
Slk betont: "Ich denke immer noch, dass Stagflation ein Risiko ist, weil es immer noch Gegenwind gibt, besonders wenn KI nicht liefert." Er verweist auf Abwärtsrisiken für das Wachstum und Aufwärtsrisiken für die Verbraucherpreise im neuen Jahr. Stagflation, oft als eines der Worst-Case-Szenarien für die Wirtschaft bezeichnet, beschreibt eine Situation, in der das Wachstum schleppend bleibt, während die Inflation erhöht ist. Dies erschwert den politischen Entscheidungsträgern die Reaktion, da hohe Inflation die Fed daran hindert, die Zinsen zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums zu senken.
Die Rolle der Fed und zukünftige Risiken
Auf dem Papier scheinen sich die Dinge in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen: Das BIP der USA wuchs im dritten Quartal robust um voraussichtlich 3,5%, und die Inflation kühlte im November auf 2,7% im Jahresvergleich ab. Doch Slk sieht die Anfälligkeit der USA für Stagflation als real an. Er weist auf das Risiko hin, dass KI-Firmen ihre Ausgaben für Technologie drosseln könnten oder dass die bereits investierten Milliarden nicht die erwarteten Renditen liefern.
Ein vorausschauender Inflationsindikator, der ISM Services Prices Index, lag im November bei 65,4% und damit deutlich im Expansionsbereich. Auch Zentralbanker scheinen sich laut Slk Sorgen um Stagflation zu machen. Die Anzahl der FOMC-Mitglieder, die Risiken für Inflation und Arbeitslosigkeit als nach oben gerichtet ansahen, übertraf die Zahl derer, die Abwärtsrisiken sahen. Slk schrieb dazu in einer Kundennotiz: "Mit anderen Worten, die Fed prognostiziert weiterhin Stagflation und ist besorgt, dass wir im Jahr 2026 gleichzeitig steigende Inflation und steigende Arbeitslosigkeit erleben könnten." Er fügte hinzu: "Unterm Strich werden wir in den nächsten sechs Monaten, und besonders im April, einige ziemlich bedeutsame Risiken sehen, dass die Inflation immer noch erhöht sein wird."