
H-1B Visum: US-Unternehmen navigieren durch Kosten und Unsicherheit
ℹKeine Anlageberatung • Nur zu Informationszwecken
Das H-1B Visumprogramm in den USA befindet sich seit September in einem Strudel von Veränderungen, die weitreichende Auswirkungen auf Unternehmen und Fachkräfte haben. Eine neue Gebühr von 100.000 US-Dollar, verschärfte Überprüfungsanforderungen für soziale Medien und ein bevorstehendes lohnbasiertes Lotteriesystem zwingen Unternehmen landesweit dazu, ihre Strategien neu zu bewerten und Notfallpläne zu entwickeln.
"Unvorhersehbarkeit ist einer der größten Feinde für Unternehmen", kommentiert Rohit Srinivasa, ein Einwanderungsanwalt aus Los Angeles, der Start-ups und mittelständische Technologieunternehmen berät. Die konstanten politischen Verschiebungen führen dazu, dass Firmen ihre Sponsoring-Richtlinien straffen, Budgets für höhere Kosten anpassen und alternative Wege für ein Programm suchen, das sich ständig wandelt.
Die 100.000-Dollar-Gebühr und ihre Auswirkungen
Im September wurde eine Gebühr von 100.000 US-Dollar für neue H-1B Visumsanträge eingeführt, die sich auf im Ausland lebende Arbeitnehmer bezieht. Obwohl diese Gebühr einen engen Anwendungsbereich hat und die Mehrheit der Fälle, wie der Wechsel von Studentenvisa zu Arbeitsvisa oder Arbeitgeberwechsel bestehender H-1B Inhaber, nicht betrifft, hat sie dennoch eine spürbare Wirkung.
Divij Kishore, Einwanderungsanwalt bei Flagship Law in New York, berichtet von einem Rückgang der H-1B Sponsoring-Anfragen um 40 bis 50 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren. Arbeitgeber seien sich unsicher über die genauen Kosten. K. Edward Raleigh, Partner bei der Einwanderungsfirma Fragomen, die große Technologieunternehmen wie Apple und Nvidia vertritt, sieht zwar keine wesentliche Verlangsamung bei den H-1B Anträgen insgesamt, da die meisten Erneuerungen für bestehende Mitarbeiter betreffen. Dennoch würden Unternehmen ihre Sponsoring-Richtlinien "straffen" und "vorsichtig vorgehen".
Ted Chiappari, Leiter der Einwanderungspraxis bei der Anwaltskanzlei Duane Morris, betont die Unsicherheit: "Nur weil die Dinge am Montag so sind, heißt das nicht, dass sie am Dienstag genauso sein werden, und sie werden am Mittwoch nicht wieder so sein." Daten der National Foundation for American Policy zeigen, dass weniger H-1B Visa an indische IT-Beratungsfirmen vergeben wurden. Stattdessen belegten Amazon, Meta, Microsoft und Google im Geschäftsjahr 2025 erstmals die Top vier Plätze bei den H-1B Genehmigungen, was auf eine bereits vor den jüngsten Änderungen begonnene Neuausrichtung der Tech-Einstellungsstrategien hindeutet.
Besonders betroffen sind Universitäten und gemeinnützige Gesundheitsorganisationen, die traditionell Professoren und medizinisches Personal aus dem Ausland rekrutierten. Diese Institutionen haben die Einreichung von Anträgen, die der Gebühr unterliegen, weitgehend eingestellt, da sie im Gegensatz zu gewinnorientierten Unternehmen das ganze Jahr über H-1B Arbeitskräfte einstellen können, ohne die jährliche Lotterie durchlaufen zu müssen. Chiappari beschreibt diese "Pipeline als ausgetrocknet".
Rechtliche Anfechtungen der Gebühr
Die Einführung der 100.000-Dollar-Gebühr wurde von mehreren Seiten rechtlich angefochten. Die U.S. Chamber of Commerce, die größte Wirtschaftslobbygruppe des Landes, reichte im Oktober eine Klage ein, mit der Begründung, die Gebühr sei ungesetzlich, da sie das föderale Einwanderungsrecht außer Kraft setze und die vom Kongress gewährte Befugnis zur Festlegung von Gebühren überschreite.
US-Bezirksrichterin Beryl Howell entschied jedoch am Dienstag, dem 23. Dezember 2025, zugunsten der Trump-Administration. Sie befand, dass die Anordnung des Präsidenten rechtmäßig sei und unter einer "ausdrücklichen gesetzlichen Ermächtigung des Präsidenten" erlassen wurde. Howell schrieb: "Hier hat der Kongress dem Präsidenten eine weitreichende gesetzliche Befugnis erteilt, die er genutzt hat, um die Proklamation zu erlassen, die, wie er es für richtig hält, ein Problem anspricht, das er als Angelegenheit der wirtschaftlichen und nationalen Sicherheit betrachtet."
Daryl Joseffer, Executive Vice President der Chamber, äußerte sich enttäuscht über die Entscheidung und erklärte, die Gebühr mache H-1B Visa unerschwinglich. Die Chamber erwägt weitere rechtliche Schritte. Neben der Klage der Chamber sind zwei weitere Klagen anhängig: eine von einer Koalition von 19 bzw. 20 Bundesstaaten, die sich auf die Auswirkungen auf den öffentlichen Sektor, insbesondere im Gesundheits- und Bildungsbereich, konzentriert, und eine weitere von Einwanderungsbefürworterorganisationen und betroffenen Arbeitgebern.
Der Wandel zum lohnbasierten Lotteriesystem
Ab der Lotterie 2026 wird das H-1B Visumprogramm eine weitere grundlegende Änderung erfahren: Die Anträge werden nach Gehaltsniveau gewichtet. Arbeitnehmern, denen die höchsten Löhne angeboten werden, erhalten vier Einträge in der Lotterie, während diejenigen in der niedrigsten Stufe nur einen erhalten. Die Regierung argumentiert, dies solle sicherstellen, dass Visa an die qualifiziertesten Arbeitskräfte vergeben werden.
Diese Änderung dürfte großen Technologieunternehmen zugutekommen, die es sich leisten können, Mitarbeiter in den höchsten Gehaltsstufen zu platzieren. Für kleinere Unternehmen, gemeinnützige Organisationen und Start-ups könnte dies jedoch eine Herausforderung darstellen. Sophie Alcorn, eine Einwanderungsanwältin aus der Bay Area, die sich auf Start-ups konzentriert, merkt an, dass "oft die besten Start-up-Gründer auf ein existenzsicherndes Gehalt verzichten, weil sie ihrer Mission so sehr verschrieben sind." Diese Start-ups könnten die größten Schwierigkeiten haben, die richtigen Leute durch dieses zukünftige System zu bekommen.
Divij Kishore weist darauf hin, dass ein höheres Gehalt nicht immer mehr Fähigkeiten bedeutet. Ein Berufseinsteiger in einer großen Anwaltskanzlei könnte 225.000 US-Dollar verdienen, während ein ebenso qualifizierter Kollege in einer kleineren Kanzlei deutlich weniger erhält. Im neuen System hätte der Anwalt der Großkanzlei deutlich bessere Lotteriechancen. Anwälte raten ihren Mandanten davon ab, Gehälter künstlich aufzublähen, um das System zu manipulieren, da die Spanne zwischen den Gehaltsstufen typischerweise 20.000 bis 30.000 US-Dollar beträgt – weit weniger als die 100.000-Dollar-Gebühr.
Die Annahme, dass die 100.000-Dollar-Gebühr die Chancen für ausländische Studenten in den USA verbessern könnte, indem weniger Unternehmen Kandidaten in die Lotterie schicken, hat sich durch das lohnbasierte System umgekehrt. Kishore erklärt, dass Studenten, die typischerweise mit niedrigeren Gehältern in den Arbeitsmarkt eintreten, weniger Chancen in der Lotterie erhalten werden.
Unternehmensstrategien und Alternativen
Anstatt das H-1B Sponsoring ganz aufzugeben, suchen Unternehmen nach alternativen Wegen und Backup-Strategien. Das Interesse an O-1 Visa für Arbeitnehmer mit "außergewöhnlichen Fähigkeiten" ist gestiegen, obwohl nicht jeder die strengen Qualifikationen erfüllt, die Patente, Auszeichnungen und Medienberichterstattung umfassen.
Weitere Alternativen umfassen:
- E-2 Investorenvisa: Für Gründer aus Ländern mit US-Handelsabkommen, die auch Arbeitserlaubnis für Ehepartner bieten.
- EB-1C Pfad: Unternehmen entsenden Manager für ein Jahr ins Ausland, bevor sie sie in die USA zurückholen.
- L-1 Visa: Unternehmen gründen internationale Büros und versetzen Mitarbeiter in die USA.
- Dienstleister wie Deel und Rippling: Diese fungieren als offizieller Arbeitgeber und kümmern sich um die Einwanderungsformalitäten für Kundenunternehmen.
Große Technologieunternehmen sowie Wall-Street-Firmen wie JPMorgan und Goldman Sachs erweitern ihre Aktivitäten in indischen Städten wie Bengaluru und Hyderabad. Kishore berichtet, dass einige seiner Kunden präventiv Offshore-Anbieter kontaktieren, um die Personalkapazität zu erhöhen, falls sie Arbeitskräfte nicht wie geplant in die USA bringen können. Er fügt hinzu: "Wenn sie die gleichen hundert Dollar im nächsten Jahr nicht innerhalb der USA ausgeben können, werden sie hundert Dollar außerhalb der USA ausgeben."
Menschliche Kosten und Compliance
Neben den politischen Änderungen passen Unternehmen auch ihre Compliance-Strategien an, um Gebühren zu vermeiden oder gegen neue Regeln zu verstoßen. K. Edward Raleigh betont, dass die Aufrechterhaltung eines gültigen Einwanderungsstatus für Arbeitnehmer noch kritischer geworden ist, da jeder Verstoß dazu führen könnte, dass jemand das Land verlassen und mit einem neuen H-1B Visum zurückkehren muss, was möglicherweise die 10.000-Dollar-Gebühr auslösen könnte.
Unternehmen aktualisieren ihre HR-Richtlinien, einschließlich Anweisungen zur Social-Media-Präsenz für ausländische Mitarbeiter, als Reaktion auf neue Überprüfungsanforderungen. Einige raten Mitarbeitern, internationale Reisen ganz zu vermeiden, selbst wenn dies technisch erlaubt ist. Ted Chiappari erhält weiterhin ständige Fragen von besorgten H-1B Inhabern, ob internationale Reisen sicher seien. "Selbst wenn ich eine dreiseitige eidesstattliche Erklärung schreibe, die erklärt, dass sie keine Probleme haben werden, in die Vereinigten Staaten zurückzukehren, werden sie es einfach nicht glauben, und sie bleiben hier", so Chiappari.
Die menschlichen Kosten sind real: verschobene Hochzeiten, ausgelassene Urlaube und verzögerte Geschäftsreisen. Arbeitgeber müssen "auf das, was in den nächsten Monaten kommt, vorbereitet und agil sein", fasst Divij Kishore zusammen.