
Gold und Silber im Höhenflug: "Sell America" und die FOMO-Rallye
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Die Edelmetallmärkte erleben eine beispiellose Rallye, die Gold und Silber auf neue Rekordhochs katapultiert hat. Angetrieben von der "Sell America"-Stimmung und einer von der Angst, etwas zu verpassen (FOMO), getragenen Dynamik, strömen Privatanleger in Scharen in diese vermeintlich sicheren Häfen. Doch während die Preise steigen, wachsen auch die Sorgen vor einer möglichen Blase.
Edelmetalle im Höhenflug: Ein Überblick
Die jüngsten Entwicklungen haben die Preise für Gold und Silber erneut in die Höhe schnellen lassen. Gold-Futures erreichten am Dienstag ein Allzeithoch von 4.755 US-Dollar pro Feinunze, was einem Jahresplus von fast 75 % entspricht. Seit Jahresbeginn stieg der Goldpreis um 9 %. Silber verzeichnete ebenfalls ein Allzeithoch und weist eine beeindruckende 12-Monats-Rendite von 200 % auf. Diese Entwicklung übertrifft die Performance des S&P 500, dessen geringe Jahresgewinne am Dienstag wieder zunichtegemacht wurden.
"Sell America" und die Angst vor der Volatilität
Auslöser für den jüngsten Anstieg waren die Drohungen von US-Präsident Donald Trump, Zölle auf europäische Länder zu erheben, die sich seinen Bemühungen widersetzen, Grönland zu erwerben. Trump kündigte am Samstagmorgen in einem Truth Social-Beitrag an, ab dem 1. Februar einen 10 %-Zoll auf ausgewählte europäische Länder zu erheben, der am 1. Juni auf 25 % steigen würde, "bis eine Einigung über den vollständigen Kauf Grönlands erzielt wird".
Diese Drohungen belebten den "Sell America"-Handel, bei dem internationale Investoren US-Vermögenswerte abstoßen. Die Finanzmärkte reagierten nervös: Der S&P 500, Dow Jones Industrial Average und Nasdaq Composite fielen jeweils um 1 % oder mehr. Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe stieg über 4,3 %, und der US-Dollar-Index fiel um fast 1 %. Der Cboe Volatility Index (VIX), auch bekannt als "Angst-Index", sprang ebenfalls an.
Jeremy Cerza, ein 45-jähriger Privatanleger, äußerte seine Bedenken: "Meiner Meinung nach gibt es derzeit zu viel Volatilität an den US-Märkten." Er plant, rund 20.000 US-Dollar aus US-Aktien abzuziehen und in Edelmetalle zu investieren, sollte der S&P 500 an fünf aufeinanderfolgenden Tagen um mehr als 1 % fallen. Experten befürchten, dass Trumps Aktionen das globale Vertrauen in den US-Dollar und US-Staatsanleihen untergraben könnten, die Säulen des globalen Finanzsystems.
Die Rallye des Jahres 2025: FOMO und fundamentale Sorgen
Bereits im Jahr 2025 waren Gold und Silber die Top-Performer. Gold verzeichnete sein bestes Ergebnis seit 1979 und stieg seit Anfang 2025 um 73 %. Silber übertraf dies noch mit einem Anstieg von 194 % seit Anfang 2025, der besten Jahresperformance seit Jahrzehnten. Diese Entwicklung wurde durch Sorgen um Inflation, Zölle und die Stärke der US-Wirtschaft befeuert, was die "Sell America"-Diskussion verstärkte.
Die Rallye nahm in der zweiten Jahreshälfte 2025 Fahrt auf und entwickelte sich zu einer FOMO-getriebenen, "Meme-ähnlichen" Bewegung. Privatanleger investierten im Durchschnitt täglich netto 15 Millionen US-Dollar in Gold und 7 Millionen US-Dollar in Silber, so Daten von VandaTrack Research. Auch online war das Interesse groß: Der SPDR Gold Shares ETF war laut SwaggyStocks der drittmeistdiskutierte Wert auf r/WallStreetBets, und der iShares Silver Trust ETF gehörte zu den Top 20.
Bilaal Dhalech, ein Privatanleger, der seit der Pandemie in Edelmetalle investiert, sagte: "Ich war schockiert zu sehen, wie eine konservative Anlage wie Gold und Silber explodiert. Fast wie Meme-Coins." Er fügte hinzu: "Es ist beängstigend, so viel Enthusiasmus zu sehen."
Anlegerstimmen und die Rolle der "Gold Bugs"
Viele Anleger sehen Edelmetalle als Absicherung gegen Inflation und "exzessives Gelddrucken". Bilaal Dhalech hält physisches Gold und Silber im Wert von rund 10.000 US-Dollar und Gold-ETFs im Wert von 11.000 US-Dollar, wobei seine ETF-Bestände um 30 % gestiegen sind. Jesse Gaddis, ein PR-Profi, der mit Edelmetallunternehmen zusammenarbeitet, besitzt physische Metalle im Wert von etwa 20.000 US-Dollar und ETFs im Wert von 15.000 US-Dollar. Er betrachtet Gold und Silber als "Vermögensschutz" und sieht die "Sell America"-Stimmung als einen Grund für den Ansturm.
Eric Gozenput, CEO von Bullion Exchanges, einem Edelmetallhändler in New York, berichtete, dass sein Unternehmen im Jahr 2025 seine Kundenzahl verdoppelt habe. Vor seiner Filiale im Diamond District in Manhattan bildeten sich konstant Schlangen von 10 bis 20 Personen, viele davon Erstkäufer. Gozenput spekulierte, dass das Wachstum ohne Kapazitätsengpässe und Engpässe bei einigen Metallen, wie Silber, sogar 200 % hätte erreichen können. Er glaubt, dass viele Kunden von prominenten "Gold Bugs" beeinflusst werden, die die Vorteile von Edelmetallen angesichts von Zöllen und Inflation betonen, und sich mit Trends wie dem "Entwertungshandel" auseinandersetzen, der eine Schwächung des US-Dollars und dollar-denominierter Anlagen prognostiziert.
Ist die Rallye eine Blase? Warnsignale und Gewinnmitnahmen
Die Sorge, dass die Rallye zu weit gegangen ist, wächst. Jeffrey Christian, Rohstoffexperte und Geschäftsführer der CPM Group, ist der Ansicht, dass der "Sell America"-Handel den Großteil der Gold- und Silberrallye bis Ende letzten Sommers befeuerte. Als die Fed im August 2025 signalisierte, die Zinsen weiter zu senken, sei der spekulative Handel in Gang gekommen, der die FOMO-Welle auslöste. Er beobachtete, dass seine "traditionelleren" Edelmetallinvestoren begannen, sich zurückzuziehen, als die Preise in die Höhe schossen.
Christian schätzt, dass Gold um bis zu 9 % und Silber um bis zu 31 % fallen könnten, sollte der Hype nachlassen. Bilaal Dhalech glaubt zwar nicht an einen Crash, würde aber eine kurzfristige Korrektur von 10 % bei Gold und Silber nicht ausschließen. Jesse Gaddis hat bereits reagiert und in der vergangenen Woche etwa die Hälfte seiner Silber- und Gold-ETFs verkauft, um Gewinne mitzunehmen. Er warnte: "Es ist ein schöner, langsamer Aufstieg, aber ein schneller Abstieg mit dem Aufzug", und merkte an, dass es schwieriger wäre, seine physischen Metalle loszuwerden. Die extreme Nachfrage und die rasante Preisentwicklung lassen viele Marktbeobachter vorsichtig werden.