
Fed im Umbruch: Powell bleibt, Warsh übernimmt – Zinskurs unter Druck
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Die Federal Reserve steht vor einem historischen Übergang: Erstmals seit fast 80 Jahren wird ein amtierender und ein designierter Vorsitzender gemeinsam Geschäfte führen. Während Jerome Powell seinen Posten als Fed-Chef an Kevin Warsh übergibt, bleibt er als Gouverneur im Gremium, was inmitten politischer Spannungen und unterschiedlicher geldpolitischer Ansichten für hohe Erwartungen sorgt. Die jüngsten Abstimmungen im Offenmarktausschuss (FOMC) zeigen bereits tiefe Gräben bezüglich des zukünftigen Zinskurses auf.
Historischer Übergang an der Federal Reserve
Die Federal Reserve erlebt einen beispiellosen Moment: Wenn der Offenmarktausschuss (FOMC) Mitte Juni zusammentritt, werden erstmals seit fast 80 Jahren ein amtierender und ein ehemaliger Vorsitzender gemeinsam an den Geschäften teilnehmen. Jerome Powell, dessen Amtszeit als Vorsitzender im Mai endet, hat angekündigt, als Gouverneur im Fed-Vorstand zu bleiben. Dies ist das erste Mal seit 1948, dass ein ehemaliger Fed-Vorsitzender nach seinem Rücktritt als Gouverneur im Gremium verbleibt, damals Marriner Eccles.
Kevin Warsh, der von Präsident Donald Trump nominierte Nachfolger Powells, wurde vom Senatsbankenausschuss mit 13 zu 11 Stimmen, streng entlang der Parteilinien, bestätigt. Warshs Bestätigung im US-Senat wird in den kommenden Tagen erwartet. Er hat sich für einen "Regimewechsel" bei der Fed ausgesprochen und wird von Trump, einem scharfen Kritiker Powells, als jemand gesehen, der die gewünschten Zinssenkungen liefern wird.
Politische Spannungen und Zentralbankunabhängigkeit
Powells Entscheidung, als Gouverneur zu bleiben, wird von Beobachtern als ein Versuch gewertet, die Unabhängigkeit der Zentralbank zu wahren. Er begründete seinen Verbleib mit "beispiellosen" rechtlichen Angriffen der Trump-Administration, die die Institution gefährden würden. Powell betonte, er wolle auf den Abschluss der Untersuchung des Generalinspektors zur Renovierung des Fed-Hauptquartiers warten, um "endgültige Klarheit und Transparenz" zu erhalten.
Die politische Einflussnahme auf die Federal Reserve ist ein zentrales Thema. Joseph Brusuelas, Chefökonom bei RSM, kommentierte, dass weiterer Druck auf die Fed, die Zinsen aufgrund des politischen Zyklus zu senken, auf "einen viel stärkeren Widerstand" stoßen werde, nicht nur von Powell, sondern auch von anderen Fed-Mitgliedern. Er sieht darin einen "Angriff auf die Unabhängigkeit der Zentralbank". Senatorin Elizabeth Warren äußerte Bedenken, Warsh könnte ein "Marionette" für Trump sein.
Getrennte Wege bei der Geldpolitik
Die jüngste FOMC-Sitzung, die voraussichtlich Powells letzte als Vorsitzender war, offenbarte tiefe Spaltungen innerhalb des Ausschusses. Die Entscheidung, den Leitzins unverändert in einer Spanne von 3,5 % bis 3,75 % zu belassen, erfolgte mit einer überraschend knappen Mehrheit von 8 zu 4 Stimmen. Dies war das erste Mal seit 30 Jahren, dass vier oder mehr Mitglieder von der Mehrheitsentscheidung abwichen.
Fed-Gouverneur Stephen Miran sprach sich für eine sofortige Zinssenkung um einen Viertelpunkt aus. Drei weitere "falkenhafte" Mitglieder – Neel Kashkari (Präsident der Fed von Minneapolis), Lorie Logan (Präsidentin der Fed von Dallas) und Beth Hammack (Präsidentin der Fed von Cleveland) – stimmten zwar für das Halten der Zinsen, lehnten jedoch eine Formulierung in der Erklärung ab, die auf eine zukünftige Zinssenkung hindeuten könnte. Sie halten sogar eine Zinserhöhung für möglich.
Wirtschaftliche Realität bremst Zinssenkungsforderungen
Die aktuellen Wirtschaftsdaten bieten wenig Argumente für eine geldpolitische Lockerung. Im März lag die Kerninflation bei 3,2 %, deutlich über dem 2 %-Ziel der Fed. Dieser Anstieg wird durch den Iran-Krieg und dessen Auswirkungen auf die Ölpreise sowie durch Zölle verstärkt, die die Verbraucherpreise hoch halten.
Gleichzeitig fielen die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe auf den niedrigsten Stand seit September 1969, was auf einen stabilen Arbeitsmarkt hindeutet. Die Entlassungen befinden sich auf dem niedrigsten Niveau seit den frühen Jahren der Nixon-Regierung. Diese Datenlage könnte die Forderungen nach sofortigen Zinssenkungen, wie sie von Präsident Trump und Kevin Warsh vertreten werden, zusätzlich erschweren.
Powells Rolle als Gouverneur und Warshs Herausforderungen
Jerome Powell hat versichert, als Gouverneur ein "niedriges Profil" zu wahren und nicht als "Schattenvorsitzender" agieren zu wollen. Er betonte, es gebe "immer nur einen Vorsitzenden" der Federal Reserve. Ehemalige Fed-Vizepräsidenten wie Roger Ferguson teilen Powells Zuversicht in Kevin Warshs Fähigkeiten, die Fed auf ihre Hauptziele – niedrige Inflation und Vollbeschäftigung – zu konzentrieren.
Dennoch könnte Powells Verbleib die Konsensbildung für Warsh erschweren, insbesondere bei der Durchsetzung von Zinssenkungen. David Seif, Chefökonom bei Nomura, meint, dass es Warsh "wahrscheinlich etwas länger dauern wird, den Konsens aufzubauen, den er anstrebt". Roger Ferguson merkte an, dass Warsh "einen schmalen Grat beschreiten muss, da er eindeutig nicht die Stimmen für sofortige Maßnahmen hat, schon gar nicht für Zinssenkungen in naher Zukunft." Joseph Brusuelas schloss nicht aus, dass Powell bei einer vorzeitigen Zinssenkung die entscheidende Stimme sein könnte.